Im Sog der Manosphere : Maximale Männlichkeit
Junge Männer können vom Algorithmus schnell von harmlosem Sportcontent in eine radikalisierte Manosphere weitergereicht werden. Was tun gegen die Ausdehnung des Patriarchats durch den Algorithmus?
Foto: picture alliance/dpa | Paulo Lopes
taz FUTURZWEI | Viele zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit haben ihre Ursprünge in unangepassten oder marginalisierten Nischen der Gesellschaft, die sich für gesellschaftliche Freiheiten und Räume einsetzten. Oft wurde dieser Kampf von aktiven und innovativen Subkulturen getragen, für die sich schnell auch der Rest der Gesellschaft begeisterte.
Seien es die Raves der Berliner Besetzungsszene, die von schwarzen und queeren Personen geprägten House- und Ballroom-Kulturen im New Yorker Underground oder die Punk-Bewegungen in Indonesien, die sich bis heute gegen das repressive Regime einsetzen.
Auch das frühe Internet war maßgeblich gegenkulturell geprägt. Allerdings kann man dabei nur bedingt von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Die politikverdrossenen New Communalists im Kalifornien der 1960er wollten die Gesellschaft mit all ihren Problemen hinter sich lassen und in Kommunen neue Gemeinschaftsmodelle erproben, inspiriert von LSD und mithilfe von Know-how und Tools aus dem legendären Whole Earth Catalog. Doch das Experiment ging schief. Die Kommunen waren bald von unausgesprochenen Machtgefällen durchzogen und kollabierten. Als die desillusionierten Rückkehrer:innen auf die aufkeimende Computerindustrie trafen, sahen sie im Cyberspace die Möglichkeit, ihre Visionen von hierarchiefreien Communities zu verwirklichen und die Menschheit zu vernetzen. Beflügelt von diesem gegenkulturellen Kapital eroberte das Silicon Valley die Welt.
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Digitale Eskalation im global village
Die heutigen sozialen Medien sind indes weder anarchistisches Experiment noch neutrale Technik, sondern haben uns fest im Griff. Um reihenweise perfekte Matches herzustellen, vermessen Instagram, TikTok und Co. mit hochkomplexen Algorithmen sowohl die Nutzer:innen als auch die gigantischen Reservoirs an Inhalten – allein bei YouTube kommen jede Minute Hunderte Stunden Videomaterial dazu. Das funktioniert erschreckend gut.
Doch die algorithmische Aufmerksamkeitsökonomie ist gekennzeichnet durch eine bizarre Gleichzeitigkeit von glatten Nutzeroberflächen und zwischenmenschlichen Reibungen.
Durch die Social-Media-Plattformen wurde das berühmte globale Dorf von Marshall McLuhan noch belebter. Sie bilden einen einzelnen vernetzten Raum, in dem sich Milliarden Menschen unerträglich nahekommen können. Wenn alle unterschiedliche Content-Diäten zugeführt bekommen, dabei aber trotzdem immer nur wenige Klicks oder Swipes voneinander entfernt sind, ist es kein Wunder, dass die ungelösten gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit in den Kommentarbereichen aufflammen.
Eine solche digitale Eskalation kann man derzeit beim Thema Männlichkeit beobachten. Unrealistische Körperbilder und kleinkarierte Rollenvorstellungen, die Frauen und (gender-)queere Menschen schon lange heimsuchen, trenden auf Social Media mittlerweile auch für den Typ des Mackers.
Maxim Keller ist Mitglied im RDÖ(Rat für Digitale Ökologie)-Arbeitskreis „Zukunftsfähige Digitalität“. Er schreibt an einer Dissertation an der Universität St. Gallen über historische Episoden von Widerstand gegen Technik.
Die Online-Subkultur des Looksmaxxing etwa zielt auf die Maximierung eines stereotyp männlichen Aussehens: Über Ernährungstipps oder Beauty-Routinen hinaus werden für ein markanteres Aussehen auch Steroide oder Kieferoperationen empfohlen. Looksmaxxing ist Teil der Manosphere, einem losen Kosmos aus hegemonialer Männlichkeit, Selbstoptimierung und extremen und gewalttätigen Ideologien.
Mainstreaming rechter Subkultur
Die jüngste Zuspitzung des Phänomens liegt auch an der Algorithmisierung des virtuellen Raums. Vor wenigen Jahren fanden radikalisierte Männer noch primär in obskuren Foren wie auf 4chan zusammen. Heute sind sogenannte Manfluencer erfolgreich auf Instagram und TikTok aktiv und können theoretisch alle erreichen, die diese Plattformen nutzen. Insbesondere die Zielgruppe der jungen Männer kann vom Algorithmus schnell von harmlosem Sportcontent in toxische Sphären durchgereicht werden. Sie verschwinden dann aber nicht in Echokammern, sondern verbreiten einschlägige Codes und begeben sich in Konfrontationen.
Auf diese Weise greift das Phänomen im Netz wie im Analogen um sich und wird zur Gefahr für Frauen und alle, die nicht dem propagierten Männlichkeitsideal entsprechen.
Rahel Gubser ist Wirtschaftsinformatikerin, sie hat Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen studiert. In ihrer Forschung befasst sich Gubser mit KI in der Pflege, dem Teilen von Gesundheitsdaten und Anwendungen von Digital Health in der Psychiatrie. Als Kolumnistin für taz FUTURZWEI beschäftigt sie sich mit Themen des Digitalen.
Um diskriminierenden Erfahrungen zu entgehen und die Vorteile von sozialen Medien zu nutzen, bauen sich gefährdete Gruppen alternative Räume der Freiheit und der Gemeinschaft. Zu den Early-Adoptern von Mastodon beispielsweise gehörten queere Menschen und nischige Subkulturen, darunter Furries – Menschen, die in flauschige tierische Alter-Egos schlüpfen. Mastodon ist eine Twitter-Alternative, die der Jenaer Informatiker Eugen Rochko programmierte, als Gerüchte einer Twitter-Übernahme durch Peter Thiel im Umlauf waren. Als diese Befürchtung später von einem anderen illiberalen Milliardär wahr gemacht wurde, erlebte Mastodon einen sprunghaften Zulauf. Mittlerweile haben sich die aktiven User bei etwa 1,5 Millionen stabilisiert.
Kommunalistische Alternativen
Das ist ein Bruchteil der Zahlen der Konkurrenz, doch Mastodon hat nicht den Anspruch, das neue globale Dorf zu werden. Vielmehr verfolgt man eine dezentrale Philosophie: Communities können eigene Instanzen betreiben, die in einem Netzwerk aus Netzwerken zusammengeschlossen sind. Jede Instanz kann entscheiden, mit wem sie sich verbindet und Moderationsregeln selbst festlegen. Beispielsweise können Registrierungen nur auf Einladung oder mit Mini-Bewerbung zugelassen werden, in der Szene wird außerdem an Anti-Diskriminierungs-Tools gearbeitet.
Doch wie in allen sozialen Konstellationen geht auch bei Mastodon nicht alles harmonisch zu und her. Es gibt keine Garantie, dass die dezentralen Online-Communities ein besseres Schicksal erfahren werden als die New Communalists; problematische Machtgefälle zwischen Nutzer:innen, Moderation und Entwickler:innen drohen auch hier. Und auch die gesellschaftlichen Wurzeln der Manosphere werden nicht adressiert. Vielmehr können auch Extremist:innen eigene Instanzen betreiben.
Aber sie würden an Virulenz einbüßen: Ihre Inhalte würden sich so nicht mehr algorithmisch verstärkt durch das globale Dorf fressen, jede Instanz könnte sie blockieren.
Essay über patriarchale Gewalt
Wozu Männer?
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Rechte Männer, Verlust und Anerkennung
Der verlorene Mann
Sollten marginalisierte Gruppen den Weg in inklusivere digitale Räume ebnen, wäre die Mehrheitsgesellschaft gut beraten, ihnen zu folgen. Der dezentrale Ansatz kann die Richtung hin zu sozialeren sozialen Medien weisen. Dort könnten zeitgemäße und aufgeklärte Geschlechterbilder verhandelt und eingeübt werden. Damit das in gesellschaftlich bedeutsamen Maßstäben geschieht, müssen allerdings deutlich mehr mitmachen, als momentan auf den weniger polierten nicht-kommerziellen Angeboten aktiv sind. Welche Subkultur den mitreißenden Drive dazu liefert, wird sich noch zeigen.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe taz FUTURZWEI N°38 mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ Hier bestellen im taz Shop.