piwik no script img

In Mathe vor der TürIm Keller lachen

Am Abendbrottisch geht es um die Wurst. Um Leberwurst aus der Eberswalder Wurstfabrik genauer gesagt. Gegessen hat die allerdings vermutlich keiner.

M ax musste heute im Matheunterricht vor die Tür“, sagt Marie.

Wir sitzen zu viert beim Abendbrot.

„Was hat er denn gemacht?“, fragt Johanna.

„Leberwurst auf die Unterseite der Türklinke geschmiert.“

„Und wer hat reingegriffen?“, frage ich.

„Frau Glanz.“

„Die im Keller lachende Frau Glanz?“, fragt Flora.

Marie nickt.

„Die fand das bestimmt nicht lustig“, sagt Johanna.

„Sie ist Vegetarierin.“

„War es denn Biowurst oder konventionelle Haltung?“, frage ich.

„Eberswalder Wurstwaren“, sagt Marie. „Richtig gut die Wurst.“

Flora gluckst.

Ich denke an meine eigene Schulzeit. Vor der Tür stand ich nie. An einem Nachmittag habe ich aber hundert Mal „Ich darf den Unterricht nicht stören“ schreiben müssen. Ich hatte Papierflieger durch den Raum segeln lassen. Eine Strafe war das eigentlich nicht. Durch die ständige Wiederholung bekam der Satz ein Eigenleben, einen Sound, einen Rhythmus, und ich hatte das Gefühl, an einem Song zu schreiben.

„Damit Frau Glanz wusste, dass Max auch wirklich vor der Tür steht, musste er die Klinke von außen runterdrücken“, holt mich Marie aus meinen Gedanken zurück an den Esstisch.

„Die Leberwurstklinke?“, fragt Flora.

„Ja. Er durfte die Klinke nicht putzen, nur runterdrücken.“

„Trocknet die Leberwurst dann nicht irgendwann an die Hand an?“, frage ich.

„Iih“, sagt Flora.

„Nach zwanzig Minuten durfte Max wieder rein. Frau Glanz öffnete die Tür …“ Marie lässt das Ende des Satzes in der Luft hängen.

„Aber?“, fragen wir drei aus einem Mund.

„Innen auf die Klinke hatte Max Senf geschmiert.“

„Oh, oh“, sagt Flora.

„Das ist jetzt schon ein bisschen witzig“, sage ich.

„Frau Glanz bekam mächtig Puls und setzte zu einem Vortrag an. Was er sich dabei denke? Das sei ein unmögliches Verhalten. Mit Essen spiele man nicht. Und so weiter. Die ist komplett eskaliert.“

„Musste er danach wieder vor die Tür?“

„Nein, er durfte drinnen bleiben und die Klinke von innen runterdrücken.“

„Echt jetzt?“ Flora macht große Augen.

„Ich glaube, ich weiß, was Frau Glanz heute Abend in ihrem Keller macht“, sagt Johanna.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare