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Hörsaal an der Uni Göttingen besetztStudierende kämpfen um linken Freiraum

In Göttingen haben Studierende einen Hörsaal besetzt. Sie fordern von der Uni den seit mehr als 20 Jahren selbstverwalteten Raum „Autonomicum“ zurück.

An der Uni Göttingen haben rund 20 Studierende am Montagmorgen einen Hörsaal im Zentralen Hörsaalgebäude (ZHG) besetzt. Sie protestieren dagegen, dass die Uni den seit mehr als 25 Jahren von Studierenden selbstverwalteten Raum „Autonomicum“ im November geschlossen hat – angeblich um Schädlingsbefall zu bekämpfen.

Am Montagmorgen hätten die Be­set­ze­r*in­nen im Hörsaal zuerst die mitgebrachte Kaffeemaschine angeschmissen, erzählen Leonie und Johanna von der Gruppe Autonomicum der taz am Telefon. „Wir wollen vorbereitet sein auf die ersten Studis, die kommen, weil sie zur 10-Uhr-Vorlesung wollen“, sagt Leonie. Sie hofften, dass sie sich der Besetzung anschließen.

Die Gruppe bezeichnet die Besetzung nicht nur als Protestaktion. „Wir nutzen den Hörsaal als Ersatz für den Raum, der uns genommen wurde“, sagt Leonie.

Dieser Raum liegt direkt neben dem Hörsaal, der nun besetzt wurde. Das Autonomicum ist ein rund 60 Quadratmeter großer Raum, der nur von Studierenden organisiert wird. Er wurde Mitte der 2000er-Jahre selbst durch eine Besetzung erkämpft. Die Idee: Ein linker Freiraum in der Uni, der offen für alle ist. „Einzige Ausnahme sind allerdings Burschis, Nationalisten und Sexisten“, wie in einem Text aus dem Gründungsjahr steht.

„Autonomicum“ war rund um die Uhr geöffnet

Bis das Autonomicum im Herbst geschlossen wurde, gab es dort Kaffee, Tee, Sofas und Platz, um Flyer, Pinsel oder Transparente zu lagern. Es war ein Ort für Chorproben und spontane Plena politischer Gruppen – finanziert über eine Spendenbox. Bis November war der Raum rund um die Uhr zugänglich; tagsüber für alle, nachts konnten Studierende mit ihren Ausweisen rein.

An einem Abend im November standen die Studierenden dann plötzlich vor einer verschlossenen Tür. Ein Schild wies auf eine „Gesundheitsgefahr“ hin. Die Uni begründete die Schließung des Raumes mit Schädlingsbekämpfung, sprach gegenüber den Studierenden von Schaben und Mäusen.

Leonie und Johanna halten das für einen Vorwand. Es habe kein Problem mit Tieren im Raum gegeben. „Ich habe mit Pfört­ne­r*in­nen gesprochen, die den Raum nachts als Teeküche nutzen“, sagt Johanna. „Die haben dort nie Schädlinge gesehen.“ Zudem sei anfangs von acht Wochen Schließung die Rede gewesen, der Raum aber sei aber heute, ein gutes halbes Jahr später, immer noch zu.

Die Uni schreibt auf taz-Anfrage, der autonome Raum „hatte einen Schädlingsbefall, vermutlich verursacht durch mitgebrachte Sofas, unverpackte Lebensmittel und Löcher unter den Fenstern“. Er sei deshalb in den vergangenen Monaten „entseucht, renoviert und gereinigt“ worden.

Für die Studierenden hat die Uni mit der Schließung des Autonomicums Fakten geschaffen in einem Streit, der schon viel länger dauert. Eigentlich, sagt Leonie, habe es 2023 angefangen. Damals habe die Uni plötzlich Miete von den Studierenden gefordert. „Es geht um 500 Euro pro Monat für die Nebenkosten plus 500 pro Semester“, sagt sie. Die Studierenden lehnen das ab: „Das widerspricht dem Gedanken der Selbstverwaltung. Außerdem: wo soll das Geld herkommen?“, sagt Johanna.

Das Autonomicum war Nachfolger des vorherigen studentisch selbstverwalteten Café Kollabs, das nach einem Brand 2006 geschlossen wurde. Darufhin besetzten Studierende im Januar 2008 den Raum 1140 im ZHG. Nach einigen Wochen ließ die Uni ihn von der Polizei räumen. Im Jahr darauf landete eine Studierende wegen Landfriedensbruchs vor Gericht und musste eine Geldstrafe zahlen.

Trotzdem hatte die Besetzung Erfolg: Im Sommer 2008 konnten die Studierenden einen Raum eine Etage weiter unten beziehen: das heutige Autonomicum. Sie bekamen sogar einen Nutzungsvertrag.

Mysteriöser Nutzungsvertrag

Was genau darin steht und ob der heute noch gültig ist, wissen Leonie und Johanna nicht. Grundsätzlich dürfen anerkannte Hochschulgruppen (HG), die vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) aufgelistet werden, Räume der Uni kostenlos nutzen. Das regelt das niedersächsische Hochschulgesetz und das ist an den meisten Unis auch so. Die Gruppe Autonomicum hat sich zwar nach der Auseinandersetzung mit der Uni um die Miete als HG gegründet, ist aber nicht offiziell anerkannt.

Die Pressestelle der Uni möchte sich dazu nicht äußern. Auch, ob die Studierenden den Raum zurückbekommen werden, und wie die Mietforderungen begründet sind, kann der Pressesprecher nicht sagen. Er verweist auf aktuell laufende Gespräche zwischen Präsidium und Studierenden.

Die Be­set­ze­r*in­nen laden indes alle Studierenden dazu ein, im Hörsaal vorbeizukommen, und diesen Raum zu nutzen, gemeinsam zu essen, zu lernen und zu arbeiten. Sie planen, die Besetzung zu fortzusetzen und im Hörsaal zu übernachten. „Den Hörsaal geben wir zurück, wenn wir das Autonomicum zurückbekommen“, sagt Leonie.

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