Essay über patriarchale Gewalt : Wozu Männer?
Patriarchale Gewalt ist ein gesellschaftliches Phänomen, das häufig straffrei bleibt. taz FUTURZWEI-Herausgeber Harald Welzer sucht in seinem neuen Essay nach Wegen aus der Gewalt auszusteigen.
Foto: Unsplash/Mika Baumeister
taz FUTURZWEI | Ich bin Boomer. Was in meiner eigenen und der Vorgängergeneration an sexualisierter Gewalt ausgeübt wurde, ist nach wie vor von einem Nebel des Schweigens umgeben.
Genau den mussten die Opfer katholischer und evangelischer Geistlicher äußerst mühsam und schmerzhaft lichten, bis heute sind viele Fälle unbekannt. Das gilt noch mehr für die alltägliche Gewalt, die im Rahmen von Ehe, Arbeit, Ehrenamt gegen Frauen ausgeübt wurde.
Eine Alltagsgeschichte der sexualisierten Gewalt in der Bundesrepublik gibt es, soweit ich sehe, bis heute nicht, nur eine Menge Eisbergspitzen. Und zwar nicht nur aus der Generation der Nazi-Eltern, sondern eben auch ihrer Söhne. Für die Eltern der Boomer galten Ideale von Härte, Ordnung und Unterordnung, Gefühllosigkeit und Körperstrafen, alles Dinge, die eine eher unfrohe Weltbeziehung herstellen.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°38: Wozu Männer?
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Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..
Die Tiefenwirksamkeit dieser unfrohen Weltbeziehung ist nachhaltig, und sie zeigte sich zum Beispiel in Gewalt und Missbrauch auch dort, wo im Fahrwasser der 1968er-Kulturrevolution Ideale von Empathie, Autonomie, Vertrauen und Verletzlichkeit gepredigt, aber desto brutaler unterlaufen wurden.
Prominente Missbrauchsfälle
Namen hierzu sind Gerold Becker, Leiter der Odenwaldschule, an der weit mehr als hundert Schüler missbraucht wurden, oder Helmut Kentler, prominenter Erziehungswissenschaftler an der Universität Hannover, der unter anderem das perfide Konzept der »Leihväter« entwickelt hatte und damit Kinder hochoffiziell Pädophilen zuführte. Beide sind niemals strafrechtlich für den Missbrauch an Menschen, die ihnen anvertraut waren, belangt worden, beide fanden selbst Schutz und Rückendeckung in vorgeblich humanistisch gesonnenen, linksliberalen, heute würde man sagen: »progressiven« Umfeldern.
Zu solch einem Umfeld gehörte ich, als ich dreißig war. Kentler hat im Amt des Fakultätsvorsitzenden meine Promotionsurkunde unterschrieben, niemand aus der Fakultät hat ihn je angezeigt. Auch ich nicht, auch dann nicht, als mir eines seiner Opfer später über die Taten erzählt hat, als Kentler zwar nicht mehr lehrte, aber noch lebte. So wirksam war die herrschende Kultur des schweigenden Einverständnisses, der Komplizenschaft, dass ich das Naheliegendste nicht tat: ein Verbrechen zur Anzeige zu bringen. Ich schäme mich dafür.
„So wirksam war die herrschende Kultur des schweigenden Einverständnisses, der Komplizenschaft, dass ich das Naheliegendste nicht tat: ein Verbrechen zur Anzeige zu bringen. Ich schäme mich dafür.“
Becker und Kentler waren besonders exponierte Täter, aber sexualisierte Gewalt, besonders gegen Frauen, war, so muss man es von heute aus sagen, ein Verhaltensstandard.
Wir sprechen hier von den 1990ern und den Nullerjahren. Immer vom sozialen Umfeld gedeckt und beschwiegen, bagatellisiert und in Komplizenschaft toleriert. Die Opfer blieben meist allein, die Täter blieben straflos. Was beides nur deshalb möglich war, weil die Gewalt in Verhältnissen stattfand, die sie tolerierte und in denen man sich eher mit den Tätern solidarisierte als mit den Opfern.
Die Unverdächtigkeit der Eliten
Überhaupt verortete man Gewalt nicht in den gehobenen Kreisen, in akademischen Umfeldern, im Management und in Vorstandsetagen, sondern vor allem in den Unterschichten – eine achtsame Exotisierung des engen Zusammenhangs von Gewalt und Macht, die gerade die Eliten der Gesellschaft in den Nimbus der Ehrenhaftigkeit und Unverdächtigkeit versetzte.
Unten, ja da ging es schmuddeliger zu und härter, da herrschten eben »andere Sitten«. Aber Gewalt, sexualisierte zumal, gab und gibt es in allen Schichten, in allen Berufen, in allen gesellschaftlichen Sphären. Denn: Wo Macht ist, wird sie auch angewendet. Das Gefüge von Gelegenheit, Komplizenschaft und schützenden Umfeldern ermöglicht straflose Täterschaft, oben und unten, damals und heute.
Zivilisation bestimmt sich danach, inwieweit sie Gewalt einhegt und wie hoch die Schutzstandards sind, die alle Mitglieder einer Gesellschaft genießen.
Die Bundesrepublik war früher, das zeigen die seither unter vielen Mühen und Kämpfen sichtbar gewordenen Missbrauchsfälle, nicht besonders gut in ihren Schutzstandards, und es ist zivilisatorisch eine entscheidende Frage, ob sie heute besser geworden ist.
Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe und Mitherausgeber des Magazins für Zukunft und Politik taz FUTURZWEI.
Mit dieser Frage ist man unmittelbar beim Geschlechterverhältnis und bei der sexualisierten Gewalt heute, ein, zwei Generationen später. Ein Fall unter heute Dreißigjährigen, der mir begegnet ist, drehte sich um eine Hochzeitseinladung. Kurz vor dem Fest, das groß gefeiert werden sollte, belästigte der Bräutigam eine Frau aus dem Freundeskreis bei einer Party sexuell.
In Folge wurde bekannt, dass er in der Vergangenheit bereits mehrfach übergriffig geworden war. Der Freundeskreis berief daraufhin ein Treffen unter Ausschluss des Täters ein, bei dem alle, die wollten, sich zu der Situation äußern konnten. Einen gemeinsamen Beschluss, wie man sich bezüglich des anstehenden Festes verhalten sollte, ergab das Treffen nicht. Der Freundeskreis zerbrach, ein Teil sagte die Teilnahme ab, ein Teil feierte.
Wie umfassend ist heute der Fortschritt?
Auch hier ein komplexes Gefüge von Wissen, Komplizenschaft, Toleranz, aber doch wenigstens Sprechen, Anklage, Konflikt – also etwas, was es so in meiner Generation nicht gegeben hätte: das Offenlegen der Gewalthandlungen, eine Thematisierung der Tat, eine offene Frage an die gesamte Gruppe, eine Beschämung des Täters. Insofern: ein Fortschritt. Die Frage ist nur, wie umfassend er ist. Und warum der eine Teil der Gruppe sich immer noch fürs Feiern entscheiden mochte.
Sexualisierte Gewalt, ein extremes Machtgefälle im Geschlechterverhältnis, eine veralltäglichte Gleichgültigkeit gegenüber Übergriffigkeit, Geschlechterapartheit, Frauenhass, Mädchenhass – alles dies sind soziale Tatsachen, auch im Jahr 2026.
Dass extrem viel mehr Männer alle Arten von Gewalt gegenüber Frauen ausüben als umgekehrt, ist eine soziale Tatsache. Dass Homophobie, Transfeindlichkeit und Frauenhass nicht nur in islamistischen Kreisen verbreitet und wirksam sind, ist eine soziale Tatsache. Die Forschung belehrt uns über all das, genauso wie die Medien über spektakuläre Fälle, bei denen die Unschuldsvermutung gilt oder Haupttäter vorteilhafterweise tot sind.
„Epstein belehrt uns, dass sexualisierte Gewalt ganz und gar keine Angelegenheit prekärer Stadtviertel oder randständiger Milieus ist, sondern sich quer durch die ganze Gesellschaft zieht. Und Straflosigkeit normal ist.“
Wie Jeffrey Epstein, dessen sehr illustrer Missbrauchsclub Prinzen, CEOs, Philosophen, Botschafter und Präsidenten als Mitglieder hatte, von denen bis heute kein einziger im Gefängnis sitzt. Was uns einmal mehr darüber belehrt, dass sexualisierte Gewalt ganz und gar keine Angelegenheit prekärer Stadtviertel oder randständiger Milieus ist, sondern sich quer durch die ganze Gesellschaft zieht. Und Straflosigkeit normal ist.
Auch wenn natürlich nicht alle Männer gewalttätig sind, sehr viele Gewalt sogar verabscheuen, leben wir in einer extrem ungleichen Gesellschaft, in der die in unterschiedlichen Formen erlebte Gewalt für Frauen eine Struktur ihres Lebens bildet und in der ausgeübte Gewalt für viele Männer eine immer noch lebbare Praxis ist.
Die umfassende Manosphere
Das ist ebenfalls eine soziale Tatsache. Und zwar eine sehr bedrückende, besonders in Zeiten des Rollbacks, gerade auch in den Geschlechterverhältnissen. Da ist eine sehr große Koalition zwischen rechtsextremen europäischen Parteien, der MAGA-Bewegung, den Mullahs, den Taliban und jeder Menge Typen entstanden, die im prä-ödipalen Entwicklungsstadium hängengeblieben sind: Influencer, Präsidenten oder nur Mitmänner in der Manosphere.
„Glaubt irgendjemand, dass das Netz, seine Strukturen und seine Algorithmen geschlechtsneutral sind?“
Was erstaunlicherweise so gut wie nie gesagt wird: dass nahezu die komplette Internetwirtschaft, von Apple bis Meta, von amazon bis Open AI, selbst eine gigantische Manosphere ist: Alle die antizivilisatorischen CEOs der einschlägigen Konzerne, alle neuen Fantastillardäre sind – Männer! Glaubt irgendjemand, dass das Netz, seine Strukturen und seine Algorithmen geschlechtsneutral sind?
Die in jeder Hinsicht gehypte KI wirkt aufgrund dessen, was sie »lernt«, als radikale Recyclingmaschine tradierter Stereotype und Strukturmerkmale. Und der zivilisatorische Rollback, das gerade in Gestalt von Putins Krieg, von frauentötenden Mullahs und Taliban, von Fossilindustriellen aller Nationen oder von den Dieter Nuhrs dieser Welt exekutiert wird, hat mit einem Strukturwandel von Öffentlichkeit und Politik zu tun, dessen Trägermasse Männer bilden, in neo-archaischer Ausführung. Gern auch tätowiert.
Verantwortung aller Männer
All das wirft unsere Frage »Wozu Männer?« in großer Dringlichkeit auf, und die kann überhaupt nur positiv beantwortet werden, wenn die ganze eklige, ostentative und gut eingeölte Gewaltkultur von Männern gegen alle, die keine Männer wie sie sind, endlich als Problem der Männer begriffen wird.
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Die zarten Ansätze in Gestalt von Männern organisierter Demos gegen sexualisierte Gewalt aus Anlass der aktuellsten Unschuldsvermutung sind genauso wie der oben zitierte Fall ein Anzeichen, dass sich generationell etwas zu verändern beginnt.
Das ist sehr gut und als Beispiel zu verstehen: Es ist die Verantwortung aller Männer aller Generationen, endlich das zivilisatorische Projekt als ihre ganz persönliche Angelegenheit zu verstehen, und das besteht schlicht und einfach und nur scheinbar unerreichbar darin, dass Frauen ohne Angst leben können.
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