IOC führt Geschlechtertests wieder ein: Kulturkampf wird olympische Disziplin
Frauen müssen sich künftig vor Olympia einem Geschlechtertest unterziehen. Grundlage für die Entscheidung ist eine konstruierte Bedrohung.
D ie Rolle rückwärts ist vollbracht. Neun Monate wurde sie einstudiert. Am Donnerstag konnte Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, sie erstmals vorführen. Von nun an, so verkündete sie, müssen sich Frauen wieder einem Geschlechtertest unterziehen. Diesen hatten die Sportverbände einst in den 1960er Jahren obligatorisch eingeführt, ehe er in den späten 1990er Jahren vom IOC als rückständig bewertet und abgeschafft wurde.
Anfangs schaute das medizinische Fachpersonal noch in die Hosen, künftig soll ein einmaliger Speicheltest klären, wer denn wirklich eine Frau ist. Menschen mit intergeschlechtlichen Anlagen und einem Y-Chromosom sollen schon bei den nächsten Olympischen Sommerspielen 2028 genauso wenig antreten dürfen wie trans Sportlerinnen.
Überrascht dürfte von der Entscheidung niemand sein. Schon der Name der Arbeitsgruppe, die Kirsty Coventry wenige Monate nach ihrer Wahl im vergangenen Juni einsetzte, gab das Ergebnis vor: „Working Group on the Protection of the Female Category“. Dass der Sport von trans Frauen und intergeschlechtlichen Menschen, deren Anteil im Leistungssport im Promillebereich liegt, bedroht ist, war bereits eine kühne Grundannahme.
Den Ausschluss von Sportlerinnen nun als ein Ergebnis zu präsentieren, das auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse gefällt wurde, die in der Arbeitsgruppe zusammengetragen wurden, zeugt von einer gewissen Unverfrorenheit. Der Ausschluss ist vielmehr Ergebnis eines Kulturkampfes, der auch den Sport erreicht hat und besonders intensiv bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris entbrannte.
Thema im US-Wahlkampf
Über die zwei Boxerinnen Imane Khelif aus Algerien und Lin Yu-ting aus Taiwan wurde damals jede Menge Hass ausgeschüttet. Als Männer wurden sie beschimpft, die Frauen verprügeln würden. Grundlage dafür waren zweifelhafte und intransparente Geschlechtertests eines korrupten und suspendierten Boxweltverbandes, der von einem Freund Wladimir Putins geführt wird.
Donald Trump befeuerte die Debatte für seinen Wahlkampf und höhnte über die spätere Goldmedaillengewinnerin Khelif. Die Entscheidung des IOC ist, wie der US-Präsident und Kulturkämpfer Trump am Donnerstag betonte, Resultat seines Dekrets vom Februar, mit dem er Schulen und Universitäten den Entzug von Fördermitteln ankündigte, sollten sie trans Sportlerinnen an Frauenwettbewerben teilnehmen lassen. Trump hatte auch erklärt, für die Olympischen Spiele in Los Angeles keine trans Sportlerinnen einreisen zu lassen.
So eindeutig wie Kulturkämpfer sehen Wissenschaftler die Angelegenheit nicht. Das zeigt dieser Tage der Fall der taiwanesischen Boxerin Lin Yu-ting. Nachgereichte medizinische Unterlagen bewegten den Weltverband World Boxing dazu, Lin Yu-ting entgegen dem ersten negativen Testergebnis doch als weiblich einzustufen. Intergeschlechtlichkeit und ihre Auswirkungen auf den Sport sind ein komplexes Feld, das mit binärem Denken nicht zu erfassen ist.
Allgemein vorstellbar sollte sein, wie beschämend und beeinträchtigend solche Prozeduren für Betroffene sein können. Welchen Preis möchte man für das propagierte Mehr an Fairness zahlen, wenn Gewinnerinnen im Leistungssport sowieso im Vergleich zur Konkurrenz von besonders vorteilhaften Ausnahmekörpern profitieren?
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