piwik no script img

Iranische Demo in MünchenEin Aufgebot für den Prinzen

Bei einer der größten Demos der Münchner Geschichte bereiten Exiliraner dem Sohn des Schahs einen begeisterten Empfang. Und setzen auf Trump.

Ja servus, die Pro-Schah-im Iran-Demo in München Foto: Ebrahim Noroozi/ap
Dominik Baur

Aus München

Dominik Baur

So viele Artgenossen auf einmal hat er wohl lange nicht gesehen: Der bayerische Löwe, der an der Leine der Bavaria über der Münchner Theresienwiese thront, sieht dort am Samstagnachmittag ein einziges Fahnenmeer. Die meisten Flaggen sind grün-weiß-rot, iranisch. Aber nicht die Variante, die die Mullahs nach der Machtübernahme eingeführt haben, sondern die alte, eben die mit dem Löwen. Ein Löwe, der ein Schwert in der Pranke hält und hinter dem eine Sonne aufgeht.

Die echte Sonne zeigt sich an diesem Samstag zwar nicht mehr, dennoch strömen immer mehr Menschen auf den Platz. Es ist eine von mehreren Iran-Demos, die während der Sicherheitskonferenz in München stattfinden – wenn auch die bei weitem größte. Viele waren skeptisch. 100.000 Teilnehmer? Das ist eine ganze Menge, die der Veranstalter, die gemeinnützige Organisation The Munich Circle, da angemeldet hatte.

Am Ende wird die Polizei von bis zu 250.000 Teilnehmern sprechen. Damit ist es eine der größten Demos in München überhaupt. In derselben Liga der Großdemo gegen Rechts, die vor ziemlich genau einem Jahr am selben Ort stattfand.

Die größte Fahne flattert auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese im Wind. Die Veranstalter haben eigens zwei Kräne angeschleppt, um sie in der Luft zu halten. Unter die grün-weiß-roten Fahnen haben sich aber auch noch andere Nationalitäten gemischt. Vor allem deutsche, israelische und US-amerikanische Flaggen, aber auch französische, schottische, griechische, ukrainische, österreichische und schwedische Fahnen sieht man, sowie den Union Jack. Die Menschen hier, überwiegend Exiliraner, sind zum Teil von weit angereist. Viele haben sich die iranische Trikolore auch auf die Wangen gemalt.

MAGA als Vorbild

Manche halten auch nur Bilder in die Höhe. Von Ermordeten des Regimes etwa oder von solchen, denen die Hinrichtung droht. So wie Mona Noroozi. Oder Saleh Mohammadi. Oder Melika Azizi. Das Schild mit ihrem Bild hält ihre Mutter hoch.

Doch trotz der Trauer, der Angst um Angehörige, Freunde, Landsleute: Die Stimmung ist gut, fast ausgelassen. Ein Hauch von Aufbruch weht über die Theresienwiese – sei es aus Zweckoptimismus oder Überzeugung. Als seien es nur noch die letzten Meter auf dem Weg zur Demokratie, die zu bewältigen seien.

Das demokratische Vorbild freilich mag zu denken geben. Das Kürzel „MIGA“ ist allgegenwärtig. Auf Plakaten, auf Käppis. „Make Iran Great Again!“ Die Anleihe ist offensichtlich. Und als etwas später das MAGA-Original in Form des republikanischen US-Senators Lindsey Graham auf die Bühne tritt, ist der Jubel groß. Graham zitiert seinen Chef Donald Trump: Hilfe sei auf dem Weg. „U – S – A“, skandieren die Demonstrierenden.

Sie wollen ihren König

Fünf Stunden harren sie hier aus – und tun lautstark ihren Wunsch nach einem Regimewechsel im Iran kund. Fast scheint es als sei die Demonstration nichts als ein einziger, nur hin und wieder durch einen Redebeitrag oder ein Musikvideo unterbrochener Sprechgesang. Manchmal werden die Parolen auf Englisch oder Deutsch skandiert: „Regime Change“, rufen die Demonstrierenden dann, „Chamenei ist ein Terrorist“, „Democracy for Iran“ oder „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg“. Das meiste jedoch ist Farsi.

Und man muss der Sprache nicht mächtig sein, um ein paar Wörter regelmäßig herauszuhören: Iran, Shah, Reza Pahlavi. Und immer wieder der Ruf „Javid Shah!“. Lang lebe der Schah! Denn wer auf die Mullahs folgen soll, darüber ist man sich hier völlig einig: der Schah.

Ist er natürlich nicht. Reza Pahlavi, 65, ist lediglich der Sohn von Mohammad Reza Pahlavi, dem letzten iranischen Schah, der sein Land fast 38 Jahre mit brutaler Hand als Monarch regiert hatte, bis ihn das Volk 1979 davonjagte.

Im Juni 1967 war Pahlavi senior mal als Staatsgast in Berlin. Auch damals gab es eine Demonstration – allerdings gegen den autoritären Herrscher. Im nationalen Gedächtnis ist der Protest vor allem deshalb hängengeblieben, weil die Demonstrierenden brutal niedergeschlagen wurden, und der Polizist Karl-Heinz Kurras den wehrlosen Studenten Benno Ohnesorg erschoss.

Aber lang ist das alles her, und Pahlavi junior ist nicht sein Vater – auch wenn Kritiker ihm vorwerfen, sich nie wirklich von dessen Untaten distanziert zu haben. Geschenkt. „Wir wollen unseren König“, steht auf manchen der Schilder, die die Demonstrierenden mit sich tragen. Und das Beste: Der Mann, dem sie – zumindest fürs Erste – die Geschicke ihres Herkunftslandes anvertrauen wollen, hat sich höchstpersönlich als Redner auf der Demo angemeldet.

Ich habe keine persönlichen Ambitionen. Ich strebe nicht nach Macht. Ich möchte keine Krone auf dem Kopf oder einen Titel

Schah-Sohn Reza Pahlavi auf der SiKo

Zuvor stehen aber noch etliche andere auf der Bühne, Iraner, Deutsche, internationale Gäste. Der Publizist Michel Friedman etwa. „Die Welt schaut seit 47 Jahren zu“, schimpft er. „Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen.“ Keinen Handel dürfe es mit diesem Regime mehr geben, das er vor einem internationalen Strafgericht sehen will. Und dass Botschafter des Irans in Europa noch erwünscht seien, sei ein Skandal.

Und Belgiens Verteidigungsminister Theo Francken versichert der Menge: „You are not alone!“ Während ein Hip-Hopper auftritt, sieht man, wie Helfer hinter ihm eifrig eine Panzerglasscheibe putzen.

Und dann steht Reza Pahlavi plötzlich, nach einem weiteren eingespielten Musikclip, hinter dieser Scheibe und verteilt Luftküsse. Er legt die Hand aufs Herz. „Wir wissen, wir sind nicht allein“, sagt er und dankt der internationalen Gemeinschaft dafür, dass sie an der Seite der iranischen Bevölkerung stehe.

Die Mullahs hätten sie vor 47 Jahren als Geisel genommen. Ein Ende des Mullah-Regimes sei aber nicht nur gut für die Iraner, sondern im Interesse der ganzen Welt. Ein Post-Mullah-Iran werde beste nachbarschaftliche Beziehungen zu den arabischen Ländern haben, auch zu Israel. Er werde einen Übergang zu einer säkularen Zukunft des Landes garantieren, und „eines Tages“ werde das Schicksal des Landes in freien Wahlen entschieden.

Nur für den Übergang?

Tags zuvor hatte er noch versichert, er strebe im Iran keine Führungsrolle an. „Ich habe keine persönlichen Ambitionen“, sagte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz. „Ich strebe nicht nach Macht. Ich möchte keine Krone auf dem Kopf oder einen Titel.“

Und wie viele Iraner ihm tatsächlich die Macht überlassen wollen, ist trotz der eindrucksvollen Demonstration auf der Theresienwiese ungewiss. Selbst viele seiner Fans betonen, dass Pahlavi der Mann des Übergangs sei. Und andere wollen ihm überhaupt keine Rolle im neuen Iran zubilligen.

Am Freitag demonstrierten am Münchner Odeonsplatz ebenfalls Exiliraner gegen das Mullah-Regime. Die umstrittenen Volksmudschaheddin hatten unter der Parole „No to the Shah, no to the Mullahs“ zu der Kundgebung aufgerufen. Es kamen ein paar hundert Menschen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Die Menschen im Iran möchten einen Neuanfang ohne Diktatur, sie möchten ihre Menschenrechte wahrnehmen. Da haben sich auch viele versammelt, die keine direkten Anhänger vom Schahsohn sind und früher nicht zu so einer Kundgebung gekommen wären. Jetzt hat sich das geändert, viele sehen, dass sich angesichts der Aufruhr, den Massakern und der wirtschaftlichen Lage im Iran eine Möglichkeit einer Änderung ergeben kann und schließen sich der Bewegung an.



    Der Konsens ist dabei ein demokratischer Neuanfang mit freien Wahlen und das MIGA (Make Iran great again) ist ja kein Programm sondern nur der Wunsch das Land wieder als anerkannten Player in der Welt und Region zu platzieren und nicht als aussätzigen Terrorstaat der Mullahs mit dem nur unterstützte Terrororganisationen und Diktaturen was zu tun haben wollen.