Impfkampagne in Berlin: Ein Stich Solidarität könnte helfen

Man hat es im Moment durchaus selbst in der Hand, wie sich die Pandemie entwickelt. Beziehungsweise am Arm: Man muss sich halt impfen lassen.

Einstich bei der Corona-Impfung

Ein kleiner Pieks, einer für alle Foto: picture alliance/dpa/AP

Viele seiner potenziellen Impf-KandidatInnen warteten derzeit erst mal noch ab und überlegten, ob sie sich am Ende wirklich impfen lassen wollen, hatte der Vorsitzende des Berliner Hausärzteverbands diese Woche der taz gesagt. Es falle einigen offenbar schwer, die Gefahr von erneut steigenden Infektionszahlen zu sehen, jetzt, wo die 7-Tage-Inzidenz nur noch bei knapp über 5 liegt in Berlin. Immerhin: 54,4 Prozent der BerlinerInnen sind bereits mindestens einmal geimpft.

Bleibt die Frage: Auf was genau warten die Leute bloß? Wenn die Infektionszahlen erst wieder steigen, ist es nämlich zu spät. Und dass sie wieder steigen werden, ist leider gar nicht so unwahrscheinlich, angesichts der auch in den europäischen Nachbarländern längst grassierenden Deltavariante und auch angesichts des anstehenden Rückreiseverkehrs nach den Ferien. Im Gegenteil, es könnte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Delta­variante auch in Berlin eine Rolle spielt.

Dann gehen die sogenannten Abwägungsprozesse wieder von vorn los

Dann, man kennt das Spiel inzwischen schon, gehen die sogenannten Abwägungsprozesse wieder von vorn los. Die Kernfrage: Wie viel des öffentlichen Lebens muss man dichtmachen, damit die Krankenhäuser nicht überlastet werden?

Hält sich das Infektionsgeschehen in Grenzen, wird man womöglich im Herbst wieder ein paar Wochen lang sein Bier zu Hause trinken, vielleicht passiert auch gar nichts. Läuft es nicht so gut, sitzt man mit dem Kind wieder beim Homeschooling am Küchentisch, weil die Schulen erneut in den Wechselbetrieb gehen.

Dann werden sehr viele Menschen wieder über die Einschränkungen schimpfen und ihre Grundrechte in Frage gestellt sehen. Aber zur Wahrheit gehört dann auch, dass wir es jetzt, im Sommer, zu einem guten Stück selbst in der Hand haben, wie schlimm eine mögliche vierte Welle im Herbst wird.

Wer den Sinn des Impfens noch nicht so richtig sieht: Es geht dabei auch um Solidarität mit allen anderen Menschen um einen herum. Wem das zu abstrakt ist, der denke an seinen Lieblingskneipenwirt oder das eigene Kind, das es nicht verdient hat, seine Jugend zu Hause zu verbringen statt im Club. Wem andere Menschen egal sind, der tut’s eben einfach bloß für sich, auch okay.

Gerade die Jugendlichen, für die es noch keine Impfempfehlung mit einem der verfügbaren Corona-Impfstoffe gibt, haben übrigens die Solidarität der Erwachsenen mit Impfempfehlung verdient. Immerhin waren die Jugendlichen es, die in den letzten eineinhalb Jahren Pandemie weitgehend von zu Hause gelernt haben, während die Büros nie geschlossen waren.

Das wäre zumindest fairer als das, was die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Dienstag forderte. Pop sagte, es brauche jetzt dringend auch eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche seitens der Ständigen Impfkommission – weil man nach den Sommerferien nicht wieder die Schulen schließen dürfe, nur damit „Erwachsene entspannt Pizza essen gehen können“. Sollte die Stiko aufgrund einer besseren Studienlage zu der Meinung kommen, dass eine Impfung für Kinder und Jugendliche sinnvoll ist, dann ist es sicher gut, wenn diese Empfehlung besser heute als morgen kommt.

Aber was bei Pop mitschwang, war ja eigentlich diese Botschaft: Impft die Kinder, damit meinetwegen die Schulen offen bleiben können, aber vor allem bitte nicht noch mal ein Lockdown für die Wirtschaft kommen muss. Zumal im Herbst ja auch Wahlen sind in Berlin.

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Seit 2011 bei der taz. Sie ist eine von zwei ChefInnen der Berliner Lokalredaktion. Themenschwerpunkte: Bildungs- und Familienpolitik.

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