Feministische Performance geht viral

„Vergewaltiger bist du“

Chilenische Aktivistinnen klagen mit einem Tanz die Gewalt von Männern und Staaten an Frauen an. Sie finden damit weltweit Nachahmerinnen.

Grün angeleuchtete Frauen zeigen mit dem Finger in die Ferne

„El violador eres tu!“: Aktivistinnen bei ihrer Performance am Samstag in Bogotá Foto: reuters

BERLIN taz | Es sieht aus wie eine dieser typischen Tanzperformances aus der Hochzeit der Videoclips, inszeniert für den neusten Hit von Michael Jackson. Oder treffender gesagt: der Spice Girls. Hunderte Frauen stehen in mehreren Reihen, wiegen sich in den Hüften, gehen in die Knie, werfen die Arme in die Luft, zeigen in die Kamera. Doch hier geht es nicht um Popmusik, die die Teenies bewegt. Hier geht es um eine feministische Anklage, die einen Nerv getroffen hat.

Das Video verbreitet sich nicht nur in sozialen Medien unter dem Hashtag #UnVioladorEnTuCamino (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg). Die Aktion findet mittlerweile auch zahlreiche Nachahmerinnen. Erst in vielen Städten Lateinamerikas, seit diesem Wochenende aber auch in Europa.

Begonnen hat alles mit einer Aktion in der chilenischen Hauptstadt. Am vergangenen Montag, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, performten Hunderte Frauen vor der Kathedrale auf der Plaza de Armas, dem zentralen Platz in Santiago de Chile.

Getragen vom Rhythmus einer Trommlerin riefen sie ihre Anklage: „Das Patriarchat ist ein Richter, der uns verurteilt für unsere Geburt. Und unsere Strafe ist die Gewalt, die du jetzt siehst.“ Dann zählten sie auf: Femizide, Straflosigkeit ihrer Mörder, das Verschwindenlassen und die Vergewaltigung von Frauen.

„Doch es war nicht meine Schuld, egal wo ich war, egal wie ich angezogen war“, fuhren die Frauen fort, von denen einige kurze Röcke trugen, bauchfreie oder durchsichtige Tops. Dann warfen sie einen Arm nach vorn und zeigten Richtung Kamera: „Der Vergewaltiger bist du.“

„Der Unterdrückungsstaat ist ein Macho“

Nur um gleich nachzulegen: „Die Bullen. Der Richter. Der Staat. Der Präsident.“ Und während die geballten linken Fäuste der Frauen in die Luft flogen, erklang ihre Zusammenfassung: „El Estado opresor es un macho violador.“ Der Unterdrückungsstaat ist ein Macho, der vergewaltigt.

Inszeniert wurde die energiegeladene Performance von dem Kollektiv Lastesis aus der Hafenstadt Valparaiso. Die Gruppe wurde vor anderthalb Jahren von vier Frauen Anfang 30 gegründet, schreibt El País. „Wir nennen uns Lastesis, weil wir Theorien feministischer Theoretikerinnen auf die Bühne bringen und verbreiten wollen“, werden sie dort zitiert.

Das ist ihnen mehr als gelungen. Nicht nur in chilenischen Städten wie Valparaiso und Antofagasta wurde ihre Performance wiederholt. Videos zeigen ähnliche Aktionen auch aus Lima (Peru), Buenos Aires (Argentinien) oder Mexiko-Stadt. Dort trafen sich am Freitag unzählige Frauen auf dem Zócalo, einem der größten Plätze der Welt. Er sieht gut gefüllt aus. Am Wochenende gab es ähnliche Aktionen auch in Madrid, Paris und Berlin – wenn auch nicht mit ganz so vielen Teilnehmerinnen wie in Lateinamerika.

Mittlerweile gibt es auch eine italienische Version. Eine türkische aus Istanbul. Eine australische aus Melbourne. Dazu Videos von Performances aus New York, Caracas und unzähligen, kleineren Städten. Und eine Übersetzung für Gehörlose.

Masken wie Pussy Riot

Die Initiatorinnen von Lastesis hatten sich gewünscht, dass ihre Performance nicht nur einfach wiederholt, sondern adaptiert werde. Mit je nach Ort eigenem Kleidungsstil und textlichen Ergänzungen.

So sieht man bei einigen Auftritten Frauen, die sich Masken wie die russische Aktionsgruppe Pussy Riot über den Kopf gezogen haben. In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá hielten die Aktivistinnen Plakate mit den Namen von Frauen hoch, die von Männern ermordet wurden. Und in Mexiko Stadt ersetzen die Frauen die allgemeine Anklage gegen „los pacos“ (chilenisch für „die Bullen“), durch „los tiros“ – auf Deutsch: die Schützen. Gemeint ist aber auch hier die Polizei.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben