Geflüchtete in der Pandemie: Einen Fuß in der Tür

Viele von uns Geflüchteten haben Corona härter erlebt als Durchschnittsdeutsche. Es fehlt uns an Austausch, Deutschkenntnissen und an Sicherheiten.

Ein junger Mann aus dem Projekt "Mitmacher" reicht einer anderen Person eine Papiertüte mit Wassermelone. Beide tragen Maske.In Hamburg engagieren sich Geflüchtete bei dem Projekt und werden selber Ehrenamtliche

Ein Geflüchteter engagiert sich ehrenamtlich – doch auch das ist durch Corona schwieriger geworden Foto: Miguel Ferraz

Covid-19 und Coronakrise: Zwei Worte, die auch meine Welt verändert haben. Die Monate waren lang und wir haben sie alle unterschiedlich und doch gemeinsam durchlebt: Mit Corona, Ausgangssperren, mit stündlichen Updates zu den Inzidenzzahlen, mit Angst, Unsicherheit, Maskenaffären, aber auch mit Nachbarschaftshilfen und vielen engagierten, hilfsbereiten Menschen.

Ich habe das Gefühl, dass ich persönlich die Covid-19-Pandemie bis jetzt wie viele andere „normale“ Ham­bur­ge­r:in­nen erlebt habe. Vielleicht weil ich zu den „Elite-Flüchtlingen“ gehöre, wie eine Bekannte mal zu mir gesagt hat. Auch wenn es in den deutschsprachigen Medien nicht immer bemerkbar ist, sind die Geflüchteten keine einheitliche Gruppe, sondern untereinander geteilt.

Prekäre Jobs gehen schnell verloren

Anders als viele in meinem Umfeld konnte ich im März 2020, als der erste „Lockdown“ kam, meine Arbeit behalten und auch in meiner Wohnung im Homeoffice arbeiten. Aber viele Freunde, Bekannte und Social-Media-Kontakte, die auch als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, haben eine sehr andere Pandemie erlebt.

Erstens, weil viele ihre Jobs verloren haben und nicht wussten, ob oder wann sie überhaupt noch mal arbeiten können. Für viele war das eine persönliche Enttäuschung, da sie nicht zurück in die Arbeitslosigkeit und damit zurück zum Jobcenter wollten – aber sie hatten keine andere Chance.

Viele arbeiten als Verkäufer:innen, als Reinigungskräfte, Kellner:innen, Fah­re­r:in­nen oder in anderen sogenannten prekären Jobs. Das ist nicht immer frei gewählt. Manche können ihre Ausbildung oder ihr Studium nicht (mehr) nachweisen oder mussten sie wegen ihrer Flucht unterbrechen.

Was ich persönlich erzählt bekomme, stimmt mit einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg überein. Das IAB erklärt, dass ab März 2020 Geflüchtete häufiger entlassen wurden und dass im zweiten Quartal 2020 die Arbeitslosenquote unter Geflüchteten acht Prozent höher lag als in 2019. Die Quote bei Deutschen ohne Flucht- oder Migrationsgeschichte stieg im Vergleich um ein Prozent.

Andere Menschen aus meinem Umfeld stellte hingegen das Online-Lernen vor ganz neue Herausforderungen. Wie sollen die Kinder lernen, wenn es für die ganze Familie nur einen Laptop gibt? Oder wenn es gar keinen Laptop oder Drucker gibt? Oder wenn es in den Hamburger Unterkünften kein Wlan gibt? Manche Eltern können ihren Kindern zudem nicht dabei helfen, die Welt des digitalen Lernens zu entdecken, da ihnen die Sprache oder das technische Wissen fehlen.

Es fehlte an Infos auf anderen Sprachen

Wer nur mit viel Mühe auf Deutsch lesen kann, der:­die wird wahrscheinlich nicht oft oder nicht gern deutschsprachige Medien konsumieren. In den sozialen Medien gibt es viele Seiten, die die Nachrichten aus Deutschland und Europa in viele unterschiedliche Sprachen übersetzen, aber nicht alle diese Seiten arbeiten nach journalistischen Standards. Das ist vor allem ein großes Problem geworden, als Geflüchtete und migrantische Communitys Informationen zu Covid-19 brauchten.

Viele Menschen (egal, ob hier geboren oder nicht) wurden in den letzten Monaten Opfer von Fake News und Angstmacherei. Viele in meinem Umfeld bekommen aber 100 Prozent ihrer Informationen aus den sozialen Medien und sind so mit Faktenchecks schwieriger zu erreichen.

Natürlich haben Behörden und Ministerien irgendwann reagiert und ihre Corona-Informationen übersetzt – aber diese Infos auf ihren Websites haben es selten zu Facebook geschafft. Ich frage mich deshalb, ob das Übersetzen reicht, um gegen Fake News und Verschwörungen anzukämpfen.

Orten zum Lernen und Austauschen sind Mangelware

Die Pandemie hat viele unterschiedliche Folgen für das große Ziel der Integration. Seit sechs Jahren höre ich, dass ich erst richtig integriert bin, wenn ich bei „Sprache, Arbeit, eigener Wohnung“ die volle Punktzahl habe. Aber was machen wir Geflüchteten, wenn die Sprachschulen geschlossen sind, Kontaktbeschränkungen beachtet werden müssen und Begegnungsorte geschlossen sind? Wie können wir die Integrationserwartungen erfüllen, wenn es keine Orte zum Lernen und Austauschen gibt?

Ich weiß, dass die letzten Monate mit der Covid-19-Pandemie viele Menschen in unserer Gesellschaft sehr hart getroffen haben. Menschen mit Fluchtgeschichte wurden auf eine besondere Art getroffen, weil viele von ihnen noch nicht die Chance oder Zeit hatten, um sich ein stabiles Fundament in ihrer neuen Heimat Hamburg aufzubauen.

Wer am Anfang der Pandemie weniger Kenntnisse, Geld, hilfreiche Netzwerke oder soziale Kontakte hatte, der:­die wird es noch schwerer haben, wenn alles wieder „normal“ wird. Das ist auch für Menschen ohne Fluchtgeschichte wahr. Aber wer erst fünf oder sechs Jahre in Hamburg lebt, wer viel zurücklassen musste, der:­die hat meiner Erfahrung nach heute mehr Sorgen als Hoffnung für die Zukunft.

Werden wir für die Krise verantwortlich gemacht?

Viele Refugees und Ex-Refugees (wie mich ein Kollege der taz mal genannt hat) haben Angst, weil sie wissen, dass ihr Aufenthalt in Hamburg und Deutschland von anderen abhängig ist. Viele fragen sich: Wenn nach der Coronazeit eine wirtschaftliche Krise kommt, werde ich dann noch einen Job finden? Wenn ich keinen Job habe und vom Jobcenter lebe, werde ich für die Krise verantwortlich gemacht? Darf ich überhaupt hier bleiben?

Je schlimmer die Pandemie wird, desto größer ist die Sorge, dass (unter anderem) Geflüchtete als günstige politische Ablenkung benutzt werden könnten. Vor allem in syrischen Communitys sind Sorgen um Abschiebungen besonders stark geworden, nachdem uns die Nachrichten aus Dänemark erreicht haben. Dort setzt die (sozialdemokratische!) Regierung zurzeit eine harte Abschiebungspolitik gegen Sy­re­r:in­nen um.

Angst und Sorgen begleiten die meisten Refugees aber ständig. Wir haben Angst um unsere Familien, die noch in Damaskus, Kabul, Asmara oder Teheran leben. Angst, dass sich dort Covid-19 ausbreitet und die Menschen sterben, aber niemand sagen will (oder darf) warum. Eine Freundin hat mir vor Kurzem gesagt, dass die Facebook-Profile von ihren syrischen Kontakten wie Friedhöfe seien. Auch ich finde auf Facebook jeden Tag neue Traueranzeigen aus der alten Heimat.

Wer schon mal den Tod einer geliebten Person erleben musste, weiß vielleicht, wie viel Trauer und Leid, aber auch wie viel Zusammenhalt dies auslöst. Wer im Exil lebt, kann diesen Prozess nicht miterleben. Er:­sie versucht die Trauer und das Gefühl des Zusammentrauerns online zu ersetzen. Ein syrischer Freund sagte letzten Winter zu mir, Integration bedeute für ihn, keine Angst mehr zu haben, im Exil zu sterben. Aber genau deswegen könne er sich hier nicht ganz integrieren, weil er sich noch immer davor fürchte.

Am Ende haben wir alle als Menschen die Pandemie erleben müssen und sie hat uns verändert. Aber wie wir mit diesen Veränderungen weiterleben müssen, ist nicht gleich, und die Pandemie ist nicht fair.

Mehr zu angekommenen Geflüchteten lesen Sie im Themenschwerpunkt der Nordausgabe in der gedruckten taz am Wochenende oder hier

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1980 geboren, studierte in Damaskus Bauingenieurwesen und Politikwissenschaft und arbeitete als Journalist. Als die syrische Armee ihn 2014 einziehen wollte, floh er nach Istanbul und von dort 2015 weiter nach Deutschland. In Hamburg gründete er das Online-Magazin „Kohero“

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