Halbfinale der Champions League: Muss man diesen Fußball feiern?
Das Champions-League-Halbfinale zwischen Paris und dem FC Bayern elektrisiert nicht nur Fans. Unserer Autorin gefällt’s und doch hat sie Zweifel.
Unbedingt!
Was für Geschichten schreibt die Champions League! Die Halbfinalpartie zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain ist jene seltene Gattung von Spiel, über das man noch in vielen Jahren sprechen wird. Ein historisches Neun-Tore-Festival des Überflusses und der Schönheit, bei dem die Frage, wer am Ende siegte, seltsam zweitrangig wirkte. Das Spiel ging mit 5:4 an PSG, aber genauso gut hätte es an den FC Bayern gehen können, und angesichts all der Aluminiumtreffer und Hundertprozentigen hätte es auch ein 10:5 oder ein 5:10 sein können.
Diese Lust am Spiel kann man gar nicht genug würdigen in jenem Milliardengeschäft Spitzenfußball, in dem Klubs für gewöhnlich Vorsicht walten lassen, rational taktieren. Die beiden derzeit besten Teams des europäischen Männerfußballs aber legten schlicht alle Fesseln der Vernunft ab, sie agierten herrlich wahnsinnig. Und ja, es ist vor allem die Champions League, die solche Spiele produziert.
Dass Fußball nicht nur ein Sport, sondern ein gemeinsam erstelltes Kunstwerk ist, illustrierte kaum eine Partie besser als diese. Angesichts der Loblieder allerorten drängt sich der Eindruck auf, dass es auch ein kollektives Bedürfnis nach solchen Momenten gibt. Und zwar nicht, weil da Topstars auf dem Rasen standen oder weil sie traumhaft kicken können, vielleicht nicht einmal nur wegen des Torreigens, der jedem Defensivfetischisten das Grauen ins Gesicht triebe. Sondern weil die Champions League in diesem Augenblick etwas von der Irrationalität des Bolzplatzes hatte, nur eben auch noch mit Weltklassefußball. Eine Mixtur wie ein seltenes Tier.
Angesichts dieser Partie in schnöde Debatten etwa über den zweifelhaften Elfmeter gegen Bayern zu verfallen, würde sich wie ein Sakrileg anfühlen, unwürdig des Gesamtkunstwerks. Und für all jene, die gern behaupten, genau die Komponenten des perfekten Fußballs ausgemacht zu haben, lässt sich entgegenhalten: Es braucht mehr. Der Hauch von Anarchie auf dem Platz ist nicht totzukriegen. Dieses Halbfinale zwischen Multimillionären war eine schräge Form von Fußballromantik. Und das Beste: Es gibt ein Rückspiel. Mit Aussicht auf einen irrwitzigen Spannungsbogen. Solche Märchen erzählt nur die Champions League.
Bloß nicht!
Was für Geschichten schreibt die Champions League! Zwei nationale Giganten, die ihren Ligen längst entwachsen sind, trafen sich in der einzigen Zeit des Jahres, in der sie überhaupt noch Spannung produzieren. Denn die Bundesliga braucht man für den Titelkampf zumeist gar nicht mehr einzuschalten: Da gibt es Kantersiege der Bayern oder dröge Geduldssiege, in fast jedem Fall mit der Meisterschaft am Ende, verlässlich wie ein Einkauf bei Ikea.
Ähnlich PSG, das acht nationale Titel in den letzten zehn Jahren holte und sich derzeit wieder auf Pflichtkurs befindet. Schuld an dieser Misere trägt neben der Kapitalakkumulation vor allem die Champions League. Genauer gesagt, die viele Kohle aus der Champions League für die wenigen, die ganz weit kommen.
Längst ist dieser ehemals europäische Wettbewerb zu einer Privatliga der stärksten fünf Staaten verkommen, alle anderen dienen höchstens noch als Kanonenfutter für die Vorrunde – oder brauchen einen Kunstrasen wie Bodø/Glimt. Wie lange noch wollen wir uns ernsthaft daran erfreuen, dass es in der Königsklasse zu Saisonende mal ein paar hübsche Spiele zwischen zwei Giganten gibt, wenn aller Wettbewerb drumherum so tot ist wie Unkraut nach Glyphosat? Das ist keine bloße Frage von Fußballromantik.
Milliarden gesellschaftlich erwirtschafteter Gewinne wandern ohne jede demokratische Kontrolle erst in die Taschen von Überreichen und dann zu den Überreichen des Fußballs. Die Champions League verursacht achselzuckend aberwitzge Emissionen, als sei es normal oder alternativlos. Gesellschaften, die sehr ungleich sind, kollabieren. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen.
Die Fußballgesellschaft erzählt gerade live und in Farbe, wie das funktioniert. Ein Spiel, bei dem man nur mit autoritären Strukturen und fossilem Sponsoring mithält, ist ein zu hoher Preis für so einen Kick. Es ist gesellschaftlich gefährlich. Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir über PSG gegen Bayern vor allem als sportliches Großereignis reden. Und übernehmen die Vermarktung für das Spiel der Giganten gleich mit. Alles nur ein Spiel? Die Leute wollen es doch nicht anders? Solche Märchen erzählt nur die Champions League.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert