Hausärztin über Corona im Brennpunkt: „Ich verliere den Kontakt“

Heike Diederichs hat ihre Praxis in Bremen-Gröpelingen – einem armen Viertel, in dem die Infektionszahlen hoch sind. Warum? Ein Protokoll.

Eine Frau nimmt einen Nasenabstrich bei einem Mann vor

Schnelltest im Altenheim: Für manche Hausärzt*innen gehört auch das zu ihrer Arbeit Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

„Ich hatte zum Glück zwischen den Jahren frei. Es sind nicht die Menschen, die mich anstrengen, sondern die Umstände. Ich bin gerne Ärztin, auch in Gröpelingen. Der Stadtteil ist ehrlich, aber kompliziert und arm. Unsere Patienten kommen aus Bremen – aber viele sind in einem anderen Land geboren, manche sind gerade erst hierher geflüchtet. Sie verstehen vieles nicht und das liegt nicht immer an der Sprache, für vieles bräuchte ich einen Kultur-Dolmetscher.

In unserer Praxis müssen Menschen mit Erkältungssymp­tomen in eine tägliche Infektionssprechstunde kommen, weil wir dann spezielle Schutzkleidung tragen und hinterher besonders gründlich desinfizieren und lüften. Aber viele stehen außerhalb dieser Sprechstunde in der Praxis und können nicht fassen, dass wir sie wieder wegschicken.

Das bekommen vor allem meine Mitarbeiterinnen vorne am Tresen ab. Die sind zudem den ganzen Tag damit beschäftigt, Leute zurückzurufen und ihnen zu erklären, wann sie kommen können und wie sie sich mit Symptomen verhalten sollen.

Eigentlich soll wegen des Infektionsschutzes immer nur ein Patient ins Untersuchungszimmer, aber wenn jemand Übersetzung braucht, darf noch jemand mit hinein. Momentan lasse ich auch keine Kinder unter zehn Jahren mit in die Praxis, weil die selten auf ihrem Stuhl sitzen bleiben. Das tut mir auch leid, aber wir können sonst die Abstände nicht einhalten, wir verteilen die Leute schon über die ganze Praxis zum Warten.

Viele unserer Patienten kommen gerne in der Gruppe, das lasse ich jetzt auch nicht mehr zu, auch wenn ich verstehen kann, dass das Sicherheit gibt, nach allem, was sie erlebt haben. Wir haben deswegen viele unfruchtbare Diskussionen. Da treffen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander.

In arabischen und türkischen Familien gehört es zum guten Ton, seine Mutter zur Ärztin zu begleiten, auch wenn es nur eine harmlose Kontrolluntersuchung ist. Und auch, wenn man selbst Covid-positiv ist. Ich fürchte, dass eine Infektion mit Covid häufig in der Familie geklärt wird und die Zahlen eigentlich noch viel höher sind. Es gibt einige Patienten, die ich lange nicht mehr zu Gesicht bekommen habe.

62, ist Hausärztin, Palliativmedizinerin und Geriaterin, seit elf Jahren in eigener Gemeinschaftspraxis in Bremen-Gröpelingen.

Ich muss täglich über die Maskenpflicht diskutieren. Ein junger Mann hat mir fast den Tresen abgeräumt, so wütend war der, weil er eine richtige Maske aufsetzen sollte. Ich kaufe eigentlich gerne hier in den Läden Nüsse oder ein bestimmtes Fladenbrot. Aber außer mir trug dort niemand Maske, deshalb bin ich dort nicht mehr hinein gegangen. Ich habe aber gesehen, dass sich das jetzt geändert hat.

Das ist alles keine böse Absicht, da treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Ich habe das Gefühl, es gibt so etwas wie eine Heimat-Medizin – und unsere westliche Medizin. Das sind teilweise ganz andere Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit und auch ein anderer Umgang damit. Das wird durch Corona noch sichtbarer als vorher.

Jetzt soll es in Gröpelingen und anderen Brennpunkt-Stadtteilen mit hohen Infektionsraten Gesundheitslotsen geben, die über Covid und Verhaltensregeln aufklären. Ich bin da etwas skeptisch. Das kann nur funktionieren, wenn die aus dem Milieu der Leute kommen und deren Blick auf Gesundheit verstehen.

Es ist doch auch so: Jemand, der durch die Sahara geflüchtet ist, es über das Mittelmeer geschafft, die Flüchtlingslager in Italien überlebt hat: Was ist denn für den schon Covid? Die haben Ebola gehabt, die haben sonst was gehabt und ihnen wurde nicht geholfen, da gab es keine Impfkampagnen. Und wir kommen denen mit Masken.

Und dann sagen wir ihnen, was sie alles nicht dürfen – und gleichzeitig leben sie zu viert in einem Zimmer oder einer winzigen Wohnung. Hier in Gröpelingen können die wenigsten Homeoffice machen. Die werden nur bezahlt, wenn sie da sind. Die gehen auch arbeiten, wenn sie oder jemand in der Familie positiv sind.

Ich sitze hier manchmal bis halb acht abends und arbeite nach oder telefoniere meine Liste durch. Ich rufe auch Patienten mit einem positiven Test-Ergebnis an und sagen ihnen, dass sie in Quarantäne müssen. Das Bremer Gesundheitsamt sagt dazu nichts mehr, die sagen ja offen, dass sie mit der Nachverfolgung der Kontakte nicht hinterher kommen. Aber mit anderen Gesundheitsämtern in Niedersachsen hatte ich teilweise richtig Ärger. Das zermürbt.

Zum Beispiel behandle ich eine libanesische Familie, die früher mal hier gewohnt hat. Die haben ein zehnjähriges, lebertransplantiertes Kind, das ist Hochrisikogruppe. Die Mutter hatte ein bisschen Schnupfen, sie kamen alle zu mir zum Abstrich. Die Mutter war positiv, und ich habe sofort die Familie angerufen und ihnen gesagt, dass sie in Quarantäne müssen und die Mutter sich von ihrem Kind fernhalten muss.

Gesundheitsämter machen Stress

Darauf ruft mich das zuständige Gesundheitsamt an und sagt, ich hätte das gar nicht gedurft und eine Dienstüberschreitung gemacht. Aber ich kann doch nicht darauf warten, dass das Gesundheitsamt reagiert! Was weiß denn ich, wie schnell das geht.

Und da gab es eine Fahrgemeinschaft von vier Männern, von denen einer positiv war. Natürlich habe ich den angerufen und ihm gesagt, er soll in Quarantäne. Oder eine ältere Frau, die zurück in die Tagespflege sollte, aber einen positiven Test hatte: Da habe ich ihrem Taxifahrer ein Fax geschickt.

Nur wenige Hausarztpraxen machen die Abstriche so wie wir selbst. Es ist mit aller Vor- und Nachbereitung recht aufwendig und wir untersuchen Patienten mit Symptomen ja auch – anders als die Corona-Ambulanz der Kassenärztlichen Vereinigung, zu der Patienten geschickt werden, wenn ihre Ärzte das nicht selbst machen. Viele meiner Patienten haben aber kein Auto und fahren dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt. Das sind doch Spreader.

Hausbesuche fallen weg

Ich fänd’ es klasse, wenn wir ein oder zwei Infektionszentren in Gröpelingen hätten, wo niemand weggeschickt werden muss und es mehr Zeit gibt, den Leuten alles zu erklären. Und Teams für die Pflegeheime wären gut. Dass ein Arzt oder eine Ärztin nicht mehr Patienten in allen Heimen hat und hin und her fahren muss, sondern nur für eins zuständig ist.

Das Desinfizieren und Anziehen von Schutzkleidung nimmt viel Zeit in Anspruch, deshalb fallen vor allem in den Heimen viele Hausbesuche weg. Oder wir dürfen mal wieder nicht rein, weil eine Station in Quarantäne ist.

Routinebesuche mache ich nicht mehr. Ich komme nur noch zu Notfällen. Mir geht es wie manchen Lehrern in der Schule, die sagen, wir verlieren Schüler. Ich verliere den Kontakt zu meinen Patienten.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann spare ich mir manche Heimbesuche auch auf, weil ich für diese jetzt so lange brauche: Die Menschen sind so einsam, die müssen ganz viel erzählen. Allgemein haben Depressionen, Ängste und Psychosen zugenommen. Oder werden schlimmer, oft gibt es Alkoholprobleme, die jetzt so richtig aufbrechen.

Am Heiligabend bin ich vormittags ehrenamtlich in das Kurzzeitpflegeheim im Diako gegangen und habe mit dem Leiter rund 20 Angehörige der Bewohner abgestrichen. Ich betreue dort sieben Personen, die sterben, das ist deren letztes Weihnachten, die sollten nicht alleine bleiben müssen. Die Einrichtung hat dafür nicht das Personal. Das ist ein Riesenpapieraufwand.

Am Nachmittag sind Heim-Mitarbeiterinnen gekommen und haben abgestrichen. In ihrer Freizeit. Die haben auch gesagt, ‚das halten wir nicht aus, wenn die Angehörigen nicht kommen dürfen‘.“

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