Israel und Iran: Einfach mal Frieden ausprobieren

Peu à peu melden sich in Israel Stimmen, die sagen, ein Atomstaat Iran sei nicht aufzuhalten. Verbale und militärische Attacken erreichten bislang wenig.

Premierminister Naftali Bennett vor israelischen Flaggen.

Israels Premierminister Naftali Bennett, 14.11 Foto: Gil Cohen-Magen/reuters

Israels Regierungschef Naftali Bennett zeigt sich besorgt angesichts der sanften Haltung gegenüber Iran und dem iranischen Atomprojekt. Seit vielen Jahren strebt Iran danach, zu einer führenden Macht in der Region zu werden und den Einfluss im Nahen Osten zu vergrößern. Iran mischt mit in der irakischen Politik und agiert durch seine Handlanger im Jemen – den Huthi-Milizen – gegen Saudi-Arabien. Parallel dazu arbeitet der Ajatollahstaat an seinem militärischen Atomprogramm.

Und warum? Wenn man die iranische Rhe­torik ernst nimmt, dann deshalb, weil man Israel aus der Region vertreiben will oder sogar vernichten. Aber muss man das Gezeter in Teheran wirklich für bare Münze nehmen? Die Analysten und Experten sind sich in dieser Frage uneins. Die einen gehen davon aus, dass Iran lediglich sein Abschreckungspotenzial stärken will und nicht die geringsten Absichten einer Vernichtung verfolgt, sei es Israels, Saudi-Arabiens oder eines anderen Staats. Andere sind sich nicht so sicher.

Fest steht, dass bis dato eine Kluft besteht zwischen der vehementen Rhetorik eines Teils der iranischen Sprecher und der tatsächlichen Politik Irans, die vernünftig, vorsichtig und bisweilen sogar als pragmatisch erscheint. Letzthin zeichnet sich sogar eine Annäherung zwischen Teheran und Riad ab. Ebenso glasklar ist, dass auf innenpolitischer Bühne radikale Kräfte – allen voran die Revolutionsgarden – und moderatere im Konflikt miteinander stehen.

Die iranische Gesellschaft leidet seit vielen Jahren unter den unterschiedlichsten Repressionen wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und religiöser Art. Sowohl in den USA als auch in Israel ging man davon aus, dass Sanktionen den innenpolitischen Unmut anstacheln und zum Aufstand führen würden. Diese These hat sich nicht bewahrheitet. Israel führt eine Art Krieg mit Fernbedienung gegen Iran.

Angriffe auf iranische Stützpunkte in Syrien

Dazu gehören geheimdienstliche Operationen und Angriffe auf iranische Stützpunkte in Syrien. Gleichzeitig beschwören offizielle Redner pausenlos die große iranische Gefahr. Diese einst von Benjamin Netanjahu bis zum Abwinken praktizierte Rhetorik führt Bennett in abgeschwächter Form fort. Das iranische Atomforschungsprogramm ist dadurch noch weniger gebremst worden als durch die Attacken von Geheimdienst und Luftwaffe.

Es scheint, als führe Israel einen aussichtslosen Kampf, was Experten zu der Frage führt, ob es nicht sinnvoller ist, sich auf den Atomstaat Iran einzustellen, anstatt ihn weiter vergeblich verhindern zu versuchen. Was würde geschehen, wenn Israel den Ton ändert? Was, wenn Außenminister Jair Lapid erklärt, dass Israel einerseits sehr besorgt ist angesichts des iranischen Atomprogramms, gleichzeitig aber die Hand reicht und Versöhnungsverhandlungen ohne Vorbedingungen zur Disposition stellt.

Er könnte begründen, dass sich die Fronten im Nahen Osten rasch verschieben. Frühere Feinde werden zu Verbündeten. Wie sähe das Worst-Case-Szenario aus? Dass die Iraner sagen: Nein danke? Wir sind nicht interessiert. Vielleicht legen sie auch noch mit ein paar Beleidigungen nach. Na und? Zumindest würde Israel nicht länger als Kriegstreiber dastehen, wie es zu Zeiten Netanjahus durchaus den Anschein haben konnte.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 streckten die Ägypter ihre Fühler Richtung Israel aus, um die Chancen eines Friedensvertrags auszuloten. Golda Meir zeigte ihnen die kalte Schulter mit dem Ergebnis, dass wenige Jahre später der Jom-Kippur-Krieg ausbrach. Vielleicht lohnt es sich, mal ein anderes Szenarium auszuprobieren – mit ein wenig Wagemut, mit Vision und Gelassenheit.

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ist Autor mehrerer Romane und populär­wissen­schaft­licher Schriften zu jüdischem Denken. Er leitet die Abteilung für Jüdische Kultur an der Sapir-Hoch­schule in Sderot.

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