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Hier spricht diePolizei

Die Gewerkschaften DPolG und GdP haben ihre Kommunikationsstrategien perfektioniert – und tragen populistische Narrative in die Medien und die Politik. Wie schaffen sie das? Eine Datenrecherche

Von Mohamed Amjahid und Natalie Widmann

Provozieren können sie bei der Deutschen Polizeigewerkschaft, und das sehr erfolgreich. Rainer Wendt war bis vor Kurzem noch DPolG-Vorsitzender und Fernsehkolumnist bei Welt TV. Die Idee, Nacktzelte für die Durchsuchung einiger Fußballfans vor Stadien aufzubauen, kommentierte er einst mit folgenden Worten: „Absolut richtig und vernünftig.“ Wendt behauptete im rechten Blog Tichy’s Einblick, dass queere Menschen „uns ihre sexuelle Orientierung ständig aufdrängen und in unseren Alltag übertragen“ wollen würden.

Heiko Teggatz, seit April 2026 Wendts Nachfolger als DPolG-Vorsitzender, forderte Verhandlungen mit den Taliban, um Menschen nach Afghanistan abschieben zu können. Sein Kollege Manuel Ostermann, ebenfalls Bundesvorsitzender der DPolG und in den sozialen Medien für seine umstrittenen Beiträge bekannt, kommentierte in einem Pod­cast des Bayerischen Rundfunks die Kritik an seiner politischen Haltung mit folgendem Satz: „Wenn die das so haben möchten, dann bin ich gerne ein Rechtsextremist, dann bin ich gerne rechtsradikal, und meinetwegen bin ich auch ein Nazi.“

Prominente Vertreter der DPolG sorgen regelmäßig für öffentliche Aufregung. Zufall ist das nicht. Die DPolG ist eine Kommunikationsmaschine. Und auch die zweite große Polizeigewerkschaft, die Gewerkschaft der Polizei (GdP), steht ihr darin kaum nach. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart, wie groß die diskursive Macht von DPolG und GdP in Deutschland ist. Und wie die beiden Gewerkschaften die deutsche Innenpolitik beeinflussen.

Für diese Recherche wurden Tausende Beiträge der Gewerkschaften gesammelt und analysiert: die Pressemitteilungen von GdP und DPolG aus den Jahren 2024 und 2025, Beiträge auf X (ehemals ­Twitter) und Facebook unter anderem von Wendt, Teggatz, Ostermann und den offiziellen Accounts der beiden Gewerkschaften im selben Zeitraum und die Berichterstattung im Zusammenhang mit GdP und DPolG vor allem auf dem Springer-Portal welt.de.

Ein zentrales Ergebnis vorweg: Ein Schwerpunkt in der Kommunikationsstrategie der DPolG ist das Thema Migration. Mehr als 30 Prozent der Pressemitteilungen handeln davon. Das ist doppelt so häufig wie bei der GdP. Häufig geht es dabei um Grenzkontrollen, mehr Befugnisse bei Abschie­bungen oder „Ausländerkriminalität“. Rainer Wendt bemühte während der Ende 2025 von Bundeskanzler Friedrich Merz losgetretenen Stadtbild-Debatte zum Beispiel in seiner Welt-TV-Fernsehkolumne ein vielsagendes Bild: „Kein Hausbesitzer käme auf die Idee, seine Besucherinnen und Besucher mit Verwahrlosung und Kriminalität zu empfangen.“

In einer Pressemitteilung der DPolG vom 1. Oktober 2025 heißt es: „Toxische Männlichkeit, Ehrverletzungen, Rachegedanken, Geltungssucht und subkultureller Habitus führen insbesondere bei ausländischen Tätern zu Gewaltorgien, die mittlerweile nur mit Großaufgeboten von Polizeikräften unterbunden werden können.“ Auf X schreibt Heiko Teggatz von „Messermännern“, ein Begriff, der von der AfD geprägt wurde. Sein Kollege Ostermann kritisierte die Grünen abermals im Bundestagswahlkampf und behauptete während der anschließenden Koalitionsgespräche: „Deutschland öffnet den Terroristen großzügig die Arme.“

Die diskursive Macht der GdP und DPolG – also die Kapazität, mit Aussagen wie diesen die öffentliche Meinung zu prägen – sei signifikant, sagt Tobias Singelnstein, Polizeiforscher an der Universität Frankfurt. Ver­tre­te­r*in­nen der Gewerkschaft seien Dauergäste in klassischen Medien, da Redaktionen sie zu jedem denkbaren Thema anfragen würden. Da sich die Polizei selbst nicht zu allgemeinpolitischen Vorgängen äußern darf, würden Gewerkschaften diese Rolle in den Medien übernehmen. Zudem nutzten Jour­na­lis­t*in­nen gern, dass die Bereitschaft bei GdP und DPolG groß ist, jede Anfrage anzunehmen. Besonders häufig passiert das zum Beispiel bei welt.de. In den Jahren 2024 und 2025 sind im Zusammenhang mit den Polizeigewerkschaften dort mehr als 570 Beiträge erschienen. Das heißt, im Schnitt wird alle 1,3 Tage ein neuer Beitrag veröffentlicht, in dem Po­li­zei­ge­werk­schaf­te­r*in­nen zu Wort kommen oder deren Meinung zitiert wird. Auch hier ist Migration mit Abstand das häufigste Thema. Es kommt in 45 Prozent der Beiträge auf welt.de im Zusammenhang mit GdP, DPolG oder ihren Ver­tre­te­r*in­nen vor.

Der Einfluss der Polizeigewerkschaften hat aber noch einen weiteren Grund, weiß Singelnstein. „Der Organisierungsgrad in der Polizei ist ziemlich hoch, auch im Vergleich zu anderen Branchen. Das macht die Gewerkschaften schon zu machtvollen Playern.“ Zwar gibt es keine öffentlich einsehbaren Statistiken dazu, er schätzt allerdings, dass mindestens 80 Prozent der rund 330.000 Po­li­zis­t*in­nen in Deutschland Mitglied in einer Polizeigewerkschaft sind. Das bedeutet: DPolG und GdP können gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit durchaus behaupten, für viele, sogar für alle Po­li­zei­be­am­t*in­nen zu sprechen. Auch wenn viele ihrer Mitglieder den Antrag während der Ausbildung ausfüllten, um Vorteile wie Sportangebote oder spezielle Versicherungen zu genießen.

2024 und 2025 hat welt.de im Schnitt alle 1,3 Tage einen neuen Beitrag veröffentlicht, in dem Po­li­zei­gewerk­schaf­te­r*in­nen zu Wort kommen oder deren Meinung zitiert wird

In ihrer Kommunikation stellen DPolG und GdP Po­li­zis­t*in­nen zugleich als Opfer und als Helden dar. Dieses Muster hat Diana Perrot von der Universität Regensburg aufgedeckt, indem sie die Mitgliederzeitschriften von GdP und DPolG analysiert hat. Laut den Gewerkschaften sei die Polizei Opfer eines Mangels an Respekt, von angeblichen Einsparungen bei der inneren Sicherheit und sowieso einer vermeintlich zu linken und polizeifeindlichen Politik. Die Polizei sei zugleich Heldin: bei Großeinsätzen, in Ausnahmesituationen und manchmal auch Lokalpossen, also der klassischen Rettung der Katze, die nicht mehr vom Baum herunterkommt.

Im Interview mit Jochen Kopelke, Vorsitzender der GdP, wird dieses Paradoxon deutlich. Auf die vielen dokumentierten tödlichen Schüsse durch Po­li­zis­t*in­nen in den vergangenen Jahren angesprochen, antwortet er: „Der Polizist ist Opfer!“ – und meint damit, dass die Be­am­t*in­nen damit leben müssten, einen Menschen erschossen zu haben und danach ein Strafverfahren durchlaufen zu müssen. Mit diesem simultanen Opfer-Helden-Narrativ versuchen GdP und DPolG so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu lenken und den Zusammenhalt nach innen zu stärken. Die DPolG setzt zusätzlich auf die beschriebene Provokation und eine Personifizierung ihrer Kommunikation.

Die GdP kommuniziert in den sozialen Medien hauptsächlich über die offiziellen Gewerk­schafts­accounts. Die DPolG setzt viel mehr auf Gesichter. Ihre Vertreter posten mit privaten Accounts, die DPolG Gewerkschaft teilt dann diese Posts. Damit erreichen sie viele Menschen: Manuel Ostermann hat allein auf Facebook 150.000 Follower, bei Rainer Wendt sind es mehr als 115.000. Typische Gewerkschaftsthemen tauchen in ungefähr jedem vierten Social-Media-Beitrag der DPolG auf. Ein anderer thematischer Schwerpunkt in den Kanälen liegt wieder auf Migration, 18 Prozent der Beiträge auf Facebook und X handeln davon. Rainer Wendt spricht sogar in mehr als jedem vierten Beitrag auf Facebook darüber.

Ein Algorithmus, der an der Universität Stuttgart ursprünglich für die Analyse von AfD-Bundestagsdebatten entwickelt wurde, hilft auch bei der Auswertung der Daten der Polizeigewerkschaften. Er analysiert die verwendete Sprache auf populistische Codes. Der Algorithmus bescheinigt vor allem Wendt eine Tendenz zu einer antielitären Sprache: „Wir“ gegen „die da oben“. Damit wird der sowieso aufgeheizte Streit rund um Sicherheits- und Migrationspolitik emotionalisiert, Fakten spielen oft eine untergeordnete Rolle.

Dass die DPolG anders als die GdP stark auf bekannte Köpfe setzt, anstatt als Institution aufzutreten, verstärkt eine antielitäre und populistische Kommunikation, analysiert Sozialpsychologe Andreas Zick von der Universität Bielefeld. „Wir leben in Welten der Social-Media-Selbstinszenierung“, sagt Zick und meint damit, dass Themen der Sicherheits- und Innenpolitik über die personifizierte Kommunikation stark zugespitzt und für eine rechte, politische Agenda genutzt werden.

Die Polizeigewerkschaften sind in den klassischen und sozialen Medien also sehr präsent und beeinflussen die öffentliche Meinung, teils mit provokanter Kommunikation. Doch wie viel Einfluss haben sie auf Regierungen und Parlamente? Lobbyarbeit ist allgemein schwer zu belegen und zu dokumentieren, weil die Gespräche oft hinter verschlossenen Türen stattfinden. Viele für diese Recherche interviewte hochrangige Po­li­ti­ke­r*in­nen in der Innenpolitik auf Bundes- und Landesebene redeten zwar im Hintergrund kritisch über die GdP und vor allem die DPolG, zitieren lassen wollten sich die meisten damit aber nicht.

Auch die Auswertung Kleiner Anfragen aus dem Jahr 2025 ergibt erst mal nicht viel. Im Berliner Abgeordnetenhaus und in der Hamburger Bürgerschaft informieren die Innenverwaltungen nur allgemein, dass sie in Kontakt mit GdP und DPolG stünden. Clara Bünger, sie ist innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, hat nachgefragt, wie oft sich Ver­tre­te­r*in­nen des Bundesinnenministeriums mit DPolG und GdP treffen. Die Antwort der Bundesregierung: „Aufgrund der Vielzahl der von der Frage betroffenen Fachreferate einschließlich der Hausleitung sowie der rechtlich nicht gebotenen Erfassung der Daten ist es nicht möglich, die erbetenen Informationen nachträglich belastbar zu ermitteln.“ Wie oft dort die Polizeigewerkschaften ein- und ausgehen oder welche Kontakte wie geknüpft und gepflegt werden, kann oder will das Ministerium nicht mitteilen.

Doch in Sachsen schickte das Staatsministerium des Inneren als Antwort auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Rico Gebhardt von der Linken eine Tabelle. Dort kann man ablesen, dass sich sowohl Minister als auch Staatsminister und Ab­tei­lungs­lei­te­r*in­nen regelmäßig mit Ver­tre­te­r*in­nen der Polizeigewerkschaften treffen. Oft geht es um die Beschäftigten im Polizeidienst oder um Tarifverhandlungen – das Kerngeschäft jeder Gewerkschaft. Die Themenliste ist aber länger: Da wurde bei einem Austausch der Doppelhaushalt 2025/26 besprochen, auch die umstrittenen Grenzkontrollen standen auf der Agenda oder die Modernisierung der Rechtsgrundlage für die Polizei. Es liegt nahe, dass diese engen Verbindungen zwischen Innenministerien und Polizeigewerkschaften auch in anderen Bundesländern und auf Bundesebene gepflegt werden.

Ein Politiker äußert sich dann doch ausführlich zu diesem Phänomen. Niklas Schrader von der Fraktion der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus kritisiert allgemein einen zu großen Einfluss von GdP und DPolG im Parlament, aber auch konkret in der Regierungsarbeit: „Man macht es daran fest, dass sich polizeigewerkschaftliche Positionen sehr oft dann auch in Äußerungen oder in konkretem Handeln von Ministerien und auch von Koalitionen wiederfindet.“ Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD auf Landesebene in Berlin saß 2023 auch eine Vertreterin der GdP am Tisch der Arbeitsgruppe Inneres und Justiz. Das gaben CDU und SPD selbst bekannt. Danach fanden sich einige GdP-Forderungen im Koa­li­tions­ver­trag. Schrader beschreibt vor allem einige Ver­tre­te­r*in­nen der DPolG als rassistisch, die Gewerkschaft pflege „eine offene Flanke Richtung AfD“, sagt er. Damit konfrontiert, weist die DPolG diesen Vorwurf entschieden zurück.

Die Organisation LobbyControl fordert mit Blick auf den Einfluss der Gewerkschaften mehr Transparenz. Im Bundestag ist die DPolG im Lobbyregister eingetragen. Die GdP verzichtete bisher darauf. Gewerkschaften müssen sich per Gesetz nicht verpflichtend ins Lobbyregister des Bundestags eintragen. Es sei denn, sie machen über die Interessenvertretung ihrer Mitglieder hinaus auch allgemeinpolitische Arbeit, so ähnlich wie Parteien. LobbyControl sieht genau diese Art von allgemeinpolitische Arbeit in der Funktionsweise von beiden Polizeigewerkschaften als gegeben an.

Ein Eintrag ins Lobbyregister informiert automatisch über das Budget, das eine Organisation in die Lobbyarbeit steckt und wer im Parlament aus welchen Interessen Po­li­ti­ke­r*in­nen zum Café, auf ein Bierchen oder allgemein Gesprächsterminen in den Büros des Bundestags trifft. Auf die Frage, warum die GdP dort nicht als Lobbygruppe aufgelistet ist, antwortet der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke, dass es „fast niemanden interessiert“, wer im Register eingetragen sei.“ Außerdem sei das „schon teuer, wenn man den Verpflichtungen des Lobbyregisters nachkommen möchte“.

Und was sagt die DPolG zu den Ergebnissen dieser Datenrecherche? „Ich finde das erstaunlich, dass das Thema Migration bei unseren Mitbewerbern so eine geringe Rolle spielt“, kommentiert Teggatz die Ergebnisse. Teggatz gefallen sie gleichzeitig. Er lächelt breit und nickt zustimmend. Diese Analyse bescheinigt vor allem der DPolG hohe Reichweite mit ihren Themen sowohl auf Social Media als auch in klassischen Medien.

Beide, Heiko Teggatz von der DPolG aber auch Jochen Kopelke von der GdP, sagen, dass sie in den vergangenen Jahren immer mehr Steuergelder, Befugnisse, Ausrüstung und politische Anerkennung für die Polizeibehörden in Deutschland erzielt hätten. Die Gewerkschafter zeigen sich im Gespräch dementsprechend optimistisch und zufrieden. Nur bei einem Thema ist die Stimmung schlecht.

Die Datenanalyse hat auch gezeigt, dass GdP und DPolG nur selten über Rechtsextremismus in den Reihen der Polizei sprechen. Innerhalb von zwei Jahren zum Beispiel nur in zwei Pressemitteilungen der DPolG. Die Begründung von Heiko Teggatz: „Weil das Thema Rechtsextremismus in der Polizei eigentlich kein Thema ist, weil mir keine Fälle bekannt sind, aus denen man tatsächlich ein strukturelles Problem ableiten kann.“ Das steht im Widerspruch zu den vielen bekanntgewordenen Fällen von Rechtsextremismus bei der Polizei und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen zum strukturellen Charakter des Rechtsextremismus unter Polizeibeamt*innen.

In den Interviews mit den Vorsitzenden von DPolG und GdP wird ebenfalls klar, dass die ­beiden Gewerkschaften in großer Konkurrenz stehen. Sie kämpfen mit ihren unterschiedlichen Kommunikationsstrategien um Deutungshoheit und Einfluss – auch gegeneinander. Jochen Kopelke von der GdP beschreibt die DPolG zum Beispiel mit zwei Worten: „Anders und Blau.“ Ob er damit das Blau der AfD meint, wollte er nicht verraten.

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