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Rechte Männer, Verlust und Anerkennung Der verlorene Mann

Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt unterstützen die AfD vor allem viele Männer. Marcel Fratzscher meint, man muss verstehen, warum viele junge Männer die AfD wählen. Erst dann kann man sie zurückgewinnen.

taz FUTURZWEI | Die Sorge über den Rechtsruck unter jungen Männern ist berechtigt: Bei vergangenen Wahlen haben viele von ihnen die AfD gewählt, während junge Frauen deutlich häufiger progressive oder liberale Parteien unterstützen.

Viele erklären das mit toxischer Männlichkeit, Anti­feminismus und mangelnder Bildung. Doch wer junge Männer vorverurteilt, wird sie nicht zurückgewinnen, sondern treibt sie noch weiter in die Arme von Populisten und Faschisten.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Was stimmt nicht mit diesen jungen Männern? Sondern: Was erleben sie – und weshalb fühlen sich so viele von ihnen von einer Partei angezogen, deren Politik ihren eigenen Interessen fundamental widerspricht?

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Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..

Vor zwei Jahren habe ich in einer ZEIT-Kolumne argumentiert, dass sich junge Frauen und junge Männer politisch zunehmend auseinanderentwickeln – Frauen werden liberaler und progressiver, Männer konservativer und häufiger rechtspopulistisch. Diese Entwicklung ist ein internationales Phänomen. Die Ursache liegt in tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, auf die viele keine überzeugende Antwort finden.

Der Verlust der Männer

Viele junge Männer erleben heute einen mehrfachen Verlust. Die klassische Industrie bietet weniger sichere Arbeitsplätze. Gesellschaftlicher Status entsteht nicht mehr automatisch über Beruf und Einkommen. Beziehungen entstehen später oder gar nicht. Viele leiden unter Einsamkeit, psychischen Belastungen und dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Gerade in vielen ländlichen Regionen Ostdeutschlands kommen demografische Entwicklungen hinzu: Immer mehr junge Frauen ziehen für Ausbildung und Studium in größere Städte und kehren häufig nicht zurück.

Zurück bleiben Männer, die oft nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern auch soziale Bindungen und An­erkennung verlieren. Dadurch entsteht für immer mehr junge Männer tiefe Frustration und eine gefühlte Perspektivlosigkeit.

All das macht die Wahl einer antidemokratischen und Menschen verachtenden Partei nicht richtig, aber es macht sie verständlicher.

Marcel Fratzscher

ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Populismus lebt von Angst, Kontrollverlust und dem Versprechen einfacher Antworten. Genau diese Angst ist die stärkste politische Triebkraft unserer Zeit. Wer Zukunft vor allem als Bedrohung erlebt, sucht Halt – selbst dann, wenn die angebotenen Lösungen objektiv schaden.

Deutschland braucht mehr Fachkräfte, mehr Innovation, mehr Investitionen und ein starkes Europa. Junge Menschen brauchen eine dynamische Wirtschaft mit guten Arbeitsplätzen, sozialen Aufstiegschancen und Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz. Nationalismus, Abschottung und ein permanenter Kulturkampf lösen keines dieser Probleme. Im Gegenteil: Sie schwächen Wohlstand, ­Beschäftigung und Chancen gerade für diejenigen, die heute um ihre Zukunft fürchten.

Was also konkret tun?

Politik der Anerkennung

Wir brauchen eine neue Politik der Anerkennung. Anerkennung bedeutet, Menschen zu vermitteln: Ihr gehört dazu, eure Sorgen werden ernst genommen und eure Zukunft ist uns wichtig. Das erfordert Zukunftsinvestitionen in eine verlässliche Mobilität, schnelles Internet, medizinische Versorgung, Jugendarbeit und Kultur. Und dazu gehört eine aktive Strukturpolitik, die gute Jobs dorthin bringt, wo die Menschen leben, statt zu erwarten, dass alle den Jobs hinterherziehen.

Als Zweites benötigen wir neue Wege zu sozialem Status und Anerkennung. Deutschland setzt auf Akademisierung und redet beruflich-technische Bildung klein. Dabei braucht die wirtschaftliche Transformation aber auch Handwerker­innen und Techniker. Zugleich müssen soziale Berufe besser bezahlt und besser für Männer geöffnet werden.

Drittens benötigen wir mehr Orte der Begegnung. Sportvereine, freiwillige Feuerwehren und Jugendclubs – die nicht missbraucht werden, um rechtes Gedankengut zu verbreiten, sondern Aufklärung und Einordnung zu fördern – sind eine enorm wichtige demokratische Infrastruktur. Wir müssen analoge Räume schaffen und finanzieren, in denen Zugehörigkeit real erfahrbar ist.

Viertens – und hier sind „wir“ Männer persönlich gefragt: Junge Männer brauchen Vorbilder und Zuhörer. Väter, Trainer, Meister, Kollegen können zeigen, dass Stärke auch Verantwortung, Fürsorge und Respekt bedeutet. Und dass Menschenfeindlichkeit ein Irrweg ist.

Ebenso wichtig ist eine andere politische Sprache, die Verantwortung, Zusammenhalt und Chancen in den Mittelpunkt stellt. Demokratie lebt nicht davon, Menschen in Gewinner und Verlierer gesellschaftlichen Wandels einzuteilen. Sie lebt davon, möglichst allen das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden und ihre Zukunft selbst gestalten zu können.

Wir müssen gerade jungen Männern vermitteln, dass Freiheit mehr bedeutet als Wut, dass Anerkennung stärker ist als Ausgrenzung und dass eine offene Gesellschaft ihnen mehr Chancen eröffnet als jede Form des Nationalismus und Faschismus.

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