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Israelische Bodenoffensive in GazaHunderttausende auf der Flucht

Das israelische Militär weitet seine Bodenoffensive im Norden des Gazastreifens aus. Im Süden rücken Truppen auf Rafah vor. Hunderttausende suchen Schutz.

Zelte in Gaza-Stadt, nachdem die israelische Armee die Evakuierung des nördlichen Gaza-Streifens angeordnet hat (24.3.2025) Foto: Omar Ashtawy/APA Images

Kairo/Tel Aviv/Gaza reuters/dpa/taz | Das israelische Militär weitet seine Bodenoffensive im Norden des Gazastreifens aus, um nach eigenen Angaben eine größere Pufferzone entlang der Grenze zu schaffen. In den vergangenen Stunden habe man damit begonnen, im Viertel Schedschaija in Gaza-Stadt Einsätze durchzuführen, um die „Sicherheitszone“ zu erweitern, teilte die Armee am Morgen mit. Dabei seien zahlreiche Terroristen „eliminiert“ und Infrastruktur der islamistischen Hamas zerstört worden. Vor und während der Angriffe ermögliche die Armee die Evakuierung von Zivilisten über vom Militär organisierte Routen, hieß es weiter.

Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor eine deutliche Ausweitung der Einsätze angekündigt. Ziel sei es, „das Gebiet von Terroristen und Terror-Infrastruktur zu säubern“, hieß es in einer Mitteilung. Darin war auch die Rede von der Eroberung umfangreicher Gebiete, die israelische „Sicherheitszonen“ werden sollten.

Im Gazastreifen suchen derweil Hunderttausende Schutz vor der neuen israelischen Offensive. Sie fliehen vor den Truppen, die am Donnerstag auf die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Rafah im Süden der palästinensischen Region vorrückten. Auch aus dem Norden der Küstenregion wurden israelische Angriffe gemeldet. Die Gesundheitsbehörde im Gazastreifen meldete, in den vergangenen 24 Stunden seien mindestens 97 Menschen getötet worden.

„Rafah ist weg, es wird ausgelöscht“

Rafah, ein wichtiger Grenzübergang zu Ägypten, soll Teil einer Sicherheitszone werden, die das Militär besetzen will. Rafah „ist weg, es wird ausgelöscht“, schilderte ein Familienvater die Lage mittels einer Chat-App. „Sie reißen alles nieder, was an Häusern und Eigentum übrig geblieben ist“, berichtete der Mann, der aus Angst vor Konsequenzen namentlich nicht genannt werden wollte, der Nachrichtenagentur Reuters. Er zählt zu den Hunderttausenden, die aus Rafah ins benachbarte Chan Junis geflohen sind.

Mindestens 20 Palästinenser seien bei einem Luftangriff im Morgengrauen auf einen Vorort von Gaza-Stadt im Norden getötet worden, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Mehr als 27 Menschen seien auch bei einem Luftangriff auf ein Schulgebäude in Gaza gestorben. In der Schule hätten Vertriebene Schutz gesucht, erklärte die von der radikal-islamischen Hamas kontrollierte Behörde. Das israelische Militär teilte dagegen mit, der Angriff habe wichtige palästinensische „Terroristen“ getroffen.

Hunderte von Zivilisten verließen den Außenbezirk Schetschaia von Gaza. Israel hatte die Bevölkerung zum Verlassen der Region aufgefordert. Einige Vertriebene trugen ihre Habseligkeiten auf dem Rücken, andere auf Eselskarren, Fahrrädern oder in Lieferwagen.

Palästinenser fürchten dauerhafte Vertreibung

Israel hat seine langfristigen Ziele für die Sicherheitszone offengelassen. Die Bewohner der Gemeinden im nördlichen und südlichen Rand des Gazastreifens wurden aufgefordert, diese Gebiete zu verlassen. Viele fürchten, Israel wolle diese Bereiche dauerhaft entvölkern und damit Hunderttausende obdachlos machen. Zudem haben die Truppen existenzielle Ressourcen wie landwirtschaftliche Flächen und Wasserversorgung beschlagnahmt.

Seit Ablauf der ersten Phase des Waffenstillstandsabkommens Anfang März blockiert Israel Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Die UN warnen mit Blick auf eine drohende Unterversorgung der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens vor einer humanitären Katastrophe.

Trotz der angespannten Lage zeichnete sich keine Bewegung bei den Bemühungen um eine Reaktivierung der Feuerpause ab. Die Hamas lehnte es ab, auf einen von Israel unterbreiteten Gegenvorschlag einzugehen. Stattdessen pochte die palästinensische Gruppierung auf die ursprünglichen Vereinbarungen. Israel hatte nach zweimonatiger Feuerpause am 18. März die Kämpfe wieder aufgenommen. Hamas und Israel beschuldigten sich gegenseitig, Abmachungen nicht eingehalten zu haben.

Hamas hält noch immer 59 Geiseln gefangen

Die Hamas hält noch immer 59 Geiseln gefangen, wobei unklar ist, wie viele von ihnen noch am Leben sind. Israel fordert, die Lebenden freizulassen und die Leichen der Gestorbenen zu übergeben, dann könne der Waffenstillstand verlängert werden. Erklärtes Ziel von Netanjahu ist die Vernichtung der Hamas. Die Hamas jedoch will die Geiseln nur freilassen, wenn zuvor ein dauerhaftes Ende des Krieges vereinbart wird.

Der Krieg begann mit einem Angriff der Hamas auf israelische Gemeinden am 7. Oktober 2023, bei dem Bewaffnete nach israelischen Angaben 1.200 Menschen töteten und mehr als 250 Geiseln nahmen. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen sind bei der israelischen Offensive dort bislang mehr als 50.000 Palästinenser ums Leben gekommen.

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20 Kommentare

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  • "Die Hamas jedoch will die Geiseln nur freilassen, wenn zuvor ein dauerhaftes Ende des Krieges vereinbart wird."

    Und wenn sie weiterhin an der Macht bleiben kann. Dagegen hat Israel etwas.

    • @BrendanB:

      Was wollen Sie eigentlich sagen?

      • @Schleicher:

        Dass jedes Rumgehühnere um Waffenruhe, die Zukunft Gazas usw. sinnlos ist, solange am Ende einer Vereinbarung nicht die Entwaffnung der Hamas und die Entfernung ihrer Führer von jeglichen Machtpositionen ist - sei es durch Exil oder Gefängnis. Jeder Vorschlag, egal von wem, der das nicht beinhaltet, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

        Das sollte doch mittlerweile klar sein.

        • @BrendanB:

          "...Entfernung ihrer Führer von jeglichen Machtpositionen...durch Exil oder Gefängnis..." die Forderung scheint mir in Richtung Israel gleichermaßen legitim.

          • @Oliver Söffge:

            Das bleibt Ihnen unbenommen. Ist nur für das Problem der genozidal-antisemitischen Hamas völlig irrelevant. Keine israelische Regierung egal welcher Couleur, wird jemals die Hamas als Organisation und ihre Verantwortlichen als gestaltende Kraft in Gaza zulassen. Mich wundert, 1. dass viele das offensichtlich anders sehen und 2. dass viele nicht wahrhaben wollen, dass Israel das genau so sieht.

            Btw. die Hamas hat nichts zu fordern.

  • Was mir auffällt. Zelte ja, aber auch Häuser die bewohnbar scheinen!



    Sonst bekomme ich stets Ruinenlandschaften präsentiert wenn es um Gaza geht und Trump und auch andere sagen: Unbewohnbar! Fühle mich nicht wohl dabei.

    • @Tom Farmer:

      Pressefotografen versuchen natürlich Bilder zu machen, die Spektakulär oder in irgendeiner Beziehung aussagekräftig sind, denn Agenturen und Medien suchen sich die Bilder zur Veröffentlichung auch nach solchen Gesichtspunkten aus.



      Bei einem Kriegsgebiet suchen sich zur Veranschaulichung der Zerstörung Fotografen natürlich die am meisten zerstörten Stellen aus. Ihnen wird also einen ausgewählter Ausschnitt gezeigt.



      Ich habe vernommen, dass in gewissen Gebieten die IDF trotz lohnender Ziele nicht angegriffen hatte, weil geheimdienstliche Erkenntnisse vorlagen denen zu Folge sich dort Geiseln befinden – und die wollte man nicht gefährden.

      • @Socrates:

        Das ist mir schon klar, dass Bilder und Text zusammenpassen sollten. Jedoch: Sollte eine neutrale Berichterstattung nicht auch abwägend sein und beispielsweise sagen: "Neben besonders zerstörten Vierteln wie im Bild finden wir aber auch weitgehend intakte ...."



        Ich mache ja auch kein Detailfoto von Zigarettenkippen auf dem Boden und spreche dann von riesen Problemen mit zugemüllten Straßen vor meiner Haustür.



        Manipulation durch Bilder halt. Das gefällt mir eben nicht.

        • @Tom Farmer:

          "1,8 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner des Küstenstreifens leben derzeit in Notunterkünften. 68 Prozent aller Straßen sind kaputt, 70 Prozent aller Häuser sind beschädigt. 50 Millionen Tonnen Geröll und Trümmer hat der Krieg gebracht, es könnte 21 Jahre dauern, diese Menge abzutragen. "

          www.zeit.de/politi...r-drohnenaufnahmen

        • @Tom Farmer:

          Na ja, allzu viel wird dort nicht intakt geblieben sein... Es sind ja nicht mehr viele Geiseln dort, und daher nur wenige Gebiete wo deswegen zurückhaltung geboten ist.

          Ich glaube auch, dass Presseagenturen kaum über geeignete Ressourcen verfügen um das Ausmaß der Zerstörung genau zu evaluieren.

        • @Tom Farmer:

          Peinlich, diese Argumentation. Ein Foto von ein paar Häusern, die noch nicht in sich zusammengebrochen sind, ist kein Indiz dafür ober Gaza bewohnbar oder unbewohnbar ist.

  • Jahrhundert-Verbrechen vor unser aller Augen. Und wieder erkennt man die Natur des Menschen: Weggucken

    • @Thomas Müller:

      Es stimmt, der Genozid, Völkermord, den Hamas und Co am 7. Oktober begonnenen haben und der mit den verschleppten Geiseln andauert, von denen die meisten in Gaza zu Tode gefoltert worden sind, ist ein Verbrechen das in den kommenden Jahrhunderten wie der Raub der Sabinerinnen verarbeitet werden wird, aber erstmal schauen die meisten weg.

      • @AlHozo Hoto:

        Stimmt, das wird dauern. Wahrscheinlich ähnlich lange, wie die Aufarbeitung des Völkermords Israels an den Palästinensern in Gaza und dem Westjordanland. Ist halt schwer, wenn die einen blind für die Verbrechen der anderen sind. Und umgekehrt.

        • @Schleicher:

          Welcher Völkermord?

  • Ich verstehe es nicht. Warum sind wir so schweigsam zudem was dort passiert? Man kann doch nicht ewig zuschauen und daneben stehen!?! Hier wird Personal von Krankenhäusern liquidiert, verscharrt und so getan als wäre das alles normal!! Es kann doch nicht sein, dass unsere Regierung dazu auch noch schweigt.

    • @Pico :

      "Personal von Krankenhäusern liquidiert, verscharrt"

      Meinen Sie die Rettungskräfte deren Leichen am 30. geborgen wurden? Der Vorfall ist nicht normal, aber vieles unklar. Zwar gibt es Indizien für ein Kriegsverbrechen, aber auch dagegen. Mit der Kriegsverbrechenthese scheint mir schlecht vereinbar, dass die Israelis die Leichen zuschütten, die Stelle mit einer Kennleuchte markieren, und die Stelle den Bergungskräften bezeichnen - anstatt die Leichen und andere mögliche Beweise vom Ort des Geschehens verschwinden zu lassen und hier bis Kriegsende / Sankt Nimmerlein eine Sperrzone zu erklären.



      Was soll also unsere Regierung tun? Und was würde das, was Sie fordern bewirken?

    • @Pico :

      Ich verstehe es auch nicht, auch die Art der Berichterstattung darüber nicht: "Israel hat seine langfristigen Ziele für die Sicherheitszone offengelassen." Haben sie echt? Nein haben sie nicht. Posaunen sie seit Monaten hinaus und seit Trumps Plänen noch deutlicher. Vom Premierminister bis zu etlichen Ministern, sagen sie doch deutlich was ihre Pläne sind. Aber stellen wir uns doch weiter blind und taub... oder mal wieder! Und am Ende will es wieder keiner gewusst haben.

    • @Pico :

      Schweigt ? Bin mir sicher das Deutschland das unterstützt natürlich. Kommen bestimmt auch deutsche Waffen zum Einsatz. Und Bestimmt treten jetzt wieder die Dauerverharmloser auf den Plan.

    • @Pico :

      @Pico: "Staatsraison" *cynismoff*