Flüchtlinge lassen sich zur Corona-Impfung beraten

Eine Frau hat Bedenken, Lafi Khalil (Mitte) versucht, sie auszuräumen Foto: Tina Eichner

Impfskepsis bei Geflüchteten:Eine Dosis Vertrauen

Die Be­woh­ne­r:in­nen der Flüchtlingsheime sollten längst gegen Corona geimpft sein – doch es geht schleppend voran. Auf Impfberatung in Brandenburg.

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28.6.2021, 12:15  Uhr

Seit Wochen ringt die Ukrai­nerin Tatjana Illjenko mit sich. Soll sie sich gegen Covid-19 impfen lassen oder nicht? Ihr Mann, ein Tschetschene, hat sich früh dagegen entschieden, so wie die meisten Tschetschen:innen, die in der Flüchtlingsunterkunft im brandenburgischen Werder an der Havel gelandet sind. Auch Tatjana Illjenko, 30 Jahre alt, hat noch Bedenken. Was, wenn der Impfstoff gar nicht wirkt? Wenn er ihrem Körper nicht nur Nebenwirkungen zufügt, sondern dauerhafte Schäden? Wenn er gar zu ihrem Tod führt und ihr vierjähriger Sohn ohne Mutter aufwachsen muss?

Ihre Zweifel sind es auch, die sie an einem heißen Junitag aus ihrer Wohnung im zweiten Stock der Gemeinschaftsunterkunft hinabsteigen und an einer Infoveranstaltung zur Coronaschutzimpfung teilnehmen lassen. Illjenko hat sich dazu auf der ausgedörrten Grünfläche vor dem Gebäude ein schattiges Plätzchen gesucht. Dort sitzt sie nun in der ersten Reihe auf einem Plastikstuhl und wartet, in ihrem Schoß die FFP2-Maske, unterm Stuhl die pinken Sandalen. Neben ihr sitzen Frauen aus Tschetschenien und anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, links die Af­gha­n:in­nen, rechts die Syrer:innen. Ein paar Männer lehnen an der Hauswand des klotzartigen Neubaus, gegenüber parkende Autos und Birken.

Knapp 20 Be­woh­ne­r:in­nen der Familienunterkunft sind gekommen, es ist ein Fünftel der Erwachsenen. Fragt man die Anwesenden, warum sie hier sind, wird schnell klar, dass Tatjana Illjenko mit ihren Fragen zum Impfen nicht alleine ist. Dabir Ahmed, ein junger Mann aus Somalia, hat gehört, dass man nach der Corona-Infektion nur mehr eine Impfdosis braucht. Ali Shaban, 46 Jahre alt und aus Syrien, hat ein Schreiben von seiner Hausärztin mitgebracht. Er will sich nach den Nebenwirkungen erkundigen. Seine Frau schickt ihn, sie selbst ist im Deutschkurs. Tatjana Illjenko, Dabir Ahmed, die Shabans: Sie alle erhoffen sich von diesem Tag Klarheit über die Covid-19-Impfung. Klarheit, für die ein Krisenberatungsteam sorgen soll, das im Auftrag der Landesregierung durch Brandenburg reist. Ihr Ziel: über die Vorteile des Impfens aufzuklären.

Wie schleppend die Impfung der Geflüchteten vorangeht, zeigt eine Umfrage der taz unter den zuständigen Landesministerien. Nur sechs Bundesländer erreichen aktuell in den Flüchtlingsunterkünften eine Impfquote von 50 Prozent oder darüber. In Berlin und Nordrhein-Westfalen liegt sie bei rund 40 Prozent, in Hessen nur unwesentlich höher. Niedersachsen hat in manchen Unterkünften bis jetzt nur 20 Prozent der Be­woh­ne­r:in­nen geimpft. In vier Bundesländern ist den Ministerien nicht bekannt, wie viele Menschen in den Sammelunterkünften bereits immunisiert sind.

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Betrachtet man die Zahlen, drängt sich der Verdacht auf, dass der Staat die Fürsorge für seine Schutzsuchenden hintenanstellt. Schließlich gehören die Be­woh­ne­r:in­nen von Gemeinschaftsunterkünften schon seit Februar zur Priorisierungsgruppe zwei – ebenso wie Grundschullehrer:innen, Po­li­zis­t:in­nen und Menschen mit chronischer Lungenerkrankung. So sieht es die Impfverordnung des Bundes vor. Und das mit gutem Grund: Denn die Ansteckungsgefahr in den Sammelunterkünften ist nachgewiesen hoch. Nach den Daten des brandenburgischen Sozialministeriums infizierte sich dort bislang rund je­de:r Zwanzigste. Nichtsdestotrotz hat lediglich Schleswig-Holstein im März mit dem Impfen in Flüchtlingsunterkünften begonnen, fast die Hälfte der Bundesländer starteten erst im Mai.

Wieso so spät? Und lässt sich allein damit die niedrige Impfquote erklären?

Um das herauszufinden, hat die taz mit rund einem Dutzend Menschen gesprochen, die tagtäglich mit dem Alltag in den Sammelunterkünften zu tun haben. Weil sie dort leben oder arbeiten. Weil sie eine Unterkunft für Geflüchtete leiten oder als ex­ter­ne Be­ra­te­r:innen dort ein und aus gehen. Oder weil sie in den Ministerien die Impfkampagnen für Geflüchtete mit koordinieren. Worin sich alle einig sind: Es läuft längst nicht alles rund bei den Corona-Impfungen. Und das fängt bei der fehlenden Einheitlichkeit an.

Wie und wo Geflüchtete geimpft werden und welcher Impfstoff zum Einsatz kommt, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, teilweise sogar von Unterkunft zu Unterkunft. In Bayern etwa kommen mobile Impfteams nur in die größeren Einrichtungen. Wer in einer kleinen Unterkunft lebt, muss sich in der Regel selbst um einen Termin bemühen. Generell gilt: In Erstaufnahmeeinrichtungen gibt es andere Regeln als in den kommunalen Unterkünften. Auch in Brandenburg kommen verschiedene Impfstoffe zum Einsatz: Biontech in den Kommunen, Johnson & Johnson in den Landeseinrichtungen. Wer selbst wählen möchte, darf aber jederzeit zum Hausarzt ­gehen.

Was, wenn der Impfstoff gar nicht wirkt? Wenn er ihrem Körper dauerhafte Schäden zufügt? Wenn er gar zu ihrem Tod führt und ihr Sohn ohne Mutter aufwachsen muss?, fragt sich Tatjana Illjenko

Bei der Frage, warum die Impfquoten auch Mitte Juni noch so niedrig sind, gehen die Meinungen auseinander. Tatsache ist: Im Februar war der Impfstoff knapp, die Ministerien schickten die mobilen Impfteams erst zu den Alten und Pflegebedürftigen, später zu Menschen mit Behinderung oder anderen besonders gefährdeten Menschen. Als es dann endlich losgehen konnte, so stellen es jedenfalls die Ministerien dar, seien neue Hindernisse hinzugekommen: die Bürokratie und die niedrige Impfbereitschaft von Geflüchteten, die von Falschinformationen in den sozialen Netzwerken, traumatischen Erfahrungen mit Behörden und der zeitlichen Überschneidung der Impfungen mit dem Fastenmonat Ramadan herrühren sollen. All das hätte die Impfkampagne erschwert.

Flüchtlingsräte kontern: Es brauche mehr persönliche Beratung. Einfach nur Informationen des Robert-Koch-Instituts zu verteilen reiche nicht aus. Auch Tatjana Illjenko sagt: „Ich habe zu wenige Informationen über die Impfstoffe. Ich will erst einmal abwarten.“ Und sie ist nicht die Einzige. Als Brandenburg die Impfbereitschaft in den Flüchtlingsunterkünften abfragte, lag die in manchen Einrichtungen bei nur 5 Prozent. So war es auch in Werder an der Havel, wo sich zunächst nur einige wenige impfen lassen wollten.

Misstrauen gegen den Staat

Wie sehr die staatlichen Informationen und die Impfbereitschaft der Geflüchteten miteinander zusammenhängen, lässt sich beim Umgang mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson beobachten. Die Länder hatten bei den Impfungen in den Sammelunterkünften fest darauf gebaut. Weil der Impfstoff bereits nach einer Dosis seine volle Wirkung entfaltet, wäre er eigentlich ideal für die Sammelunterkünfte mit ihrer hohen Fluktuation gewesen. Doch dann zog die Ständige Impfkommission Anfang Mai die altersunabhängige Empfehlung für Johnson & Johnson zurück, wie sie es zuvor auch schon bei Astrazeneca getan hatte. Plötzlich konnten Personen unter 60 Jahren den Impfstoff nur mehr nach einer ärztlichen Beratung bekommen. Manche Bundesländer zweifelten daran, dass sie die Ressourcen für derartige Beratungen überhaupt aufbringen konnten, also wechselten sie zu Biontech. Andere blieben bei Johnson & Johnson, wieder andere überließen den örtlichen Impfzentren die Entscheidung.

Kri­ti­ke­r:in­nen sagen: Bei so viel Hin und Her ist es nicht verwunderlich, dass sich die Geflüchteten wie Versuchskaninchen vorkommen. Dass sie damit nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen haben, wissen auch die Ministerien. Schließlich gab es ja auch schon davor genügend Gerüchte unter den Geflüchteten. Etwa dass Geimpfte leichter abgeschoben werden können oder dass die Impfung unfruchtbar macht.

Olaf Jansen, 61 Jahre alt und Jurist, hat schon viele solcher Geschichten gehört. Er ist als Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Brandenburg für die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes verantwortlich und damit für den Impferfolg bei rund 1.300 Menschen. „Und der“, sagt Jansen am Telefon, „stellt sich nur ein, wenn die Leute Ihnen vertrauen.“ Um dieses Vertrauen zu gewinnen, setzt Jansen auf Mentor:innen. Seine Mit­ar­bei­te­r:in­nen sprechen gezielt die Personen an, von denen sie glauben, dass sie Einfluss auf die jeweiligen Communities nehmen können. „Das klappt ziemlich gut“, sagt Jansen. Nur bei Menschen aus dem Kaukasus, Russland oder Tschetschenien bliebe die Skepsis oft trotz vieler Gespräche hoch. „Bei Menschen aus dieser Region ist das Misstrauen in den Staat besonders stark ausgeprägt“, hat er beobachtet.

Die Hände einer geflüchteten Frau bei der Impfberatung

Trotz der Hitze hören die Teilnehmenden der Infoveranstaltung geduldig zu Foto: Tina Eichner

Dennoch: Während sich zum Impfstart in der Erstaufnahmeeinrichtung Anfang Mai nur etwa je­de:r Dritte impfen lassen wollte, liegt die Impfquote laut Jansen heute bei 70 bis 75 Prozent. Dazu habe aber sicherlich auch noch ein anderer Umstand beigetragen, glaubt Jansen. In der kleinen Turnhalle, in der drei Mal die Woche geimpft wird, stünden Geflüchtete, Wachschutz und Mit­ar­bei­te­r:in­nen gemeinsam in der Schlange. „Wenn die sehen, dass sich auch alle anderen mit dem gleichen Stoff impfen lassen, haben wir gewonnen.“

Die Impfbereitschaft steigt

In gewisser Weise spiegelt Jansens Erstaufnahmeeinrichtung die gesamte Gesellschaft wider. Ein kleiner Teil schließt eine Covid-19-Impfung kategorisch aus – der Großteil entscheidet sich aber dafür, wenn sich auch Personen aus dem eigenen Umfeld impfen lassen. Umfragen wie das Impfmonitoring des Robert-Koch-Instituts belegen, dass das Vertrauen in den Impfstoff steigt. Laut ARD-Deutschlandtrend hat sich der Anteil derer, die sich „auf jeden Fall“ impfen lassen wollen, zwischen November und Mai verdoppelt.

Auch Ali Shaban, ein höflicher Mann mit grauen Schläfen, war zunächst unentschlossen. Er lebt mit seiner Familie seit nicht mal zwölf Monaten in Deutschland, momentan in der Flüchtlingsunterkunft in Werder an der Havel. Zuvor arbeitete er als Schuhmacher in der kurdischen Provinz Afrin im Norden Syriens. Ali Shaban kennt die Bundesrepublik nur im Krisenmodus der Pandemie. Er hat zwar immer noch Fragen zu den Impfstoffen, doch seine anfängliche Skepsis ist verschwunden, seitdem sich der Bruder seiner Frau impfen ließ. Das war im März. Daraufhin ist er zur Hausärztin gegangen und habe Impftermine für sich, seine Frau Hanifa und den ältesten Sohn Mohammed ausgemacht. „Wir wollen kein Corona bekommen“, sagt er. Mittlerweile vertraue er den Impfstoffen.

Doch nicht alle können ihre Skepsis so einfach ablegen. Tatjana Illjenko fällt das schwer, obwohl sie schon viel länger in Deutschland ist als Ali Shaban. Seit sechs Jahren lebt sie in Werder, hierher kam sie, weil sie als konvertierte Muslimin in der Ukraine Ausgrenzung und Hass erfuhr. Heute sitzt sie im Landkreis Potsdam-Mittelmark im Integrationsbeirat und vertritt die Interessen der ausländischen Bürger:innen. Ihr Sohn geht in die Kita, ihr Mann stellt für Amazon Päckchen zu. Das Misstrauen gegen den Staat aber ist geblieben – auch nach dem Besuch des Krisenberatungsteams.

Der deutschen Presse gegenüber scheint Tatjana Illjenko hingegen weniger misstrauisch zu sein. Sie bittet die taz zum Gespräch in ihre Zwei-Zimmer-Wohnung. Auf Fotos möchte sie aber nur so drauf sein, dass ihr Gesicht nicht zu erkennen ist. Sie hat es sich auf der breiten Couch neben der geöffneten Balkontür bequem gemacht, ihre pinken Sandalen liegen auf dem riesigen Teppich. An ihre frühere Heimat erinnern nur die Buchrücken mit kyrillischer Schrift.

Tatjana Illjenko stammt aus einem Dorf in den Karpaten. Und ihre alte Heimat hat viel mit der anhaltenden Skepsis vor dem Staat zu tun. So erzählt sie von russischen Impfstoffen, die die Kinder im Dorf krank gemacht hätten. „Pobotschnoje dejstwije“, sagt sie mehrfach – „Nebenwirkungen“. Und „Insult“ – „Schlaganfall“. Sie spricht gut Deutsch, für diese Begriffe fehlt ihr aber die Übersetzung. Und nachprüfen lassen sich ihre Behauptungen nicht. Zumal sie nicht sagen kann, bei welchen Impfungen die Schlaganfälle aufgetreten sein sollen.

Das Gebäude der Gemeinschaftsunterkunft

Die Gemeinschaftsunterkunft in Werder an der Havel Foto: Tina Eichner

Fragt man bei Menschen nach, die sich gut mit der Ukraine und Russland auskennen, hört man aber, dass solche Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen sind. Vor allem bei älteren Generationen in den Post-Sowjet-Staaten hätten russische Impfstoffe nicht den besten Ruf. Und das hat auch Folgen für die Impfkampagne in Deutschland. Denn das Angebot der brandenburgischen Landesregierung hat Tatjana Illjenko bislang ausgeschlagen.

Und damit gehört sie zur Zielgruppe von Angela Bernasch. Die Referentin ist im brandenburgischen Sozialministerium für Migrationssozialarbeit zuständig. Seit der Pandemie besteht ihre Arbeit vor allem darin, die Kommunen bei Corona-Ausbrüchen zu unterstützen – oder diese besser gleich zu verhindern. Also hinfahren, zuhören, informieren, auf Schutzmöglichkeiten hinweisen. Dafür hat Bernasch im April 2020 ein Krisenberatungsteam aus Ärzt:innen, psychosozialen Be­ra­te­r:in­nen und Sprachmittler:in­nen aufgebaut. 59 Mal rückte das Team bis Ende des vergangenen Jahres aus, 29 Mal wegen eines Corona-Ausbruches. Wenn es Ärger gab, dann meistens wegen der Pauschalquarantäne für die ganze Unterkunft, die Gesundheitsämter bei Corona-Ausbrüchen verhängen. In so einer Situation hätten die Landkreise und zuständigen Behörden alle Hände voll zu tun, da bleibe für die individuellen Sorgen und Ängste der Be­woh­ne­r:in­nen nur wenig Zeit, sagt Bernasch. „Manchmal mussten wir vor Ort erst mal die Gemüter beruhigen.“

Doch seitdem die Fallzahlen gesunken sind, haben Bernasch und ihr Team Zeit für eine neue Aufgabe: die Geflüchteten über die Vorteile der Corona-Impfung aufzuklären. 39 solcher Einsätze haben sie in diesem Jahr schon gehabt. An einem Donnerstag Mitte Juni folgt mit der Infoveranstaltung in Werder an der Havel Einsatz Nummer 40.

Geleitet wird der Einsatz von Lafi Khalil, einem Sozialarbeiter aus Berlin. So wie seine anderen Kol­le­g:in­nen musste auch er drei Kriterien erfüllen, um beim Krisenberatungsteam mitmachen zu können: eine eigene Einwanderungsbiografie besitzen, für Flüchtlingseinrichtungen relevante Sprachkenntnisse aufweisen und bei einem Träger arbeiten, mit dem die Behörde sowieso zusammenarbeitet. Lafi Khalil spricht Deutsch und Arabisch. Geboren wurde er in Jerusalem, seit 30 Jahren arbeitet er mit Arbeitslosen und Jugendlichen, seit einigen Jahren über den Verein „Inter Homines“ auch mit traumatisierten Geflüchteten. Bei Bernaschs Krisenberatungsteam war er von Anfang an dabei.

Olaf Jansen, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Brandenburg

„Der Impferfolg stellt sich nur ein, wenn die Leute Ihnen vertrauen“

„Heute ist mein 31. Einsatz“, sagt er und man hört ihm an, dass er stolz darauf ist. Vor der Infoveranstaltung sitzt er im Büro der Heimleitung und trinkt noch schnell eine Tasse Kaffee. Wenn er auf Fragen antwortet, versteht man, warum die Menschen schnell Vertrauen zu ihm fassen. Lafi Khalil hat eine beruhigende Art. „In Werder war ich noch nie“, sagt er. „Ich bin schon gespannt, was alles zur Sprache kommt.“ Kurz darauf tritt er ins Freie und berichtet den Be­woh­ne­r:in­nen von den Vorteilen einer Impfung. Er erklärt, warum das Virus immer aggressiver wird, wenn man nichts dagegen tut. Warum die Impfungen nicht nur einen selbst, sondern auch Verwandte, Freunde und Nachbarn schützen. Warum man keine Angst vor den Nebenwirkungen haben muss. „Wenn man Fieber bekommt, ist das ein gutes Zeichen“, ruft er in die Runde. „Dann weiß ich, dass der Körper funktioniert.“ Ein Dolmetscher übersetzt ins Russische, eine Bewohnerin in Dari. Arabische Zwischenfragen beantwortet Khalil direkt auf Arabisch.

Durch die Übersetzungen zieht sich das Gespräch in die Länge. Die Sonne ist nach Süden gewandert, die Be­woh­ne­r:in­nen der Familienunterkunft sitzen mittlerweile in der prallen Sonne. Dennoch bleiben alle geduldig bis zum Schluss – und auch die Fragen reißen nicht ab. Ob es stimme, dass Geimpfte nach zwei Jahren sterben?, will eine Frau aus Syrien wissen. Das habe sie in einer libanesischen TV-Sendung aufgeschnappt. Eine andere fragt, ob sie sich impfen lassen kann, wenn sie Hepatitis C hat. Auch Tatjana Illjenko stellt eine Frage: „Wie kann es sein, dass Corona-Impfstoffe in nur einem Jahr entwickelt wurden?“ So, wie sie ihren Satz betont, klingt es beinahe vorwurfsvoll.

Gerüchte und Falschmeldungen

Auf seinen Einsätzen begegneten ihm immer wieder ähnliche Ängste und Vorbehalte, sagt Lafi Khalil. Manche hätten mit der eigenen Gesundheit zu tun, ein großer Teil aber stamme aus Gerüchten und Falschmeldungen. „Ich frage deshalb auch immer, wo sie das herhaben“, erzählt er. Die Quellen müssten die Geflüchteten ihm dann zeigen. Manchmal, sagt Khalil lachend, glichen seine Einsätze einer Social-Media-Fortbildung. Es mache ihm trotzdem Spaß. Denn oft sehe er einen unmittelbaren Erfolg, auch wenn nur wenige Menschen zu den Veranstaltungen kommen. Und dann sagt Khalil, der Berater, etwas ganz Ähnliches wie Jansen, der Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung. Es gehe um Multiplikator:innen, die in ihre Community hineinwirken. Manchmal melden sich dann plötzlich alle zusammen zum Impfen an. Er habe normalerweise immer eine Liste dabei, in Werder hängt sie im Büro der Heimleitung.

Wie notwendig solche Veranstaltungen sind, habe sich schon früh abgezeichnet. „Als wir im Februar auf unseren Einsätzen die Impfbereitschaft in den Gemeinschaftsunterkünften abgefragt haben, waren wir schon etwas enttäuscht“, sagt Angela Bernasch aus dem Sozialministerium. Was erschwerend hinzukommt: dass sie im Ministerium so gut wie keine Daten aus den kommunalen Gemeinschaftsunterkünften kennen. Von den Impfteams des Deutschen Roten Kreuzes weiß Bernasch zwar, wie viele Geflüchtete in 13 von 18 Kreisen Brandenburgs ihre erste Corona-Impfung erhalten haben: 2.450 von 6.383 gemeldeten impfberechtigten Personen nämlich und damit etwa 39 Prozent. Doch wer unter den „Ablehnern“ vielleicht bereits geimpft war oder wegen einer ausgestandenen Corona-Infektion als genesen gilt, ist nicht bekannt. Die Impfquote der Kommunen lasse sich so jedenfalls nicht abschließend bestimmen, sagt sie. „Wahrscheinlich ist sie aber um einiges höher, als wir denken.“

Stimmen Bernaschs Schätzungen, wäre die Impfbereitschaft unter Geflüchteten im Endeffekt doch nicht so niedrig, wie die Daten aus den Ländern es suggerieren. Dafür spricht noch ein anderer Umstand: Auch Geflüchtete, die sich nachträglich für eine Impfung entscheiden und zum Hausarzt gehen, fallen aus der Statistik. So wie Ali Shaban aus Werder an der Havel, der ja jetzt auch Impftermine für sich und seine Familie ausgemacht hat.

Wenige Tage nach dem Besuch des Krisenberatungsteams kommt Ali Shabans 18-jähriger Sohn Mohammed aus der Arztpraxis und hält den Daumen hoch. Er hat soeben seine erste Covid-19-Impfung erhalten. Wie zum Beweis zückt er seinen Impfausweis. Ein Sticker mit der Aufschrift Comirnaty® prangt in der untersten Zeile, er hat eine Dosis von Biontech/Pfizer erhalten. Mitte Juli bekomme er die zweite, sagt er. Kurz darauf kommt auch seine Mutter aus der Praxis. Sie sei wegen ihrer körperlichen Beschwerden erst mal nicht geimpft worden, sagt Hanifa Shaban. Sie solle wiederkommen, wenn die vorbei sind. Und ihr Mann? Lässt der sich nicht impfen? „Der ist für ein paar Tage in Bremen“, sagt sie. Er suche Arbeit.

Tatjana Illjenko schreibt eine Woche nach dem taz-Besuch eine SMS. Sie bittet, ihren wirklichen Namen nicht zu verwenden. Die Frage, ob sie sich eine Impfung mittlerweile vorstellen könne, lässt sie unbeantwortet.

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