Geschlechtsspezifische Gewalt

Frau zu sein ist gefährlich

Männer bringen Frauen um, weil diese das patriarchale Rollenbild nicht erfüllen. Gewalt gegen Frauen gehört ins öffentliche Bewusstsein.

Eine Frau demonstriert mit geschminktem Gesicht

Sonntag in Brüssel: Proteste gegen Gewalt an Frauen Foto: Ana Fernandez/SOPA Images/ZUMA/dpa

Die größte Gefahr für Frauen sind keine Fremden in dunklen Parks oder auf der Straße – es ist der eigene Partner. Jährlich etwa 50.000 Frauen und Mädchen werden laut einer aktuellen Studie der Vereinten Nationen von ihrem Mann, ihrem Freund oder einem nahen Verwandten umgebracht, 3.000 von ihnen werden in Europa getötet.

Diese Morde sind keine „Beziehungstaten“ oder „Eifersuchtsdramen“, wie gern geschrieben wird, sondern Femizide: Morde an Frauen, weil sie Frauen sind. Männer bringen Frauen um, weil sie glauben, ein Recht darauf zu haben, dass Frauen sich unterordnen und sexuell wie emotional zur Verfügung stehen. Männer bringen Frauen um, weil diese die Machtverteilung in der Beziehung infrage stellen oder aus der Beziehung ausbrechen.

Männer bringen Frauen um, weil diese auf von der Gesellschaft verpönte Art und Weise von der Rolle abweichen, die ihnen in patriarchalen Systemen zugedacht ist: Männer zu hegen, zu pflegen, zu bewundern, ihnen zu dienen. All dies variiert seit Jahrzehnten im Detail, nicht aber im Muster.

Doch etwas ist anders in diesem Jahr. Denn langsam wird klar, dass Gewalt gegen Frauen, deren konsequenteste Ausprägung ­Femizide sind, keine Privatsache ist, sondern ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gehört. Nach anhaltenden Protesten feministischer Gruppen rief am Donnerstag etwa die Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt den Notstand aus, um auf die steigende Zahl von Femiziden aufmerksam zu machen.

Rund 100.000 Menschen gingen am Wochenende außerdem in Frankreich auf die Straße, um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren. Seit Monaten läuft eine Debatte über Femizide in dem Land – die Justizministerin räumte Staatsversagen ein, weil das System es nicht schafft, Frauen zu schützen. Staatspräsident Ma­cron nennt dies „Frankreichs Schande“. Auch in Rom gingen Zehntausende auf die Straße, minutenlang wurde schweigend derer gedacht, die sich nicht mehr äußern können. Die männlichen Spieler der italienischen 1. Fußballliga solidarisierten sich mit den Protesten.

Eine umfassende Strategie fehlt

Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, weil sich nur so auch auf behördlicher und juristischer Ebene etwas bewegen wird. Hierzulande etwa wurde zwar nach langem Druck der Opposition endlich Geld für eine Koordinierungsstelle der Istanbul-Konvention bereitgestellt, eines Abkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Auch in Frauenhäuser soll vier Jahre lang investiert werden. Doch Frau zu sein ist auch in Deutschland gefährlich – und eine umfassende Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen fehlt.

Obwohl hierzulande an jedem dritten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin umbringt, ist Femizid kein eigener Straftatbestand. Die Bundesregierung verweigert schon die Anerkennung des Begriffs. Noch immer werden „Trennungstötungen“ häufig nicht als Mord eingestuft, weil Gerichte Verständnis für die Motive des verlassenen Täters zeigen.

Und Frauen, die vor der Gewalt in Frauenhäuser flüchten, finden wegen chronischer Überlastung dort oft keinen Schutz. Eine systematische Finanzierung der Häuser, eine Anerkennung des Phänomens Femizid und Schulungen von Polizei und Justiz wären nötig, um Frauenmorde in Zukunft zu verhindern.

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Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Genderredakteurin im Inland. 2019 erschien von ihr (mit M. Gürgen, S. am Orde, C. Jakob und N. Horaczek) "Angriff auf Europa - die Internationale des Rechtspopulismus" im Ch. Links Verlag

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