Grüne und Homöopathie

Vorstoß für Fachkommission

Mehrere Bundestagsabgeordnete werben für eine Kommission mit Ärzten und Homöopathen, um den Streit zu beenden. Die Grünen-Spitze schweigt.

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender, nehmen nach der Landtagswahl in Thüringen an der Sitzung des Bundesvorstandes in der Grünen-Parteizentrale teil.

Wollen keinen Homöopathie-Streit: Grünen-ChefInnen Annalena Baerbock und Robert Habeck Foto: dpa

BERLIN taz | Grüne Fachpolitikerinnen aus der Bundestagsfraktion werben für eine Kommission mit MedizinerInnen und HomöopathInnen, um den parteiinternen Streit über Homöopathie beizulegen. Das geht aus einem Antrag für den Grünen-Parteitag im November hervor. Die Grünen müssten diskutieren, „was der Wissenschaftsbegriff und die evidenzbasierte Medizin bedeutet und wie beides im Kontext der Integrativen Medizin einzuordnen ist“, begründen die Abgeordneten ihr Anliegen.

Der Antrag würde also das ganz große Rad drehen: Ging es bei den Grünen erst um konkrete Fragen, etwa die, ob homöopathische Mittel von Krankenkassen übernommen werden sollten oder nicht, wird es nun etwas nebulös. In dem Antrag werden viele Fragen gestellt: „Spiegelt das derzeitige Gesundheitssystem die Anforderungen verschiedener Patient*innengruppen ausreichend wider?“, heißt es. Oder: „Welche Rolle soll künftig die sprechende Medizin einnehmen?“

Unterschrieben haben den Antrag mehrere Bundestagsabgeordnete, darunter zum Beispiel Kordula Schulz-Asche, Maria Klein-Schmeink oder Kirsten Kappert-Gonther. Alle drei befassen sich mit unterschiedlichen Bereichen der Gesundheitspolitik. Zur Frage der Kassenfinanzierung von Homöopathie positioniert sich der Antrag nicht, lässt aber durchaus Sympathie für diese Heilmethode erkennen. Es gebe auch konventionelle Arzneimittel im Leistungskatalog der Krankenkassen, „die nicht über einen Placebo-Effekt hinaus wirken“ – zum Beispiel etwa die Hälfte der Antidepressiva.

Setzen die Grünen nun wirklich eine Kommission ein, die neu diskutiert, was Wissenschaft oder evidenzbasierte Medizin ist? Erfinden sie gar die Wissenschaft neu? Das könnte auf ein interessantes Schauspiel hinauslaufen. Universitäten und WissenschaftlerInnen haben ja eine eigene Vorstellung von ihrem Wissenschaftsbegriff – und werden sich von den Grünen kaum beraten lassen. Eine Debatte zwischen SchulmedizinerInnen und HomöopathInnen über ihren Wissenschaftsbegriff könnte interessant werden und sich sehr lange hinziehen.

Erbitterte Härte im Internet

Eigentlich ist der Stand der Wissenschaft klar: „Homöopathische Mittel allein wirken nicht gegen die Beschwerden, gegen die sie empfohlen werden“, stellt die renommierte Helmholtz-Gemeinschaft fest. Homöopathie-Verbände führen allerdings viele Studien an, die das Gegenteil beweisen sollen. Der Streit wird im Internet seit Langem mit erbitterter Härte geführt. Viele PatientInnen ficht der Stand der Wissenschaft sowieso nicht an. Viele Deutsche nutzen die Mittel, die als „sanfte Medizin“ gelten, gerne, weil sie keine Nebenwirkungen haben.

Die Grünen-Spitze möchte das heikle Thema vom Parteitag fernhalten. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner sucht derzeit nach einem Kompromiss zwischen Homöopathie-KritikerInnen und -BefürworterInnen. Er wollte sich am Mittwoch nicht zu einer möglichen Fachkommission äußern. Bei der Kompromisssuche sei „alles im Fluss“, hieß es. Die Sympathien der Grünen-Spitze für ein öffentliches Schauspiel mit ExpertInnen dürften aber überschaubar sein. Sie hatte vor zwei Wochen ein parteiinternes Fachgespräch vorgeschlagen, um den Konflikt runterzudimmen.

Auch die Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, wollten sich am Mittwoch auf taz-Nachfrage nicht zu dem Vorstoß ihrer Abgeordneten äußern. Ob die Grünen es schaffen, ihren Homöopathie-Streit vor dem Parteitag gütlich beizulegen, ist offen. Ein Kompromiss kann noch bis Mitte November gefunden werden. Dann treffen sich die Delegierten in Bielefeld.

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