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Gelungenes Comeback bei Turn-EMZuerst kommt der Mensch

Pauline Schäfer-Betz verpasst bei der Turn-EM unglücklich Bronze am Schwebebalken. Glücklich ist sie über den Kulturwandel am Standort Chemnitz.

Einen Tick zu langsam war Pauline Schäfer-Betz im Finale der besten acht europäischen Turnerinnen am Schwebebalken. 90 Sekunden sind erlaubt, bei ihrem sehr schönen Auftritt in Zagreb waren es zwei Sekunden mehr. Das bedeutet einen Abzug von 0,100 Punkten. In der Endabrechnung verpasste sie bei der Europameisterschaft mit einem Abstand von 0,066 Punkten die Bronzemedaille.

„In meiner Wettkampfübung fühle ich mich einfach so wohl auf dem Gerät, dass ich gern ein bisschen länger da oben bleibe“, sagte sie am Samstag mit etwas Abstand schelmisch dazu. Gelungen darf man ihr internationales Comeback trotzdem nennen. Pauline Schäfer-Betz ist 29 Jahre alt, bei Weltmeisterschaften am Schwebebalken hat sie schon alles gewonnen: 2015 Bronze, 2017 Gold und 2021 Silber. Dreimal hat sie an Olympischen Spielen teilgenommen.

Die EM in Zagreb ist für Schäfer-Betz der erste internationale Wettkampf seit Paris 2024 und Auftakt für ein ambitioniertes Projekt: die vierte Olympia-Teilnahme. „Wir haben einen langfristigen Plan, der führt in Richtung Olympia“, hatte sie vor wenigen Wochen bei den Deutschen Meisterschaften gesagt. Und fügte hinzu: „Mein Ziel ist, bei Olympia dabei zu sein und nicht nur dabei zu sein, sondern ins Finale zu kommen.“ Und natürlich träume sie den „Traum einer Medaille“ und in anderthalb Jahren werde auch ihr Programm entsprechend aussehen, verkündete sie.

Pauline Schäfer-Betz hatte im vergangenen Herbst in Chemnitz in die Trainingsgruppe von Tatjana Bachmayer und Anatol Aschurkow gewechselt. „Jetzt habe ich wieder richtig Freude daran, jeden Tag in die Halle zu gehen. Dieses Umfeld gibt mir unglaublich viel Motivation und bestätigt mich darin, dass der Wechsel genau die richtige Entscheidung war“, erklärte sie dazu im Frühsommer. Es sei sehr schön zu sehen, „dass in Chemnitz auch so was Cooles entstehen kann und entstanden ist, nach all den Jahren, wo es eben nicht so gewesen ist. Das ist natürlich für mich besonders schön, dass so mitzuerleben.“

Bedeutung der mentalen Komponente

Wohl wahr. Denn Pauline Schäfer-Betz war es, die Ende 2020 gemeinsam mit anderen Turnerinnen des Chemnitzer Bundesstützpunktes, den Machtmissbrauch durch die damalige Cheftrainerin Gabi Frehse öffentlich gemacht hatte. Damals wurde die Situation in der Chemnitzer Frauenturnhalle für Schäfer-Betz so unerträglich, dass sie zu den Männern wechselte und fortan unter Kay Uwe Temme trainierte. Der Schwebebalken steht bis heute in der Männerturnhalle im Chemnitzer Sportforum. Ansonsten hat sich einiges verändert. Zunächst wechselte der Belarusse Anatol Aschukow aus Norwegen nach Chemnitz, zuletzt kam die ehemalige Cheftrainerin aus Karlsruhe Tatjana Bachmayer hinzu.

Sie hat schon immer die Maxime vertreten: Erst kommt der Mensch, und nur wenn es dem Menschen gut geht, kann auch der Athlet gute Leistungen zeigen. Die beiden Trainer betreuen das deutsche Team auch in Zagreb. Pauline Schäfer-Betz, die in ihrem Leben schon viele Trainer kennengelernt hat, hebt hervor, was das Duo ausmacht: „Das Ganzheitliche. Es wird nicht nur auf das Training geschaut, sondern auf den gesamten Menschen. Die mentale Komponente spielt dabei eine große Rolle – nicht nur innerhalb der Turnhalle, sondern auch darüber hinaus.“ Eine Herangehensweise, die ihr sehr guttue.

Der Deutsche Turner-Bund hatte im Zuge der Aufarbeitung der Verfehlungen in Chemnitz das Projekt „Leistung mit Respekt“ aufgesetzt und einen Kulturwandel im Frauenturnen ausgerufen. Als Bundestrainer wurde 2022 Gerben Wiersma verpflichtet. Der Niederländer erklärte damals glaubwürdig, er stehe für den Kulturwandel. Doch auch gegen ihn hatte es in den Niederlanden 2021 Vorwürfe wegen Machtmissbrauchs gegeben. Entsprechend skeptisch war Pauline Schäfer-Betz anfänglich: „Durch meine eigene Geschichte und meinen Einsatz gegen psychischen Missbrauch im Leistungssport hat die Nachricht, dass Gerben neuer Bundestrainer werden soll, bei mir erst einmal viele Gedanken ausgelöst“, sagt sie rückblickend. Mittlerweile aber habe man sich „im Arbeitsalltag gut eingespielt“, die Zusammenarbeit sei professionell, Wiersma bereit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen: „Das schätze ich sehr.“

In Zagreb gewann die Französin Elena Colas das Finale am Schwebebalken. Mit gerade 16 Jahren ist sie quasi halb so alt wie Schäfer-Betz. Die aber weiß ihr Alter zu schätzen. „Die Zeit im Rücken zu haben und zu wissen, was für mich funktioniert, das ist ein großer Vorteil.“ Am Balken wird sie in Zukunft versuchen, einen Tick schneller durch ihre Übung zu kommen.

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