Israelische Bodenoffensive in Gaza: Hunderttausende auf der Flucht
Das israelische Militär weitet seine Bodenoffensive im Norden des Gazastreifens aus. Im Süden rücken Truppen auf Rafah vor. Hunderttausende suchen Schutz.

Verteidigungsminister Israel Katz hatte zuvor eine deutliche Ausweitung der Einsätze angekündigt. Ziel sei es, „das Gebiet von Terroristen und Terror-Infrastruktur zu säubern“, hieß es in einer Mitteilung. Darin war auch die Rede von der Eroberung umfangreicher Gebiete, die israelische „Sicherheitszonen“ werden sollten.
Im Gazastreifen suchen derweil Hunderttausende Schutz vor der neuen israelischen Offensive. Sie fliehen vor den Truppen, die am Donnerstag auf die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Rafah im Süden der palästinensischen Region vorrückten. Auch aus dem Norden der Küstenregion wurden israelische Angriffe gemeldet. Die Gesundheitsbehörde im Gazastreifen meldete, in den vergangenen 24 Stunden seien mindestens 97 Menschen getötet worden.
„Rafah ist weg, es wird ausgelöscht“
Rafah, ein wichtiger Grenzübergang zu Ägypten, soll Teil einer Sicherheitszone werden, die das Militär besetzen will. Rafah „ist weg, es wird ausgelöscht“, schilderte ein Familienvater die Lage mittels einer Chat-App. „Sie reißen alles nieder, was an Häusern und Eigentum übrig geblieben ist“, berichtete der Mann, der aus Angst vor Konsequenzen namentlich nicht genannt werden wollte, der Nachrichtenagentur Reuters. Er zählt zu den Hunderttausenden, die aus Rafah ins benachbarte Chan Junis geflohen sind.
Mindestens 20 Palästinenser seien bei einem Luftangriff im Morgengrauen auf einen Vorort von Gaza-Stadt im Norden getötet worden, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Mehr als 27 Menschen seien auch bei einem Luftangriff auf ein Schulgebäude in Gaza gestorben. In der Schule hätten Vertriebene Schutz gesucht, erklärte die von der radikal-islamischen Hamas kontrollierte Behörde. Das israelische Militär teilte dagegen mit, der Angriff habe wichtige palästinensische „Terroristen“ getroffen.
Hunderte von Zivilisten verließen den Außenbezirk Schetschaia von Gaza. Israel hatte die Bevölkerung zum Verlassen der Region aufgefordert. Einige Vertriebene trugen ihre Habseligkeiten auf dem Rücken, andere auf Eselskarren, Fahrrädern oder in Lieferwagen.
Palästinenser fürchten dauerhafte Vertreibung
Israel hat seine langfristigen Ziele für die Sicherheitszone offengelassen. Die Bewohner der Gemeinden im nördlichen und südlichen Rand des Gazastreifens wurden aufgefordert, diese Gebiete zu verlassen. Viele fürchten, Israel wolle diese Bereiche dauerhaft entvölkern und damit Hunderttausende obdachlos machen. Zudem haben die Truppen existenzielle Ressourcen wie landwirtschaftliche Flächen und Wasserversorgung beschlagnahmt.
Seit Ablauf der ersten Phase des Waffenstillstandsabkommens Anfang März blockiert Israel Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Die UN warnen mit Blick auf eine drohende Unterversorgung der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens vor einer humanitären Katastrophe.
Trotz der angespannten Lage zeichnete sich keine Bewegung bei den Bemühungen um eine Reaktivierung der Feuerpause ab. Die Hamas lehnte es ab, auf einen von Israel unterbreiteten Gegenvorschlag einzugehen. Stattdessen pochte die palästinensische Gruppierung auf die ursprünglichen Vereinbarungen. Israel hatte nach zweimonatiger Feuerpause am 18. März die Kämpfe wieder aufgenommen. Hamas und Israel beschuldigten sich gegenseitig, Abmachungen nicht eingehalten zu haben.
Hamas hält noch immer 59 Geiseln gefangen
Die Hamas hält noch immer 59 Geiseln gefangen, wobei unklar ist, wie viele von ihnen noch am Leben sind. Israel fordert, die Lebenden freizulassen und die Leichen der Gestorbenen zu übergeben, dann könne der Waffenstillstand verlängert werden. Erklärtes Ziel von Netanjahu ist die Vernichtung der Hamas. Die Hamas jedoch will die Geiseln nur freilassen, wenn zuvor ein dauerhaftes Ende des Krieges vereinbart wird.
Der Krieg begann mit einem Angriff der Hamas auf israelische Gemeinden am 7. Oktober 2023, bei dem Bewaffnete nach israelischen Angaben 1.200 Menschen töteten und mehr als 250 Geiseln nahmen. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen sind bei der israelischen Offensive dort bislang mehr als 50.000 Palästinenser ums Leben gekommen.
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