Horrorfilm „Mother Mary“: Die letzte Heilige
In David Lowerys Gothic-Melodram „Mother Mary“ will sich ein Star ein neues Outfit zulegen. Der Horrorstreifen zeigt Pop als Maschine zur Herstellung von Identitäten.
Popstars sind vielleicht die letzten Heiligen, an die die Welt noch glaubt. Der Unterschied zu Religionen besteht nur darin, dass ihre Heiligen heute zugleich Opfer und Produkte ihrer eigenen Inszenierung sind. Anne Hathaway spielt in David Lowerys „Mother Mary“ eine Popmusikerin, die langsam vom eigenen Image heimgesucht wird.
Kurz vor ihrem großen Comeback-Auftritt bekommt Mary Zweifel. Besonders das maßgeschneiderte Outfit für ihre neue Show scheint plötzlich falsch. Ohne ihre Entourage aus Assistentinnen und Make-up-Artists zu informieren, fliegt sie spontan nach England in das abgelegene Haus der Modedesignerin Sam (Michaela Coel).
Von ihr möchte sie einen neuen Dress – oder vielleicht ein neues Selbst. Wie der Film nach und nach andeutet, hat Sam die öffentliche Figur des Popstars entscheidend miterschaffen. In wenigen Tagen soll Mary bei einem gigantischen Neujahrsauftritt ihre neue Single präsentieren.
Diese Ausgangslage verwandelt der US-Regisseur nach und nach in eine seltsame Mischung aus retrospektiver Paartherapie, Séance und Kreativmeeting am Rand des Nervenzusammenbruchs. Ein High-Fashion-Kammerspiel, das sich wie ein psychologisches Korsett immer enger zieht.
„Mother Mary“. Regie: David Lowery. Mit Anne Hathaway, Michaela Coel u.a. Vereinigtes Königreich/Finnland/Deutschland/USA 2025, 111 Min.
Sam ist gar nicht glücklich über den unangekündigten Besuch. Mary braucht den neuen Dress in nur zwei Tagen. Außerdem hat sie Sam vor einigen Jahren einfach geghostet.
Rückblenden deuten an, dass sie einst eine romantische Beziehung führten und zwischen ihnen tiefe Verletzungen liegen. Doch die Abstoßung wird bald wieder zur Anziehung. In Sams Atelier, einer alten Scheune, fallen die beiden zurück in einen vertrauten Modus.
Weil Mary nicht erklären kann, welche Art von Dress sie will, versucht sie es mit Blicken oder halben Sätzen. Sam steht mit ihrem durchdringenden Blick vor ihr und setzt die vagen Ideen zusammen, indem sie sie formuliert. Schließlich will sie von Mary erfahren, was sie plagt. Damit sie wisse, was sie bedecken soll.
Mode scheint hier Gefühle lesbar zu machen. Es ist beeindruckend, wie Hathaway und Coel zwei Menschen spielen, die sich so lange kennen, dass Sprache fast überflüssig geworden ist. Sie bewegen sich durch ein emotionales Betriebssystem, das nur sie selbst verstehen.
Geradezu meditative Ruhe
Coel, bekannt etwa als Drehbuchautorin und Hauptfigur der Emmy-prämierten HBO-Serie „I May Destroy You“ (2020), hält den Film mit einer geradezu meditativen Ruhe zusammen. Ihre meistens skeptischen, fast nie wirklich zugewandten Blicke wirken präziser als die eigentlichen Dialoge.
In einer der stärksten Szenen bittet Sam Mary, die neue Choreografie ohne Musik vorzuführen. Brillant, wie Hathaway sich durch den Raum windet. Der Star scheint nicht mehr gespielt zu werden, sondern Besitz von ihr zu ergreifen.
Die Schauspielerin bringt dafür die richtige Qualität mit: eine Mischung aus perfekter Hollywood-Oberfläche und der Ahnung, dass darunter jederzeit etwas kippen kann. Kurz darauf beginnt Mary von geisterhaften Begegnungen in Gestalt eines herumschwebenden roten Tuchs zu erzählen, das sie seit Jahren verfolgt.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Mother Mary“
Hier beginnt der Film ins Geisterhafte zu kippen. Was als diffuses Tuch beginnt, manifestiert sich im Landhaus als allgegenwärtiges Rot, das ständig seine Form wechselt. Das Haus wird zum Speicher gemeinsamer Projektionen und Verletzungen.
Ein Exorzismus als logische Zuspitzung
Zwischen nächtlichem Dauerregen, flackerndem Kerzenlicht und dem heimsuchenden Rot wird die Zuschauerin in eine okkulte Séance gelockt. Auch im wörtlichen Sinne: Als der britische Popstar FKA twigs als spirituelles Medium auftaucht, um Mary von ihren Dämonen zu reinigen.
Der Exorzismus wirkt weniger wie ein surrealer Ausbruch als wie die logische Zuspitzung einer Erzählung, in der Gefühle längst Besitz von Räumen, Bildern und Körpern ergriffen haben. Doch Lowery steuert den Film so sichtbar auf diese okkulten Momente zu, dass gerade die symbolisch aufgeladensten Szenen ihre Wirkung verlieren.
„Mother Mary“ bewegt sich permanent an der Grenze zwischen hyper-ästhetisiertem Horror, Kunstpathos und einem teuren Tumblr-Post aus den frühen 2010ern – super stylish, ein bisschen philosophisch, aber immer ein bisschen zu selbstverliebt. Milan Kundera schrieb mal, dass dem Kitsch zwei Arten von Tränen vorausgingen.
Die erste Träne entstehe beim gerührten Anblick von Kindern, die auf dem Rasen rennen. Die zweite bei der Einsicht, dass auch andere vom Anblick gerührt sind. Erst diese zweite Träne macht aus Emotion Kitsch.
Konzertsequenzen von enormer Wucht
Auf die zweite Träne zielt der Film bald nur noch ab. Nicht auf die Emotion, eher auf die ständige Reflexion darüber, wie bedeutungsvoll, tief und kollektiv diese Emotion gerade sein soll. Irgendwann besteht die Spannung nicht mehr darin, mit den Figuren mitzufiebern oder sich in den horrorartigen Szenen zu gruseln, sondern nur noch zu hoffen, dass der Film mal aufhört, sich so wahnsinnig ernst zu nehmen.
Auch viele Dialoge wirken künstlich überhöht. Mary beschreibt ihre Kunst einmal als „transsubstantiation of feeling“: eine Art Verwandlung von Gefühlen in etwas Körperliches. Doch da, wo Emotionen permanent wie etwas Sakrales behandelt werden, ist das nur konsequent.
Lowery interessiert sich weniger dafür, wie reale Menschen sprechen, als dafür, wie sie gegenseitig ihre Mythen erschaffen. Mit „A Ghost Story“ (2017) oder „The Green Knight“ (2021) hat sich der Regisseur längst als jemand etabliert, der mehr mit Stimmungen und Gefühlen arbeitet, die rational kaum erklärbar sind.
Gerade deshalb entwickeln die großen Konzertsequenzen eine enorme Wucht: irgendwo zwischen futuristischem Stadionpop und katholischer Messe. Für wenige Minuten erzeugen sie die Aura eines echten Mega-Events. Anne Hathaway bewegt sich darin mit einer kontrollierten Künstlichkeit, die zugleich camp und ernst wirkt.
Kleidung als emotionale Infrastruktur
Dass Marys Outfits so authentisch aussehen, liegt auch an der Zusammenarbeit zwischen der Kostümdesignerin Bina Daigeler und der Modelegende Iris van Herpen, die bereits Björk oder Lady Gaga eingekleidet hat.
Es ist, als funktioniere Kleidung bald nur noch als emotionale Infrastruktur, die wichtiger ist als die eigentliche Handlung. Gefühle erscheinen wie Designobjekte. Vielleicht liegt auch hier der eigentliche Horror: die stetige Angst davor, dass zwischen Performance, Begehren und Projektion kein echtes Selbst mehr übrig bleibt.
Hier erscheint Pop nicht mehr als Musikindustrie, sondern als Maschine zur Produktion von Identitäten. Der Film wirkt wie eine Gothic-Version dessen, was die US-Autor*in Lauren Berlant als „cruel optimism“ bezeichnet hat: die erschöpfende Bindung an ein bedeutungsvolles Leben, das einen gleichzeitig zerstört.
Gerade deshalb funktioniert der Film weniger als klassischer Horror denn als Geschichte über emotionale Abhängigkeiten, die entstehen, wenn zwei Menschen gemeinsam eine Figur erschaffen, die größer wird als beide selbst. „Mother Mary“ gelingt es nicht immer, diese großen Gefühle zu tragen. Doch einige Szenen bleiben hängen. Wie Popsongs, deren Kitsch man ablehnt, die einen aber trotzdem emotional erpressen.
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