Hamburger Lesefest „Sorbet“: „Mit Essen und Trinken kann man Literatur sinnlicher machen“
Von Kuchen, Cocktails und Lieferdiensten: Das Hamburger Lesefest „Sorbet“ präsentiert Texte, die direkt oder indirekt mit Kulinarik zu tun haben.
taz: Frau Kavouras, Sie haben in Hamburg das kulinarische Lesefest „Sorbet“ gegründet. Wie kam es dazu?
Nefeli Kavouras: Ich arbeitete zusammen mit Peter Reichenbach beim Mairisch-Verlag in Hamburg. Wir beide essen sehr gerne und reden auch gerne über Literatur. Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass man vielleicht Literatur sinnlicher machen könnte, wenn etwas über das Essen und Trinken vorgelesen wird und man dazu das essen kann, was einem vorgelesen wird. Dafür haben wir schöne, verbindende Ort gesucht. Vor sechs Jahren haben wir das erste kulinarische Lesefest „Sorbet“ organisiert. Und weil es alle zwei Jahre stattfindet, ist dies nun die dritte Ausgabe.
taz: Es scheint ja ein Erfolg zu sein, denn drei der fünf anstehenden Veranstaltungen sind ja inzwischen schon ausverkauft.
Kavouras: Ja, wir merken, dass es ein großes Interesse gibt. Und zwar gerade bei Menschen, die sich normalerweise nicht in klassische Kulturräume hineintrauen. Wir hatten Lesungen in Bars, Restaurants oder einem Bierladen, bei denen Leute uns hinterher erzählt haben, dass sie davor noch nie zu einer Lesung gegangen sind und dann die Bücher gekauft haben, weil sie so begeistert waren.
taz: Diesmal ist ja bei den Veranstaltungsorten auch nur ein Buchladen dabei.
Kavouras: Ja, denn wir wollen Literatur an Orte bringen, die man sonst eher aus dem Alltag kennt.
geboren 1996, arbeitet in Hamburg als Schriftstellerin und Literaturvermittlerin. Für einen Auszug aus ihrem Roman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“ erhielt sie 2023 den Hamburger Literaturpreis. Seit 2018 arbeitet sie für den Mairisch-Verlag. Sie organisiert und kuratiert das kulinarische Lesefest „Sorbet“.
taz: Und wie kuratieren Sie das Festival?
Kavouras: Wir schauen, welche Neuerscheinungen es gibt, in denen Essen, Trinken und Gastfreundschaft eine Rolle spielen – und bei welchen Büchern es denkbar wäre, dass die Literatur selber zum Gastgeber wird. Und wir achten dabei auch darauf, dass wir eine gute Mischung aus Autor*innen von außerhalb und aus Hamburg haben.
taz: So gibt es bei Ihnen ja auch die Lesung „Russische Spezialitäten“ von Dmitrij Kapitelman.
Kavouras: Da wird davon erzählt, wie es ist, wenn eine ukrainische Familie in Deutschland lebt, aber einen russischen Spezialitäten-Laden hat. Uns geht es darum zu zeigen, dass man auch aus anderen Kulturen etwas über Kulinarik lernen kann.
taz: Manchmal ist der kulinarische Bezug ja eher indirekt.
Kavouras: Das stimmt. In der Veranstaltung „Prekär. Traurig. Lustig.“ mit Tomer Gardi geht es nicht um das Essen selbst, sondern um die prekäre Situation von Menschen, die für Lieferdienste arbeiten. Da gibt es eine Szene, in der Kinder ganz gierig auf indische Burger warten, die dann aber nicht geliefert werden. Und da haben wir gedacht, es wäre doch schön, wenn man bei der Lesung diese Burger dann doch serviert bekommt.
taz: Der Hamburger Pflichttext zum Thema Essen ist „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm, der aber bei Ihnen ja nicht selbst vorliest.
Kavouras: Nein, aber es gibt eine sehr schöne Adaption der Novelle von der Hamburger Comiczeichnerin Isabel Kreitz, die sich intensiv mit dem Werk beschäftigt und dabei auch die Hamburger Neustadt illustriert hat, in der das Festival ja stattfindet.
Am 24. und 25.8. im Hamburger Stadtteil Neustadt: Infos und Tickets auf www.sorbet-lesefest.de
taz: Zu der Lesung wird eine „vegane Currywurst“ gereicht. Wie ist es denn dazu gekommen?
Kavouras: Wir haben uns gedacht, dass es heute ja keine Selbstverständlichkeit mehr ist, einfach Fleisch zu essen. Und wir wollten auch den Menschen etwas anbieten, die sich sonst vielleicht ausgeschlossen gefühlt hätten. Und das Wichtige ist ja nicht die Wurst an sich, sondern die Soße. Und auf die legen wir natürlich großen Wert.
taz: Worauf haben Sie sonst bei der Wahl der Speisen und Getränke geachtet?
Kavouras: Wir wollten auch kulinarisch eine möglichst große Bandbreite haben. Bei der Lesung des Essays „Eine Frau geht einen Martinez trinken. Alleine“ von Lou Zucker, in dem es darum geht, womit eine Frau konfrontiert wird, die alleine in eine Bar geht, gibt es zum Beispiel Cocktails.
taz: Und wie ist es zu der Lesung „Erste Hilfe gegen Liebeskummer: Kuchen und Philosophie“ von Miriam Metze gekommen?
Kavouras: Es gibt in der Hamburger Neustadt ein Café mit dem Namen „Erste Liebe Bar“. Und wir haben uns gedacht, es wäre spannend, genau diesen Ort mit unerwiderter Liebe zu konfrontieren. Und gegen den Liebeskummer wird dann dazu Kuchen gegessen.
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