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Israelische Doku „Naza“ Sie sind Helden

Susanne Knaul

Kommentar von

Susanne Knaul

In Israel ist eine Film-Doku über das brutale Vorgehen des Militärgeheimdienstes im Gazastreifen verboten. Eine offene Debatte wird unterdrückt.

V on „menschlichen Tieren“ sprach der israelische Verteidigungsminister Joav Galant nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023. Wer nur einige Bilder aus dem Kibbuz Be'eri, wo ein Zehntel der Bevölkerung innerhalb weniger Stunden ermordet wurde, gesehen hat, wird zustimmen, dass hier blutrünstige Monster am Werk waren. Ohne die Schrecken vom 7. Oktober hätte es keinen Krieg im Gazastreifen gegeben.

Mit dem einen Unrecht lässt sich ein anderes allerdings nicht zu Recht machen. Schließlich hatte auch der 7. Oktober eine Vorgeschichte von Vertreibung, Besatzung, Menschenrechtsverletzungen und Blutvergießen. Doch nichts davon kann die Gräueltaten der Terroristen rechtfertigen.

Mit den grauenhaften Szenen aus den Kibbuzim und vom Nova-Musikfestival vor Augen, in Trauer um Freunde und Sorge um die Geiseln, ziehen die 24 Soldaten, die in dem Dokumentarfilm „Naza“ zu Wort kommen, hasserfüllt und auf Rache sinnend in den Krieg. Nicht ins Schlachtfeld, sondern an die Rechner, mit denen sie die tödlichen Drohnen in den Gazastreifen schicken. Allesamt sind sie Angehörige der Eliteeinheit 8200 des Militärgeheimdienstes.

Nahost-Debatten

Der Israel-Palästina-Konflikt wird vor allem in linken Kreisen kontrovers diskutiert. Auch in der taz existieren dazu teils grundverschiedene Positionen. In diesem Schwerpunkt finden Sie alle Kommentare und Debattenbeiträge zum Thema „Nahost“.

Es sind Computerfreaks, die zum Teil selbst die Software der Todesmaschinerie mitentwickelten und für die die Jagd auf Terroristen „wie ein Spiel“ war, so sagt einer der befragten Männer in dem Film. An die Opfer unter Zivilisten, die bei den Angriffen in Kauf genommen werden, habe er keinen Gedanken verschwendet: „Es war ein großer Spaß.“

Kaum einer der überwiegend noch sehr jungen Soldaten scheint wirklich verinnerlicht zu haben, welches Leid er so unfassbar vielen Familien zugefügt hat. Mit augenscheinlicher Gleichgültigkeit berichten die Männer, wie „völlig normal es war“, ganze Häuser dem Erdboden gleichzumachen und „Naza“ (hebräisches Initialwort für Kollateralschaden), den Tod von bis zu mehreren hundert Unschuldigen, einzukalkulieren. „Wir hatten eine Mission zu erfüllen“, heißt es an einer Stelle, und: „Wenn ich es nicht getan hätte, wäre es ein anderer gewesen.“

Bis kurz vor Ende der Dokumentation verzichten die zwei RegisseurInnen Rachel Szor und Yuval Abraham auf Bilder aus dem Gazastreifen. „Ein übles Stück Propaganda“, so kommentierte die Jüdische Allgemeine. Tatsächlich aber bleibt der Film völlig unspektakulär, sachlich, er geht auf die Nerven; man hat das Gefühl, sehr schnell kapiert zu haben, worum es geht, und will gar nicht noch mehr hören. Doch Abraham, der die Interviews führt, stellt unnachgiebig immer wieder die unbequemen Fragen nach den Ungeheuerlichkeiten, die sich im Gazastreifen abgespielt haben und bis heute abspielen.

Szor und Abraham sind Patrioten, die ihr Land lieben und um dessen Zukunft sie sich sorgen

Von „nützlichen Idioten der Hamas“, die ihr „von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen“, schreibt die Jüdische Allgemeine. Naza sei seit langer Zeit „der manipulativste Film“, der in den Kinos läuft. Damit übernimmt das Blatt nahezu wörtlich die Pressemitteilung aus dem Büro des israelischen Militärsprechers. Der Film liefere „substanziell falsche Fakten“, heißt es dort. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.

Der Versuch, das systematisch völkerrechtswidrige Vorgehen der Armee im Gazastreifen zu vertuschen, ist allein angesichts der Zahl von über 70.000 Todesopfern, die selbst Israel einräumt, in einem Gebiet von zwei Millionen Einwohnern völlig absurd. Die Toten, die Verletzten und die Zerstörung – UN-Experten schätzen, dass im Gazastreifen 55 Millionen Tonnen Trümmer liegen – sprechen für sich. „So schnell wie möglich, so viel wie möglich zerstören“, sei sein Auftrag gewesen, sagt einer von Abrahams Interviewpartnern. Von einer „gezielten Tötung“ auch von Kindern, spricht ein anderer.

In Israel verboten

Für die palästinensischen Opfer spielt es keine Rolle, ob sie Kollateralschaden sind und ihr Tod bedauerlicherweise in Kauf genommen wurde oder ob man sie mit voller Absicht jagte. Es sind die Täter, die der Film meint, die israelische Bevölkerung, in deren Namen die Regierung das Kommando zum Massenmord gab. Endlich, nach drei Jahren, eine Debatte in Gang setzen wollte Abraham. Doch ausgerechnet in Israel darf die Dokumentation nicht gezeigt werden. Ist ja klar – wenn man sich die Konstellation der Koalition anschaut.

Premierminister Benjamin Netanjahu erwägt neue Gesetze gegen BürgerInnen, die Israel verleumden. Der Entzug der Staatsbürgerschaft für die beiden RegisseurInnen ist im Gespräch. Zudem soll die Identität der 24 Soldaten recherchiert werden, die in der Dokumentation mit gutem Grund anonym aussagen. Vor dem Elternhaus Szors versammeln sich Rechtsnationale, die die FilmemacherInnen als „Verräter“ beschimpfen. Sogar Morddrohungen soll es gegeben haben.

Entmündigte Bevölkerung

Eine offene Debatte über das weltweit als „unproportional“ geächtete Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen darf es in Israel so wenig geben wie eine Untersuchung zum Versagen von Regierung und Militär im Vorfeld vom 7. Oktober, am Tag des Massakers und danach. Die Bevölkerung soll in Unwissenheit bleiben, sie wird regelrecht entmündigt, darf nicht selbst darüber entscheiden, ob sie „Naza“ sehen will oder nicht. Sinnvollerweise wird der britische Guardian, der den Film produziert hat, „Naza“ ab November kostenfrei online zur Verfügung stellen. So weit, das Internet abzustellen, ist es dann doch noch nicht.

Szor und Abraham sind alles andere als Nestbeschmutzer, wie ihnen vorgeworfen sind. Sie sind die echten Patrioten, die ihr Land lieben und sich um seine Zukunft sorgen. Sie sind Helden, denn sie wussten, was auf sie und ihre Familien zukommen würde. Schon die Reaktionen auf ihren letzten Film „No Other Land“ ließen nichts anderes erwarten.

Zu hoffen bleibt, dass sich die Mehrheit der Israelis, wenn sie am 27. Oktober ihren Stimmzettel für die kommende Regierung abgibt, nicht länger für dumm verkaufen lassen will, sondern für aufrechte PolitikerInnen entscheidet. Alles andere wäre eine Katastrophe.

Susanne Knaul

Susanne Knaul Redakteurin Meinung

1961 in Berlin geboren und seit 2020 Redakteurin der Meinungsredaktion. Von 1999 bis 2019 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina.
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14 Kommentare

  • Gideon ,

    Vielen Dank für eure Beiträge, wir haben die Kommentarfunktion geschlossen. Die Moderation

  • Éljen a Magyar

    In Israel ist eine Film-Doku über das brutale Vorgehen des Militärgeheimdienstes im Gazastreifen verboten."

    Könnte die Autorin diese Behauptung bitte mit Belegen untermauern? Nach meiner Recherche gibt es in Israel kein Aufführungsverbot für den Film "NAZA".

  • christiane krause

    "Es sind die Täter, die der Film meint, die israelische Bevölkerung"... Wie war das nochmal mit der Hamas und der palästinensischen Zivilbevölkerung?

  • Gothograecus

    "Für aufrechte PolitikerInnen", sicher. Aber gibt es überhaupt noch nennenswerte politische Kräfte, die ernsthaft gegen die Kombination ethnische Säuberung + Annexion (aka "Zweistaatenlösung") sind, und steht die in der israelischen Bevölkerung überhaupt noch zur Debatte? - Von "mehrheitsfähig" ganz zu schweigen.

    Vielleicht sollte man mal da ansetzen, davon habe ich zumindest seit Längerem nichts gelesen. Gibt es überhaupt Umfragen dazu? Wie tickt der Durchschnitt in dieser Frage, erst recht seit dem 7. Oktober? Ich habe den Eindruck, dass der friedenswillige und kompromissbereite Teil der israelischen Gesellschaft längst auf verlorenem Posten kämpft.

    • EffeJoSiebenZwo

      @Gothograecus:

      Gute Frage.



      Ich hätte die Hoffnung, dass Naza, wenn er denn auch in Israel gezeigt wird, dort einen Effekt auslösen könnte, wie ihn Claude Lanzmanns Film Shoah hierzulande ausgelöst hat.

  • Alouette

    Liebe Frau Knaul, vielen Dank für diesen Kommentar!



    Seit Beginn der unseligen Diffamierungskampagne gegen die Berliner Linke verfolge ich die Berichterstattung der Jüdischen Allgemeinen. Dabei fällt mir auf, dass nahezu jede Kritik an der israelischen Politik als einseitig, undifferenziert oder nicht belegbar zurückgewiesen wird. Entsprechend der Blattlinie wurden zuletzt die Preisträger*innen des Friedensnobelpreises und des Friedenspreises des deutschen Buchhandels als dieser Ehre nicht würdig gebrandmarkt.



    Bei der Berichterstattung über „Naza“ fand ich einen Kommentar, der einem Statement der israelischen Armee entnommen war, nahezu zynisch: Die interviewten Soldaten hätten sich, statt an die Filmemacher*innen, an die dafür vorgesehene Beschwerdestelle der Armee wenden müssen. Man wäre den Hinweisen dann nachgegangen.



    Das Tragische an all dem ist: Die vom Zentralrat und seiner Zeitung propagierte, nahezu untrennbare Verknüpfung von Israelkritik mit Antisemitismus, leistet letztendlich dem wirklichen Antisemitismus Vorschub. Die permanente Unterdrückung des freien Diskurses befördert abstruse Verschwörungstheorien.

    • davber

      @Alouette:

      Die Jüdische Allgemeine ist nicht die Zeitung des Zentralrats der Juden. Es ist eine kritische und unabhängige Zeitung - wie auch die TAZ hier. Oder wissen sie mehr als ich?

      • Anders Heister

        @davber:

        Wovon reden Sie bitte?



        Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist Herausgeber der "Jüdischen Allgemeinen". Insofern ist es naheliegend, von "seiner Zeitung" zu reden.

      • O.F.

        @davber:

        Verzeihen Sie mir die bissige Antwort, aber: Ja, das tut er. Die JA wird ganz offiziell vom ZdJ herausgegeben und ist damit streng genommen keine unabhängige Tageszeitung wie die taz, sondern ein Verbandsblatt.

      • Alouette

        @davber:

        Ich empfehle den Artikel auf „Übermedien“ zur Rüge des Presserats an die JA.

  • K.M.

    «Ich bin nicht verantwortlich, ich habe nur Befehle ausgeführt.» Das kennen wir doch von irgendwoher.



    Und noch etwas: Dieser pauschale Hass auf alle Palästinenser, wie er von den Interviewpartnern ungeschönt geäussert wird, entsteht ja nicht aus dem Nichts «nur» auf Grund eines Verbrechens, so gross dieses auch war. Nein, er wird in den israelischen Schulen den Kindern von Klein auf gründlich eingeimpft, auf dass sie dann gute Soldaten werden – erfolgreich, wie der Film zeigt. Araber böse, wir gut, das Land gehört uns, was meinen die eigentlich, wer sie sind. Das wird von Nurit Peled-Elhanan in ihrem Buch «Palästina in israelischen Schulbüchern» recht gut beschrieben. (In deutscher Übersetzung im Verlag Stiftung Hirscher, ISBN 9-783-981-89167-6) Erwähnenswert ist, dass das englische Original bereits 2012 erschien, aber erst 2020 von Freiwilligen auf deutsch übersetzt wurde.

  • Éljen a Magyar

    "Mit dem einen Unrecht lässt sich ein anderes allerdings nicht zu Recht machen. Schließlich hatte auch der 7. Oktober eine Vorgeschichte von Vertreibung, Besatzung, Menschenrechtsverletzungen und Blutvergießen. Doch nichts davon kann die Gräueltaten der Terroristen rechtfertigen."

    Dann tut es doch auch einfach nicht!

    Am Yisrael Chai!

    • Soru Soran

      @Éljen a Magyar:

      Rechtfertigen nicht, so etwas kann man nicht rechtfertigen, aber für die, die es verstehen wollen, vielleicht erklären.

      Im Übrigen: Das palästinensische Volk lebt auch!

  • Klabauta

    Die israelische Regierung muss schon sehr viel Angst haben, wenn sie so weit geht, den Film zu verbieten.