Jung und alt im Wahlkampf: Zoomer gegen Boomer

Frühreife KlimaaktivistInnen versus bornierte EgoistInnen: Wie wir aus der Wahlkampf-Logik des inszenierten Generationenkonflikts herauskommen.

Eine Menschenmenge, ein mann trägt ein kind auf den Schultern

Der Wahlkampf wird medial als Showdown eines ramponierten Generationenverhältnisses arrangiert Foto: Michael Debets/Pacific Press Agency/imago

Das Wahlkampffinale wird medial als Showdown eines ramponierten Generationenverhältnisses arrangiert: Sat.1 zitiert die Kan­di­da­t:in­nen ins Klassenzimmer, Pro7 flüstert Kindern frühreife Fragen ein, um die Be­wer­be­r:in­nen entsprechend alt aussehen zu lassen. Die Website enkelkinderbriefe.de, unterstützt von Fridays for Future und kulturschaffender Prominenz, macht aus geliebten Nachkommen plagiierende Plagen. Dort steht ein Vorlagengenerator für emotionale Erpresserbriefe bereit: „Liebe Oma, lieber Opa, ich wollte euch mal wieder schrei­ben, weil ich mir Sorgen um die Zukunft mache.“ Und ein anderer Enkeltrick sorgte jüngst auf Twitter für Furore: Die Familie einer 96-Jährigen verkündete, sie sei der Oma bei der Briefwahl behilflich gewesen. „Wo steht die CDU?“, hatte sich Oma erkundigt. Aber man versicherte ihr: „Mutter. WIR wählen die Grünen“. Und so geschah es.

Diese „verkehrte“ Nachhilfe wirkt bisweilen unappetitlich. Nicht nur werden hier Minderjährige und deren berechtigte Zukunftsängste instrumentalisiert. Zugleich wird ein identitätspolitisch bizarres Bild vom realen Zusammenleben der Generationen gezeichnet: „Wir, die Jungen, werden von euch, den Alten, unterdrückt und unserer Zukunft beraubt!“ Aber stimmt es eigentlich, dass die Älteren bloß egoistisch sind und widerwillig, den Planeten zu retten?

Wer Generationengerechtigkeit fordert, setzt zu Recht voraus, dass die Welt nicht allein den heute Lebenden gehört. Schon Karl Marx mahnte angesichts des kapitalistischen Raubbaus, die Erde sei „den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“. Zwar muss man so weit gar nicht gehen. Es würde schon reichen, die Welt einfach nicht kaputtzumachen. Das moralische Mindestgebot lässt sich auf eine einfache sanitäre Formel bringen: „Bitte hinterlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn vorzufinden wünschen!“

Manche deuten diese Pflicht religiös im Sinne einer zu bewahrenden „Schöpfung“. Andere vertragstheoretisch: Da ich niemandem zugestehe, egoistisch „unsere“ Ressourcen zu verschwenden, muss ich mich auch selbst zurückhalten; und zwar selbst noch ungeborenen Generationen gegenüber. Dritte betrachten das Problem familiär. Schon Immanuel Kant gab zu bedenken, dass Eltern ihre Kinder „ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt“ haben und damit die Verpflichtung eingehen, ihre Nachkommen „mit diesem ihrem Zustande zufrieden zu machen“. Salopp formuliert: Statt mich zu zeugen, hättet ihr ja auch eine Viertelstunde spazieren gehen können!

Woraus aber resultiert der üble Beigeschmack jener „Zoomer gegen Boomer“-Kampagnen? Sind diese nicht einfach nur konsequent? Die zugespitzte Frontstellung wird befeuert von der Selbstgerechtigkeit tonangebender Jugendfunktionäre, die ganz genau zu wissen scheinen, wer schuld an der Katastrophe ist. Die Großeltern werden längst unironisch als „Umweltsäue“ markiert, die von ihrer automobilen Dreckschleuder nicht lassen wollen und Discounterfleisch futtern.

Es ist wohlfeil, mit dem Katastrophenwissen von heute Lebensstile von gestern zu skandalisieren

Abgesehen davon, dass es wohlfeil ist, mit dem Katastrophenwissen von heute Lebensstile von gestern zu skandalisieren: Diese denunziatorische Pauschalität wird weder dem individuellen ökologischen Fußabdruck jener hinterherhinkenden Ahnen gerecht – im Vergleich etwa zur industriell organisierten Verantwortungslosigkeit. Noch wird gesehen, dass dieser Fußabdruck von Oma zu Opa sehr verschieden ausfällt, und zwar abhängig von Diversitätskriterien, die eine „intersektionale“ Gerechtigkeitstheorie heute zu beachten hätte: Einkommen, Bildung, Herkunft, Geschlecht usw.

Zweitens irritiert die Scheinfrömmigkeit, mit der man sich darüber hinwegtäuscht, dass der ökologische Raubbau Folge eines kapitalistisch produzierten Wohlstands ist, von dem auch die Kri­ti­ke­r:in­nen profitieren: reduzierte Säuglingssterblichkeit, höhere Lebenserwartung, bessere Gesundheitsversorgung, Mobilität, Online-Shopping. Man darf heute kiffen, ohne in den Knast zu wandern, die Regierung beschimpfen, ohne nachts aus dem Bett geholt zu werden, lieben, wen man will, freitags die Schule schwänzen, ohne von den Lehrern verprügelt zu werden. Wem hat die Jugend das eigentlich zu verdanken? Sich selbst?

Die dritte Aversion betrifft die undemokratische Präpotenz, mit der sich die Apparatschiks der Nachwelt nach einer „Entmündigung“ der senilen Altvorderen sehnen. Sicher, bei Wahlen geht es stets auch um die Zukunft, und an dieser ist die Jugend von heute naturgemäß mehr interessiert als die Jugend von gestern. Aber die Demokratie muss auf dem Unterschied von „überzeugen“ und „überrumpeln“ beharren. Ich persönlich kenne keine Eltern, die rufen: „Nach uns die Sintflut“. Sondern nur Eltern, die beim Wählen auch an ihre Kinder denken. Daher ein Vorschlag zur Güte.

Undemokratisch ist vor allem, dass Ältere bei Wahlen viel stärker als Jüngere ins Gewicht fallen. Das ist nicht nur der Demografie, dem Trend zur Kinderlosigkeit sowie dem Umstand geschuldet, dass Ältere häufiger zur Wahlurne schreiten. Das Wahlrecht selbst ist nicht mehr zeitgemäß. Die Stimmen eines kinderlosen Paars zählen am Wahlsonntag genauso viel wie die einer sechsköpfige Familie mit Kindern unter 18. Eine Absenkung des Wahlalters ginge da nicht etwa zu weit, sondern nicht weit genug. Wir brauchen ein „Familienwahlrecht“, bei dem Eltern für ihre Kinder mitwählen dürfen.

Leicht lässt sich erahnen, wie rasch sich die Wahlprogramme ändern würden. Der Einwand, Kindern fehle die politische Reife und Eltern könnten ihr Stimmrecht missbrauchen, geht am Kern des Problems vorbei. Mangelnde Reife herrscht auch aufseiten vieler Erwachsener. Und die Warnung vor Wahlrechtsmissbrauch übersieht einmal mehr, dass Eltern zuzutrauen ist, sich um die Zukunft ihrer Kinder zu sorgen. Es bedarf also keiner Enkeltricks, damit die Demokratie aus den Kinderschuhen herauswächst, sondern einer „kleinen“ Revolution des Wahlrechts.

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