Judenfeindliche Schmierereien in Berlin: Wie Antisemitismus wirkt
In Prenzlauer Berg stehen Aufrufe zum Töten von Juden, das Wohnhaus eines NGO-Mitarbeiters wird markiert. Doch es gibt Gegenwehr aus der Nachbarschaft.
Die Erschütterung ist im Kiez auch am Mittwoch noch zu spüren. Die antisemitischen Schmierereien sind zwar übermalt, doch unter der Farbe lässt sich noch erahnen, was hier stand. Gleich mehrere Passant*innen sprechen den Polizisten an, der gegen Mittag in der Ueckermünder Straße auf Streife ist. Um Präsenz zu zeigen, wie er sagt. Hier im Prenzlauer Berg hatten in der Nacht zu Sonntag Unbekannte an mehreren Häuserwänden Todesdrohungen gegen Jüdinnen und Juden hinterlassen. „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“, stand dort in großen schwarzen Blockbuchstaben, direkt neben zwei Fenstern einer ebenerdigen Wohnung.
Am Eckhaus prangte der Schriftzug: „Kill all Jews“. Derselbe Satz fand sich an einer Wand in der Straße noch einmal, hier zusammen mit einem Hakenkreuz. Ein paar Häuser weiter sind die übermalten Zahlen noch gut zu erkennen: 271K stand dort, in derselben Größe und Schrift wie die anderen Schmierereien. Es ist ein rechtsextremer Code, der für die Verschwörungstheorie steht, dass die Nazis 271.000 Jüdinnen und Juden ermordet hätten, und nicht 6 Millionen.
„Ich habe gar nichts dagegen, wenn mal ein provokanter Satz fällt“, sagt ein Passant. Im Gegenteil, er begrüße kontroverse Meinungen oder auch heftigere Diskussionen. „Aber das hier, das ist Next Level.“ Die Gegend sei eigentlich sehr ruhig, findet er. Ein anderer Passant fragt den Polizisten, ob die Polizei schon etwas über die Täter herausgefunden habe. Er sei Vater und wohne mit seiner jüdischen Familie in der Gegend. „Wir haben das mit Freunden besprochen. Wir denken nicht, dass es gezielt gegen uns Anwohner*innen hier war“, sagt er. Der Schock sitzt trotzdem tief.
Bereits zwei Wochen zuvor hatte jemand in der Straße „Kill all Jews“ und ein 70 mal 70 cm großes Hakenkreuz an ein Wohnhaus direkt neben einer Eingangstür geschmiert. Anwohner*innen hatten Schriftzug und Hakenkreuz direkt mit zwei silbrigblauen großen Herzen übermalt. Der Staatsschutz ermittelt in beiden Fällen wegen antisemitischer, volksverhetzender Sachbeschädigung. Die Polizei hat Zettel aufgehängt und bittet um Hinweise, falls jemand etwas beobachtet hat.
Kreideherzen auf dem Bürgersteig
Auf der Straßenseite mit den Graffiti ist der Bürgersteig mit Kreidebotschaften beschrieben. „Zusammenhalt“, „Solidarität“, „Kein Platz für Hass“ und „Pankow bleibt bunt“ ist zu lesen, eingerahmt von zahllosen Herzen und gefolgt von „Wir sehen hin“ und „Liebe ist lauter“. Kinder haben es in den vergangenen Tagen hingeschrieben. „Darüber habe ich mich gefreut, es macht mich froh“, sagt der Familienvater.
„Es mindert nicht das Entsetzen, aber es macht doch einen großen Unterschied, wie ein solcher Tag danach aussieht“, kommentierte der Journalist und Autor Ronen Steinke die Kreidezeichnungen auf Instagram. Für Sonntag ruft eien Initiative zu einer Mahnwache gegen Antisemitismus in der Schönhauser Allee auf.
Der direkte Gewaltaufruf in Pankow reiht sich ein in diverse antisemitische Straftaten und Drohungen allein in jüngster Zeit. Am Mittwoch etwa wurde bekannt, dass Unbekannte das Klingelschild eines Mitarbeiters beim Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) mit einem roten Hamas-Dreieck markiert und seinen Namen an der Klingel mit roter Farbe beschmiert hatten. Auch hier ermittelt der Staatsschutz. Das rote Dreieck nutzt die in Hamas in ihren Propagandavideos, um Ziele zu markieren.
Und nach Berichten auf der Plattform X wird der Betreiber des israelischen Restaurants Gila & Nancy am Gendarmenmarkt sein Restaurant aufgeben, dem Vernehmen nach auch wegen Anfeindungen. Das Personal sei mehrfach belästigt und bedroht worden, antiisraelische Demonstrationen hätten den Betrieb wiederholt gestört. Es ist nicht das einzige israelische Restaurant, das angefeindet wird.
Andreas Büttner wohl von Bekannten angegriffen
Immerhin, so mag man versucht sein zu sagen, im Fall von Andreas Büttner, dem Antisemitismusbeauftragten von Brandenburg, scheint Antisemitismus nicht das Motiv gewesen zu sein. Das zeichnete sich den Polizeiermittlungen zufolge am Dienstag ab. Die Polizei verdächtigt zwei Menschen aus dem engeren Bekanntenkreis von Büttner, dass diese im Januar einen Schuppen auf Büttners Grundstück mit einem Dreieck beschmiert und in Brand gesteckt hatten. Es war nicht der erste Angriff auf Büttner. Auch hier hatte der Staatsschutz ermittelt.
Ein antisemitisches Tatmotiv schien aufgrund vorheriger Anfeindungen und wegen Büttners Position zunächst plausibel. „Wenn die beiden tatsächlich die Täter sind, hat das aus meiner Sicht nichts mit Antisemitismus zu tun“, hatte Büttner nun am Dienstag gesagt. Es gebe für ihn keine Erklärung dafür. Hier scheint Antisemitismus also nicht das Motiv gewesen zu sein.
Doch wie sehr fällt das noch ins Gewicht, angesichts der Bedrohungen und Anfeindungen gegenüber jüdischen und israelischen Menschen – die teils weniger prominent und damit möglicherweise weniger geschützt sind? Die Vorfälle zeigen aber auch: Es reicht schon ein bisschen bunte Kreide und Entschiedenheit, um einen ersten Schritt gegen antisemitische Gewalt zu tun.
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