Geschichtspolitik in Moskau: Wie in Putins Russland an den 22. Juni 1941 erinnert wird
Zynische Instrumentalisierung des Gedenkens an Hitlers Überfall auf die UdSSR: Wo an den Gulag erinnert wurde, inszeniert der Kreml einen neuen Kriegskult.
Z um 85. Jahrestag von Hitlers Überfall auf die UdSSR wurde in Moskau das Museum „Zum Gedenken an die Opfer des Genozides am sowjetischen Volk“ eröffnet.
Die Ausstellung wurde im ehemaligen Gulag-Museum eingerichtet, das im Herbst 2024 angeblich wegen „Problemen mit dem Brandschutz“ geschlossen war. Natürlich gab es in diesem hochmodernen Museum keinerlei solche Probleme.
Die Sowjetmacht verwandelte oft historische Orte in ihr Gegenteil: Kirchen wurden zu Museen antireligiöser Propaganda, das Museum für Westliche Kunst in Moskau zu einer Ausstellung der Geschenke an Stalin. Doch selbst vor dem Hintergrund solcher Praktiken erscheint die heutige Umwandlung eines Museums zur Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen in ein Museum staatlich gelenkter Kriegserinnerung als besonders zynisch.
76, ist Mitgründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Seit 2022 lebt sie im Exil in Deutschland. In der taz schreibt sie die Kolumne „Unendliche Geschichte“.
Die neue Ausstellung umfasst 18 Abteilungen, die über „die auf dem Gebiet der UdSSR während des Krieges begangenen Verbrechen“ informieren sollen. Wie die Vertreter des Kremls bei der Eröffnung erklärten, werden die Besucher hier eine „Impfung gegen den Neonazismus“ erhalten, denn „die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand“.
Instrumentalisierung des Genozidbegriffs
Gerade aus dem, was die Ideologen des Kremls betonen, werden die eigentlichen Ziele dieses Museums deutlich.
An erster Stelle steht seine demonstrative Errichtung im Gulag-Museum. Sie bedeutet den Versuch, die Erinnerung an den stalinistischen Terror auszulöschen. Und zugleich die schwarzen Seiten aus der Kriegsgeschichte zu verdrängen: den Hitler-Stalin-Pakt, die Brutalität sowjetischer Kriegsführung, die ihre eigenen Soldaten nicht schonte, die Sklavenarbeit im Gulag, die Deportationen der Russlanddeutschen, Krimtataren und anderer Völker der UdSSR; die Repressionen gegen sowjetische Kriegsgefangene und Ostarbeiter nach ihrer Rückkehr.
Eine weitere Aufgabe des Museums besteht in der Instrumentalisierung des Begriffs „Genozid“ durch die Formel vom „Genozid am sowjetischen Volk“. Ein solches Konzept existierte nicht mal in der sowjetischen Geschichtswissenschaft. Aber 2025 wurde ein Gesetz „Über die Verewigung des Gedenkens an die Opfer des Genozides am sowjetischen Volk“ verabschiedet, das die Leugnung dieses „Genozides“ unter Strafe stellt – bis zu fünf Jahren Haft.
Nach dieser Erzählung erscheinen Russland und das russische Volk ausschließlich als Opfer fremder Aggression: „Wir haben niemals jemanden angegriffen – wir wurden stets gezwungen, uns zu verteidigen.“ Zugleich wird der deutsche Angriff auf die Sowjetunion zunehmend als Angriff einer „deutschen und europäischen Kriegsmaschine“, eines „kollektiven Westens“, dargestellt, den Russland damals besiegt habe und heute erneut besiegen müsse.
Genau diese Verbindung zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg gegen die Ukraine zog Putin am 23. Juni bei einem Treffen mit Absolventen russischer Militärhochschulen. Er erklärte: „Das Handlungsschema des pseudodemokratischen Westens ist sehr einfach: Zunächst schafft er Bedrohungen für unser Land, zwingt uns zu Maßnahmen der Selbstverteidigung und beschuldigt uns anschließend aller Todsünden … selbst nach dem Überfall auf die Sowjetunion haben der Westen und das nationalsozialistische Deutschland versucht, die UdSSR und Stalin der Aggression gegen den heutigen ‚kollektiven Westen‘ zu bezichtigen.“
Die gestalterische Form des neuen Museums entspricht, laut Fotos im Internet, seinem ideologischen Inhalt. Die Besucher erwartet ein pseudohistorischer Kitsch mit quasinaturalistischen Installationen im Stil von Foltermuseen: Blut, Stacheldraht, verstümmelte Körper und drastische Gewaltdarstellungen. Ausgerechnet hierher sollen die russischen Jugendlichen bereits ab der sechsten Klasse gebracht werden.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert