Frauenhäuser in der Corona-Krise: „Es wird dramatisch“

Beratungsstellen rechnen infolge der Corona-Krise mit mehr häuslicher und sexualisierter Gewalt. Das könnte Frauen auch das Leben kosten.

Licht dringt durch die Fenster von Wohnungen eines Wohnblocks.

„Hinschauen, Unterstützung anbieten“: In Corona-Zeiten ist Nachbarschaftshilfe gefragt Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

BERLIN taz | Hygienetipps auf Deutsch, Türkisch und Arabisch in Küche und Bad. Beratung an der frischen Luft statt in geschlossenen Räumen. Keine Ehrenamtlichen mehr beschäftigen – viel mehr kann die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) ihren Häusern derzeit nicht raten. Doch die Sorgen, was angesichts der Corona-Krise auf die Häuser zukommt, sind groß: „Es wird dramatisch. Je früher wir uns das bewusst machen, desto schneller können wir handeln“, sagt Sylvia Haller von der ZIF, die rund 100 der mehr als 350 bundesweiten Häuser vertritt.

Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen rechnen in den nächsten Wochen mit einer deutlichen Zunahme häuslicher und sexualisierter Gewalt. „Diese Rückmeldung bekommen wir aus allen Bundesländern“, sagt auch Katharina Göpner vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF). Dort sind rund 190 Stellen zusammengeschlossen, die ambulante Beratung und Hilfe bereitstellen. Zahlen gebe es zwar noch keine. Damit rechne sie frühestens in vier Wochen. „Aber die Befürchtung ist überall dieselbe.“

In China war es nach drastischen Quarantänemaßnahmen zur Zunahme häuslicher Gewalttaten gekommen. Zum Teil war die Zahl der Fälle dreimal so hoch wie sonst. Der gewalttätige Partner verlässt die Wohnung nicht mehr, Anrufe bei Beratungsstellen sind kaum noch möglich. Sollte es hierzulande Ausgangssperren geben, befürchtet Göpner, werde die Situation noch krasser. Sie sehe zudem die Gefahr, dass auch Femizide zunehmen.

Die Rechtsanwältin Asha Hedayati, die von Gewalt betroffene Frauen in Scheidungsfällen vertritt, sagt: „Um sich zu trennen, müssen Frauen mit mir Kontakt aufnehmen können – und sie brauchen neben der juristischen auch emotionale Unterstützung. Wenn ich sie wie jetzt nicht mehr in meinem Büro empfangen kann, kann ich kein Vertrauensverhältnis zu ihnen herstellen. Das geht nicht so einfach per Skype oder Telefon.“ Um diejenigen, die nun zu Hause der Gewalt ausgeliefert seien, mache sie sich große Sorgen.

Zu Hause ausgeliefert

Für die Häuser, die Frauen in Notsituationen aufnehmen, verschärfe die Krise die schwierige Situation, in der sie ohnehin arbeiten würden, sagt Sylvia Haller von der ZIF. Ob die Häuser offen bleiben, ist zum Teil Ländersache, zum Teil Sache der Häuser selbst. Noch habe sie zwar nicht gehört, dass wegen Corona Aufnahmestopps angeordnet wurden. Doch Plätze wie auch Finanzierung sind ohnehin dauerhaft knapp. Neben dem Bedarf steige nun das Risiko, Mitarbeiterinnen und andere im Haus wohnende Frauen anzustecken und damit den Betrieb vollständig lahmzulegen.

Ein Unterkommen in Frauenhäusern sei in der Corona-Krise „fast aussichtslos“, befürchtet die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Cornelia Möhring. Sie fordert die schnelle Bereitstellung von Notunterkünften, in denen Frauen Unterstützung erhalten und aus der Gefahrenzone der partnerschaftlichen Gewalt entkommen können. „Das ist für Frauen überlebenswichtig.“ Zudem müsse der Arbeitsschutz des Personals gesichert werden. Die Bundesregierung solle nun entsprechende Mittel zur Verfügung stellen.

Ein Sprecher des Bundesfrauenministeriums sagte der taz, man habe „die Problematik auf dem Schirm“. Inwieweit Frauenhäuser unter den derzeitigen Umständen offen bleiben, sei aber in erster Linie Sache der Länder und Kommunen. Obwohl Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) erklärt hatte, Gewaltschutz zum Schwerpunkt machen zu wollen, war häusliche Gewalt in ihren bisherigen Statements zur Corona-Krise kein Thema.

„Wichtig ist jetzt für alle: hinschauen, präsent sein, betroffenen Personen Unterstützung anbieten“, sagt Katharina Göpner vom BFF. „Gewalt muss in Zeiten von Corona als Möglichkeit mitgedacht werden.“ Auch Nachbar:innen könnten dabei eine große Hilfe sein und sich selbst an Beratungsstellen wenden.

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