In Hotels untergebrachte Wohnungslose: Hamburger Behörden feiern eigenes Versagen als Erfolg
Jahrelang hat die Stadt Hamburg Menschen in heruntergekommenen Hotels untergebracht. Nun räumte sie sie. Wo die Betroffenen jetzt sind, ist unklar.
Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hat zwei Hotels räumen lassen, in denen es zuvor wohnungslose Menschen untergebracht hatte. 19 Menschen, darunter sechs Kinder, mussten die Unterkünfte auf der Reeperbahn verlassen. Nach Informationen der taz sind mindestens drei von ihnen nach der Räumung wieder auf der Straße gelandet. Einige der Menschen lebten schon seit einem Jahr in den Hotels.
Die Räumung geht auf einen Kontroll-Einsatz des Bezirksamtes mit der Polizei, dem Jobcenter und anderen Hamburger Behörden, bei dem „erhebliche Bau- und Brandschutzmängel“ festgestellt wurden. Es fehlten Rauchmelder und Fluchtwege. Stromleitungen lagen offen.
Die Behörden lobten sich anschließend in einer Pressemitteilung dafür, gegen Sozialleistungsmissbrauch und unzulässige Unterbringungen vorgegangen zu sein. Dabei hatte die Stadt genau diese Hotelzimmer selbst angemietet.
Auf die Frage, ob die Hotels vor einer Nutzung für Wohnungslose nicht auf Mängel geprüft wurden, sagte eine Sprecherin des Bezirksamts: Das habe sie sich auch gefragt. Sie verwies dann auf die Sozialbehörde, die die Verträge mit den Hotels abgeschlossen hat. Die wiederum teilte mit, man sei bei Vertragsabschluss davon ausgegangen, dass die Hotels ordnungsgemäß genehmigt seien. Sie hätten ihre Leistungen schließlich „auf dem freien Markt angeboten“.
Stadt muss sich um Notfälle kümmern
Wo die 19 betroffenen Menschen nun leben, konnte keine der Behörden sagen. Drei der Betroffenen kamen eine Woche nach der Räumung ins CaFée mit Herz nahe der Reeperbahn. Laut der dort tätigen Sozialarbeiterin Annette Kaiser sagten sie, sie hätten noch keinen Ersatz gefunden und seien wieder auf der Straße.
Das Bezirksamt erklärte, die Betreiber der geräumten Hotels hätten sich noch am Tag der Räumung darum kümmern sollen, die Menschen anderswo unterzubringen. Sie seien zivilrechtlich für die untergebrachten Personen verantwortlich. Das Bezirksamt bot ihnen an, die Betroffenen in einer Notunterkunft in der Friesenstraße unterzubringen – auch die Familien mit Kindern. Dem Bezirksamt zufolge lehnten sowohl die Betroffenen als auch die Betreiber das Angebot ab.
Die Hotelbetreiber selbst wollten sich nicht äußern. Bei telefonischen Anfragen wurde aufgelegt, und eine Anfrage der taz per Mail blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Die Stadt Hamburg ist verpflichtet, wohnungslose Menschen unterbringen. Sie vermittelt sie in Unterkünfte des städtischen Sozialunternehmens Fördern & Wohnen, dem Hauptunterbringer der Stadt. Dort fehlen jedoch oft Plätze. In solchen Fällen verweist die Stadt Einzelpersonen an die Notunterkünfte Frauenzimmer und Pik As.
Thorsten Bassenberg, Verein Bergedorfer Engel
Familien und Einzelpersonen mit besonderen Bedarfen, etwa psychisch Erkrankte, bringt die Stadt seit 2022 auch in Hotelzimmern unter. Dafür schließt sie Rahmenverträge mit den Hotels ab. Ende vergangenen Jahres lebten 561 Haushalte in solchen Hotels.
In der Hamburger Wohnungslosenhilfe wird die Qualität vieler dieser Betriebe kritisch gesehen. Thorsten Bassenberg, Gründer des Vereins Bergedorfer Engel, kümmert sich um obdachlose Menschen auf der Reeperbahn. Er sagt: „Viele Menschen meinen, für Obdachlose reicht die zweite Wahl. Da tut’s dann auch ein Wohnwagen oder eine Holzbude.“
Ronald Kelm ist Krankenpfleger und versorgt seit zehn Jahren ehrenamtlich Obdachlose in Hamburg. Er sagt: „Viele dieser Unterkünfte sind heruntergekommene Bruchbuden.“ Er habe Bilder aus einem Hotelzimmer auf der Reeperbahn gesehen: herabhängende Tapeten, Flecken an der Wand, Brandlöcher im Boden. Ob das Zimmer zu einem der geräumten Hotels gehörte, wisse er nicht.
Für Kelm ist die Räumung der Hotels auf der Reeperbahn Teil eines größeren Problems. Er spricht vom „Geschäftsmodell Obdachlosigkeit“: Hotelbetreiber, Sicherheitsdienste und Caterer verdienten an der Unterbringung von Wohnungslosen. Und die Stadt, die Menschen an diese Betriebe vermittle und ihre Unterbringung bezahle, schaue nicht genau hin.
Carola Ensslen, fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft
Carola Ensslen, fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion in der Bürgerschaft, findet den Einsatz der Hamburger Behörden grundsätzlich richtig. Man hätte sich nur viel früher anschauen müssen, auf wen man sich da einlasse. „Leute wollen Profit schlagen aus der Wohnungsnot und bieten Bruchbuden für viel Geld an“, sagt sie. Es fehle an Plätzen in ordentlichen öffentlichen Unterkünften. Die Stadt habe in den vergangenen Jahren viele Unterkünfte geschlossen und sich die Notlage damit selbst eingebrockt.
Die taz stand in Kontakt mit fünf städtischen Behörden. Sie alle verwiesen bei einigen Nachfragen auf jeweils andere Behörden. Die Schulbehörde etwa, zu der das Jugendamt gehört, antwortete auf Nachfrage nach den sechs betroffenen Kindern, dass das Bezirksamt Hamburg-Mitte für Rückfragen zuständig sei, das allerdings auch nicht mehr wusste. Das Amt war mitunter tagelang nicht erreichbar.
Ronald Kelm sagt, die Bürokratie in der Wohnungslosenhilfe kotze ihn an: „Was wir hier in Hamburg machen, ist nichts anderes als Elendsverwaltung.“
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