Jobmesse für Geflüchtete: Bürokratie blockiert noch zu oft Arbeitskräfte
Die Berufsmesse Future Together bringt Unternehmen und Geflüchtete zusammen. Die Handelskammer sieht darin eine große Chance und fordert dabei noch mehr Offenheit.
Der Stand von Burgermeister lockt mit Cookies, beim Stand der Bio Company gibt es Äpfel. Es ist kein Markt, der im Ludwig-Erhard-Haus unweit des Bahnhofs Zoo stattfindet, sondern eine Berufsmesse für Geflüchtete: die FutureTogether (FuTog). „Auf der FuTog bringen wir Unternehmen und Geflüchtete direkt zusammen und schaffen unkomplizierte Möglichkeiten – ohne Formulare und Stellenportale“, sagt Nicole Trauelsen, Geschäftsführerin vom Jobcenter Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf.
So sollen berufliche Perspektiven für Menschen mit Fluchterfahrung geschaffen und der Fachkräftemangel besiegt werden – vorbei an der üblichen Bürokratie. Es ist das siebte Mal, dass diese Messe seit 2022 stattfindet, organisiert von der Industrie- und Handelskammer Berlin, der Handwerkskammer Berlin, den Berliner Arbeitsagenturen und den Berliner Jobcentern. Etwa 3.500 Menschen mit Fluchthintergrund treffen dort am Mittwoch auf rund 50 Berliner Unternehmen.
Ausbildungskoordinator Helmut Arndt
Unter ihnen ist auch Wahrdi. Gemeinsam mit einem Freund bewegt er sich durch die volle Aula, in der es hallt und in der die Besucher*innen sich drängen und von Stand zu Stand schieben. Vorbei an Übersetzer*innen in gelben Shirts und lila Westen, die russisch, persisch, arabisch und kurdisch sprechen. In seiner Heimat Afghanistan besaß der 45-jährige Familienvater einen Lebensmittelladen, hier arbeitet er in der Security-Branche. Eine erste Weiterbildung im Security-Bereich hat er bereits gemacht, auf der FuTog will er sich über weitere Arbeitsmöglichkeiten in der Branche informieren.
Die Security-Stände sind im ersten Stock der Aula. Auf dem Weg dorthin fällt der Blick von der Treppe aus auf Vertreter*innen der BVG und der Deutschen Bahn, auch die Berliner Wasserbetriebe sind da. Oben angekommen werben neben Security-Firmen unter anderem Meininger Hotels und Frisch & Faust Tiefbau für ihre Ausbildungs- und Jobangebote. Das Unternehmen beschäftigt 160 Menschen, darunter viele mit Migrationshintergrund. Der Ausbildungskoordinator Helmut Arndt erklärt, dass die meisten Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten kommen. Und das sei gerne gesehen: „Wir trennen nicht zwischen Geflüchteten und anderen Bewerbern. Wir brauchen Fachkräfte. Wo die herkommen, ist uns egal“, sagt er.
Möglichkeit zur Eingewöhnung
Hauptsache, sie kämen in die Firma. Und Hauptsache, es gebe Möglichkeiten zur Eingewöhnung in Sprache, Arbeitsfeld und Kultur, sagt Arndt. Da wäre zum Beispiel die Einstiegsqualifikation: eine Art halbjähriges Praktikum zu Beginn, subventioniert von der Arbeitsagentur und vom Unternehmen auf Azubigehalt aufgestockt. Im Anschluss führt das dann in die Ausbildung. Es sei denn, die Arbeitsagentur sagt: „Tut mir leid, eine Einstiegsqualifizierung können wir nicht machen, weil er nicht die passende Bleiberechtssituation hat“, ärgert sich der Ausbildungskoordinator.
Wenn solche Fragen akut werden, können sich Geflüchtete und Unternehmer an Arrivo wenden. Sie bieten zudem kostenlose Sprach- und Berufsorientierungskurse an. Auf der FuTog ist der Arrivo-Stand im Eingangsbereich, eine Mitarbeiterin kommt zum Hallo-Sagen an den Frisch-&-Faust-Tiefbau-Stand.
All das sind Hebel im Kampf gegen die Bürokratie, der trotzdem nicht aufhört. „Wir hatten einen perfekten Schweißer und konnten ihn wegen Bleiberechtsregelungen nicht sofort übernehmen“, erzählt Arndt kopfschüttelnd. Es ist ein Beispiel von vielen, bei denen Bürokratie Anstellungen erschwert oder verhindert. Die Empörung und den Unglauben darüber teilt der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, Jürgen Wittke. Vor allem Debatten um schnellere Abschiebungen passten überhaupt nicht zum bestehenden Fachkräftemangel, sagt er energisch: „Man muss ran an das Thema, wie schnell jemand arbeiten darf. Wenn die Nachfrage da ist, dann stellt sich die ganze Frage des Fluchtgrundes überhaupt nicht mehr.“
Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer
Lust zu arbeiten hätten die meisten, das bestätigt auch Trauelsen aus ihrer Erfahrung aus dem Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf: „Viele wollen sich hier in Deutschland ein Leben aufbauen und eine Bleibeperspektive haben. Dazu gehört Arbeit mit dazu.“
Sprachkenntnisse entscheidend
Um das zu ermöglichen, ist auch die Sprache wichtig. Im Tief- und Straßenbau klingt das so: „Wenn wir sagen, Vorsicht, da kommt ein Bagger, gehen Sie bitte zur Seite, dann musst du das sofort verstehen“, erklärt Arndt. Damit ist Frisch & Faust keine Ausnahme. Vielen Arbeitgeber*innen sei das Sprachniveau B1 oder B2 wichtig, sagt auch Trauelsen. Nur: Eine neue Sprache zu lernen, sagt Arendt, sei ohne Hilfsangebote nicht möglich. Nach einer Flucht, in einem neuen Land, oft auf engem Raum lebend und abends nach Feierabend: Das sei schlichtweg unrealistisch.
Wenn also Sprach- und Integrationskurse gekürzt werden, nennt er das „Irrsinn“: „Ich verstehe solche Entscheidungen nicht. Wie soll ich jemanden integrieren, wo Sprache der Schlüssel ist? Das geht nicht.“ Jeder Euro, den man da einspare, koste an anderer Stelle sehr, sehr viel Geld, stimmt auch Wittke zu.
Wahrdi besitzt diesen Schlüssel, er hat Deutschkenntnisse auf dem Level B2. Der Besuch der Messe hat ihm noch keine konkrete neue Anstellung gebracht. Aber die vielen verschiedenen Unternehmen kennenzulernen, sei hilfreich gewesen, sagt er. Zu Hause will er im Internet anhand all der Flyer und Infos weitersuchen und sich vielleicht bewerben.
Auch eine 37-jährige Frau aus der Ukraine ist nicht fündig geworden. Bevor sie nach Deutschland floh, arbeitete sie in der Verwaltung einer Musikhochschule. Hier angekommen, begann sie eine IT-Umschulung, die sie nach einem Jahr abbrach. Zu groß waren die Zweifel, ob sie sich als Berufseinsteigerin neben erfahrenen Informatiker*innen auf dem angespannten Arbeitsmarkt durchsetzen könnte. Sie möchte stattdessen gerne wieder in die Verwaltung. Das Jobcenter habe Verständnis und unterstütze sie gut, sagt sie.
Das ist wichtig für Integrationsprozesse. Um Fachkräfte zu gewinnen, vor allem aber aus Respekt vor Menschen, die möglichst selbstbestimmt leben wollen. Die FuTog ist ein pragmatischer Versuch in diese Richtung, der zeigt, was momentan möglich ist. Aber es braucht mehr: Weltoffenheit, sagt Wittke. Die müsse eine Stadt ausstrahlen, das sei das Wichtigste. Und wie geht das? „Indem man alles vermeidet, was dumpf, blöd und, ich sag mal, engstirnig ist.“
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