piwik no script img

Historikerin zu Kulturkampf mit Büchern„Man muss diese Gefahr ernst nehmen“

Bücher über Diversität, Querness und Identität werden in den USA aus den Schulen entfernt. Anne-Katrin Henkel zur Frage, ob Deutschland Ähnliches blüht.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Frau Henkel, warum gibt es in den USA gerade einen Kulturkampf in den Schulbibliotheken?

Anne-Katrin Henkel: Wenn man die Werte im eigenen Land ändern will, dann liegt es nah, da anzufangen, wo Bildung entsteht und Kultur vermittelt wird. Wenn man die Jugend frühzeitig indoktrinieren will, dann kann man dafür an die Schulbibliotheken herangehen. In Amerika spielen die Schulbibliotheken eine ganz besondere Rolle, weil sie direkt in den schulischen Unterricht einbezogen sind. Die Schulbibliotheken gehören zu den Schulen, die Schulen gehören zum Schulbezirk und stehen unter dessen Aufsicht. Und politisch wird dann auf Schulbezirke von solch konservativen Elterninitiativen wie den Moms for Liberty Einfluss genommen.

Im Interview: Anne-Katrin Henkel

ist stellvertretende Direktorin der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover, studierte Geschichtswissenschaften, Germanistik, Politik und Pädagogik und ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, Landesgeschichte und Regionalgeschichte Niedersachsens.

taz: Aber gibt es nicht auch Zensur auf der Ebene von Bundesstaaten?

Henkel: Es gibt eine Liste mit mehr als 4.000 Büchern, die vor allem in den Staaten Texas, Florida und Tennessee indiziert wurden. Darunter sind zum Beispiel Bücher mit Themen wie sexuelle Identität, LGBTQ oder Diversität. Außerdem geht es um gesellschaftskritische Werke, die sich zum Beispiel mit Sklaverei und politischer Unterdrückung beschäftigen. So steht etwa Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ bei einigen Schulbehörden auf dem Index.

taz: Gibt es ein Buch, dessen Indizierung für Sie besonders erschreckend ist?

Henkel: Das ist die Adaption des „Tagebuch der Anne Frank“ als Graphic Novel von Ari Folman und David Polonsky. Das Buch wurde in mehreren US-Schulbezirken aus den Bibliotheken entfernt oder für den Unterricht gesperrt. Da wurde gesagt, dass die bildliche Darstellung von Anne Frank unmoralisch sei und den Holocaust verharmlose.

taz: Das ist ja eine perfide Begründung.

Henkel: Genau! Denn dadurch, dass Bilder von Anne Frank als ehrverletzend bezeichnet werden, wird ein modernes Buchformat denunziert. Einerseits wird es dadurch Schüler*innen, die ja gerne Graphic Novels lesen, schwerer gemacht, sich mit dem Thema Judenverfolgung und Holocaust zu beschäftigen, denn das Lesen von längeren gedruckten Texten ist heute nicht mehr jedem jungen Menschen zugänglich. Und durch die Hintertür wird da auch das „Tagebuch der Anne Frank“ selber infrage gesellt.

taz: Ist solche eine Einschränkung der Informationsfreiheit auch in deutschen Schulbibliotheken denkbar?

Henkel: Nein, bei uns gibt es zwar auch Schulbibliotheken, aber die sind ganz anders organisiert als in den USA. Weniger als 20 Prozent der Schulen in Deutschland haben Schulbibliotheken und dies sind eher Aufenthaltsräume in den Schulen, in denen die Schü­le­r*in­nen sich auch mit Literatur versorgen können. Sie werden zumeist ehrenamtlich von Leh­re­r*in­nen geführt, die das nebenbei machen. Dadurch sind die Schulbibliotheken nicht so im Lehrbetrieb verankert wie in den USA. Die Möglichkeit einer politischen Einflussnahme ist da also eher gering.

taz: Und wie sieht es in Deutschland mit einer politischen Einflussnahme auf den Bestand der Stadtbibliotheken aus?

Henkel: Grundsätzlich sind die Bibliotheken in Deutschland in ihrer Bestandsaufnahme frei. Es gilt die Informationsfreiheit und Bibliotheken sind gehalten und verpflichtet, das ganze politische und kulturelle Spektrum in ihrem Bestand abzubilden. Nur demokratie- und verfassungsfeindliche Bücher bekommen keinen Eingang in die Bestände der Bibliotheken.

Diskussion und Filmvorführung

„Bücherverbote – vom Kulturkampf in US-Bibliotheken“, Dokumentarfilm „The Librarians“ von Kim A. Snyder, im Anschluss diskutieren Anne-Katrin Henkel, stellvertretende Direktorin der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, Tom Becker, Direktor der Stadtbibliothek Hannover, und TIB-Direktor Sören Auer über die Situation in den USA und in Deutschland, 15.10., 19 Uhr in der Technischen Informationsbibliothek, Welfengarten 1B, Hannover. Eintritt in frei

taz: Und wer bestimmt, auf welche Bücher dies zutrifft?

Henkel: Dafür gibt es professionelle Expertisen von ausgebildeten Bibliothekar*innen, die hauptamtlich den Bestand aufstellen, erschließen und verwalten.

In Sachsen-Anhalt steht im Programm der Partei, die gerade die Mehrheit errungen hat, dass nur noch heimatgebundene Einrichtungen gefördert werden sollen

taz: Nun gibt es ja in Deutschland gerade grundlegende politische Umwälzungen. Sehen Sie die Gefahr, dass sich dadurch auch die Situationen in den Bibliotheken verändert könnten?

Henkel: Ich meine schon, dass man diese Gefahr ernst nehmen muss. Wissenschaft und Bildungs- und Schulpolitik sind ja Ländersache und generell das Feld, auf dem gerne ideologische Auseinandersetzungen im Sinne einer Wertevermittlung geführt werden. Und wenn sich da in einzelnen Bundesländern etwas ändern würde, besteht schon die Möglichkeit, dass dies zum Anlass genommen wird, um auf die Kultur- und Bildungspolitik Einfluss zu nehmen.

taz: Und wie könnte das konkret aussehen?

Henkel: Man kann zum Beispiel Förderungen für LGBTQ-Projekte, Diversitätsprojekte oder Projekte, die eine anders geartete Kultur betreffen, zurücknehmen. In Sachsen-Anhalt steht im Programm der Partei, die gerade die Mehrheit errungen hat, dass nur noch „heimatgebundene“ Einrichtungen gefördert werden sollen.

Mehr zum Thema

0 Kommentare