Jahrmarkttheater Bostelwiebeck: Lieber lachen als abstürzen
Thomas Matschoss’ „Das größte Lachen oder die Mathematik der Komik“ am Jahrmarkttheater Bostelwiebeck oszilliert zwischen Slapstick und Galgenhumor.
Beheimatet ist das Jahrmarkttheater Bostelwiebeck in einem Gartenareal in der Lüneburger Heide, auf 12.000 Quadratmetern um ein Bauernhaus wuchernd, wo auch mal Hängebauchschweine herumschlawinern. Hühner picken unter der Aufsicht eines Hahnes die Kuchenkrumen vom Boden, die dem Publikum in der Freiluftbewirtung entgleiten. Fürs Gemütlichkeitsgefühl rotieren selbst die Windkrafträder gegenüber in leiser Gemächlichkeit.
Derweil besteigen drei abgewrackt befrackte Performer:innen eine zwischen drei Eichen aufgehängte Bühne und behaupten, eine uralte Botschaft des Universums an die entstehende Spezies des Homo sapiens entziffert zu haben. Die Erwartungshaltung des Publikums steigt ins Unermessliche, scheint es doch endlich eine klare Ansage für den Sinn des Lebens zu geben.
Aber die Erwartung wird gebrochen und aufs menschliche Maß geschrumpft – auf dass die angestaute Gedankenenergie implodieren und den Affekt des Lachens auslösen möge. Dieser Humor ist ein prägendes Element des Jahrmarkttheaters und auch das Thema der aktuellen Produktion, die „Das größte Lachen oder die Mathematik der Komik“ zu analysieren vorgibt.
Die nächsten Aufführungen von „Das größte Lachen oder die Mathematik der Komik“: 22. 8., 19.30 Uhr sowie 23. 8., 15 Uhr, Jahrmarkttheater Bostelwiebeck (Bostelwiebeck 24 in 29575 Altenmedingen).
Zu erklären, warum etwas lustig ist und welches Muster hinter Witzen steht, wirkt normalerweise ziemlich unlustig. Nimmt es doch dem Lachen den Zauber der spontanen Reaktion. Aber die Inszenierung von Nathalie Wendt tippt das Sujet gleich in der ersten Szene in schöner Beiläufigkeit an: Die Maddog (Thomas Matschoss) benannte Figur knickt kurz um. Dieser kleiner Bruch im Ablauf sorgt fürs erste Schmunzeln. Aber was war daran lustig? Elementar für Komik ist eben die erlebte Diskrepanz zwischen dem Erwarteten und dem Erlebten. In diesem Fall gewinnt das Publikum den Eindruck eines souverän dahin plaudernden Trios. Dem widerspricht das plötzliche Stolpern.
Wie so etwas auf der Sprachebene funktioniert, beweist Gabi (Antonia Bootz) mit einem Vegetarierwitz: Wie nennt man die unaufgeräumte Wohnung eines Veganers? – Tofuwabohu. Maddog: „Ich mag keine Witze über Tofu, das ist doch geschmacklos.“ Erst ein unerwartetes Wortspiel, dann ein unerwarteter Nebensatz, jede:r vermutet eine rationale Erklärung für die Ablehnung von Tofuwitzen – und bekommt eine Geschmackskritik.
Thomas Matschoss ist auch Autor des Stücks. Zusammen mit Ausstatterin Anja Imig hat er 2005 das Hamburger Theaterleben gegen die Lüneburger Heide eingetauscht. Ihre Heimat ist seither das 45-Seelen-Dorf Bostelwiebeck. Schweinestall und Bauernhaus des Jahrmarkttheater-Gehöftes wurden zu Wohnungen ausgebaut, als Lager dient ein Pferdestall, ein Heuboden als Fundus, der Kuhstall ist Probebühne und Aufführungsort für die Wintersaison.
Im Sommer steht das Anwesen im Dienst der interaktiven Open-Air-Lustbarkeiten. Mit Klappstühlen ausgestattet, flanieren pro Aufführung etwa 100 Besucher:innen zwischen den Spielorten auf dem Gelände umher, werden mit lebensklugen Sentenzen bezirzt und durch dramatische Ober- und Untertöne zum Politisieren gebracht.
Wegen der schwindenden Kulturförderung für die ländliche Bevölkerungsschwundregion stehen dafür keine 20-köpfigen Teams von Schauspieler:innen, Musiker:innen und Techniker:innen zur Verfügung. Eine gute Handvoll Kolleg:innen muss reichen. Die nun alles aufbieten, was an Witzigkeit geht. Der Running Gag beispielsweise, für den Buster (David Sinkemat) immer wieder zu singen beginnt, wenn jemand ein Wort ausspricht, in dem die Buchstabenfolge „so“ vorkommt.
Ein Schnürband wird verspeist
Das Clown-Triple echauffiert sich zudem in Slapstickeffekten – sucht doch eine Schwingtür knallend Nasenkontakt, eine Sahnetorte klatscht ins Gesicht, ein Spieler taumelt ins Plantschbecken. Das funktioniert als offen kommunizierte Animation zum Schlapplachen. Außerdem wird Charlie Chaplin zitiert, der in „Goldrausch“ aus Hungersnot einen Schuh verspeist. In Bostelwiebeck saugt Matschoss ein Schnürband wie Spaghettifäden genüsslich in den Mund. Beim Puppentheater-Zwischenspiel mit Stofftieren wird eine Pointe gesucht, immerhin eine „Po-ente“ gefunden und gefragt, was die klügsten Enten seien. Na? Die „Stud-enten“.
Dann geht es zum kollektiven Zwerchfelltraining. „Physiologisch betrachtet ist Lachen eigentlich nichts anderes als Husten.“ Also formiert sich das Publikum zum Hüstel-Chor: „Ha-ha-ha.“ Aber das reicht nicht zum größten Lachen. Dies könne nur aus der größten Not erwachsen – als Versuch, die Angst wegzulachen. Für echte Not-Gefühle soll nun jemand auf eine Leiter steigen und herabspringen, Fallhöhe acht Meter – woran alle gern scheitern. Nicht springen. Was das Angst bannende Lachen provoziert.
Die Schauspieler:innen haben wunderbar gegensätzliche Typen entwickelt. Die mörderischen Zurichtungen der Welt durch alte, weiße Narzissten wie Trump, Putin & Co. lassen Maddock keine Ruhe, auch auf Merz und Klingbeil kommt er mit vernichtendem Lachen zu sprechen und erklärt, dass er mit jeder aufs globale Leid vergossenen Träne weiter austrockne.
Gebrauchsanweisung aus göttlicher Hand
Die Kolleg:innen besprengen ihn hilflos mit Wasser und sorgen für kathartisches Lachen. Buster tölpelt in Dummer-August-Manier herum und begrummelt die Szenerie mit dem Schmerz der Trennung von irgendeiner Sofie. Und Gabi feiert mimisch wie gestisch die stummfilmgrelle Komik und kommt mit einem geradezu klassischen Jux auf ihren Freund zu sprechen: „Ich habe kein Problem mit Lars, er ist das Problem.“
Irgendwann reicht eine göttliche Hand hinter der Gehöftmauer die Gebrauchsanweisung fürs Leben empor. Zitiert wird die finale Rede aus Chaplins „Der große Diktator“, ein aus der Not (Zweiter Weltkrieg) geborener Appell für Menschlichkeit, Frieden, Freiheit, Güte und Toleranz. Statt mit dem größtmöglichen, allseits befreienden Lachen endet die Aufführung mit menschelnd wärmender Wahrheit.
Was Matschoss anschließend im privaten Gespräch mit einer Sentenz von Samuel Beckett kommentiert: „Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ In dem Sinne ist das Jahrmarkttheater programmatisch gescheitert, weil all der gezeigte Slapstick auf einer Ästhetik des Scheiterns beruht – als anarchischer Einspruch, als Widerspruch zur Realität. Als geradezu subversives Vergnügen an der Zerbrechlichkeit dessen, was ist.
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