Humanitäre Krise in Jemen: „In Europa erst eine Nachricht, wenn der Ölpreis steigt“
Itta Helland-Hansen ist mit Ärzte ohne Grenzen in Jemen aktiv. Sie erzählt von unterernährten Schwangeren, Cholerapatienten und Hoffnungsschimmern.
Foto: Abdulnasser Alseddik/ap
taz: Seit die Kämpfe zwischen jemenitischen Regierungstruppen und den Huthi eskaliert sind, sind Zehntausende von Menschen auf der Flucht. Sie sind derzeit mit Ärzte ohne Grenzen in der Hafenstadt Aden aktiv, der De-facto-Hauptstadt von Jemen, und betreuen dort mobile Kliniken. Was sehen Sie, wenn Sie morgens zur Arbeit gehen?
Itta Helland-Hansen: Aufgrund der jüngsten Eskalation sind mehr als 200.000 Menschen innerhalb des Landes neu vertrieben worden, zusätzlich zu den 5,2 Millionen Menschen, die bereits vertrieben waren. Das heißt, es gibt Lager für Binnenflüchtlinge, die schon seit Jahren bestehen und vergleichsweise strukturiert aufgebaut sind. Und dazwischen findet man Ansammlungen von Menschen, die im Grunde unter freiem Himmel schlafen oder in Schulen, Moscheen oder anderen Einrichtungen Schutz suchen. Wieder andere kommen bei Verwandten unter. Man muss wissen: Schon vor der jüngsten Eskalation hat die UNO geschätzt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung humanitäre Hilfe benötigte.
taz: Wie geht es den Menschen, die gerade fliehen mussten?
Helland-Hansen: Jemen ist in keiner Weise darauf vorbereitet, eine weitere Krise dieser Art zu bewältigen. Die Menschen haben derzeit kein Geld, nicht für Grundbedürfnisse, nicht für Brennstoff. Es gibt viele Stromausfälle. Die Infrastruktur, um Menschen angemessen aufnehmen zu können, fehlt. Genauso das Personal in den Krankenhäusern. Dazu kommt: Die Reise an sich ist ungeheuer beschwerlich. Frauen und Kinder müssen weite Entfernungen zu Fuß durch die Wüste laufen. Immer wieder infizieren sich dabei Wunden. In unsere Entbindungsstation in Mocha kommen viele unterernährte Frauen, die aber auch schon vor dieser jüngsten Eskalation unterernährt waren. Hinzu kommen Traumaverletzungen. Und die Durchimpfungsrate ist sehr gering, was bedeutet, dass Kinder Krankheiten wie Masern und andere durch Impfungen vermeidbare Krankheiten bekommen.
taz: Ihre Organisation Ärzte ohne Grenzen warnt davor, dass sich die Cholera derzeit in Jemen ausbreitet.
Helland-Hansen: Ja. Die Zahl der Cholerafälle hat sich in den letzten drei Wochen verdreifacht. Wenn Menschen auf engstem Raum zusammenleben und nur unzureichenden Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen haben, breiten sich Krankheiten leicht aus. Ich war in einem Krankenhaus, das bereits über ein Cholera-Behandlungszentrum verfügt. Wenn man Cholera hat, ist man stark dehydriert. Die Patienten benötigen also dringend Flüssigkeitszufuhr, aber die Patienten in dem Behandlungszentrum müssen selbst hinausgehen, um ihr Trinkwasser zu kaufen, da das Krankenhaus kein sauberes Trinkwasser bereitstellen kann. Es geht also nicht nur um einen Mangel an Medikamenten, sondern schlichtweg um Wassermangel – da ist entscheidend, dass wir die Maßnahmen im Bereich Wasser- und Sanitärversorgung ausweiten können.
taz: Gab es in den letzten Tagen eine Begegnung, die ihnen ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Helland-Hansen: Kürzlich haben wir in einem Flüchtlingslager eine Gruppe von Menschen getroffen, die zunächst in eine nahegelegene Gegend und dann noch viel weiter geflohen sind. Die Männer schliefen unter freiem Himmel, die Frauen und Kinder unter Planen, die ihnen ein paar andere Menschen gegeben hatten. Sie hatten nichts, nicht einmal Decken, um sich zuzudecken. Und sie sagten mir, dass sie mit allen sprechen würden, in der Hoffnung, dass von irgendwo Hilfe kommt.
taz: Sie müssen sich angesichts der Situation hilflos fühlen.
Helland-Hansen: Nein, für mich persönlich ist die Arbeit, die wir hier Tag für Tag leisten, sehr erfüllend. Wir versuchen, einigen der Bedürfnisse von Menschen gerecht zu werden, die unter extrem schwierigen Lebensbedingungen leiden. Mit den mobilen Kliniken können wir sie direkt erreichen und so Hindernisse beseitigen, denen sie beim Zugang zur medizinischen Versorgung gegenüberstehen.
Aber natürlich stimmt auch: Wir können nicht jedem helfen und es ist wahnsinnig frustrierend zu sehen, wie wenig von der internationalen Gemeinschaft kommt. Der humanitäre Hilfsaufruf (rund 2,1 Milliarden Dollar) ist erst zu 22 Prozent finanziert. Das verdeutlicht, wie Jemen ignoriert wird, wenn es um humanitäre Hilfe geht. In Europa wird es erst dann zu einer Nachricht, wenn der Ölpreis steigt.
taz: Was braucht Jemen von der internationalen Gemeinschaft?
Helland-Hansen: Wir brauchen unbedingt eine starke Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Wir brauchen Aufmerksamkeit. Und Finanzmittel für die Organisationen vor Ort. Denn auf der anderen Seite dieser Gleichung stehen die menschlichen Kosten, wenn man es nicht tut.
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