Geflüchtete in Calais: „Ich habe nichts und niemanden“

Im Oktober 2016 wurde der „Dschungel“ von Calais geräumt. Immer noch hoffen Tausende Geflüchtete auf eine Passage nach England.

Hassan steht hinter seinem Zelt am Rand von Calais, er will nach England.

Das Zelt ist alles, was Hassan besitzt. Aus Angst vor britischen Behörden verbirgt er sein Gesicht Foto: Andreas Wyputta

Eisig ist der Wind, der über den Kreisverkehr an der Klinik Les Oyats in Calais weht. Trostlos wirkt der mehrere hundert Meter große Platz am Stadtrand, auf dem nur wenige kahle Bäume stehen – doch trotz der Kälte warten hier am vergangenen Samstag mehr als 150 Menschen auf die Freiwilligen von Care4Calais.

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Wie an vielen anderen Stellen der nordfranzösischen Stadt verteilen Helfer der britischen Hilfsorganisation Lebensmittel, heißen Tee, Kleidung, Schlafsäcke und Zelte aus weißen Transportern heraus an Geflüchtete. Sie leben hier auf einer alten, längst überwucherten Industriebrache.

Fast alle von ihnen sind Männer, viele sind kaum dreißig Jahre alt, manche noch Teenager. Nicht wenige haben auch den Winter in diesem Niemandsland verbracht. Denn hinter der vermüllten Brache liegt die A16, und die Autobahn ist Verheißung. Sie führt zum Hafen von Calais und weiter zum Eurotunnel nach Großbritannien – und jeder hier hofft, bei Stau ein Versteck auf oder unter der Ladefläche eines Lkws zu finden, der ihn vielleicht ins englische Dover bringt. Auf die Insel wollen sie alle.

„Wir versuchen jeden Tag, auf einen Lkw zu kommen“, sagt Khan. Seinen vollen Namen will er wie die allermeisten nicht in der Zeitung sehen. Auch ein Foto ist undenkbar – zu groß ist die Angst, später von britischen Behörden identifiziert und zurückgeschickt zu werden. Seit mehr als einem Jahr schläft er in einem Zelt hinter dem Kreisverkehr zwischen Gräben und großen Betonresten. Auf einen Lkw gekommen sei er schon oft, sagt der 29-Jährige auf Englisch – doch bei den Grenzkontrollen direkt an der Küste hätten ihn Hunde und Wärmebildkameras immer aufgespürt.

Angst vor den Taliban, Angst vor der Polizei

Seine Heimat Afghanistan habe er aus Angst vor den Taliban verlassen, erzählt er am Feuer vor seinem Zelt, auf dem er am Abend ein Essen für das Fastenbrechen im Ramadan kocht. „Aber hier in Europa ist unser Leben auch sehr, sehr schlecht“, sagt Khan. „Die französische Polizei kommt jeden zweiten Tag und versucht, uns zu vertreiben“, berichtet er. „Sie nehmen uns das Essen weg. Die Zelte und Schlafsäcke zerschneiden sie oder werfen sie in den Müll.“

Sach- und Geldspenden: Der Verein Flüchtlinge Willkommen in Düsseldorf will Geflüchtete in Nordfrankreich weiterhin unterstützen und plant weitere Hilfstransporte. Eine Liste mit benötigten Sachspenden wird nach Absprache mit Care4Calais in Kürze im Internet veröffentlicht. Für Hygieneartikel, Unterwäsche, Socken, aber auch für Fahrzeugmiete und Sprit sind Geldspenden nötig: Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf e. V. IBAN: DE 48 3005 0110 1007 7908 41.

Wer nicht schnell genug herauskomme, werde durch die Zeltwand getreten, sagt der 19 Jahre alte Rustam, der wenige Meter weiter kampiert. Andere klagen über den Einsatz von Pfefferspray und auch von Schlägen. Khan zeigt dann zwei unterschiedliche Schuhe, beide für den rechten Fuß. Die linken habe ihm ein Polizist der berüchtigten kasernierten Bereitschaftspolizei CRS weggenommen – und das witzig gefunden.

Trotzdem will Khan wie fast alle hier weiter versuchen, nach England zu kommen. „Ich habe Familie und Freunde in Manchester und Birmingham. Hier in Frankreich kenne ich niemanden, kann nicht einmal die Sprache“, erklärt er. „Unser Land ist zerstört“, sagt auch ein Kurde aus Syrien, dessen Hose zerrissen ist und der trotz der Kälte nur Flipflops trägt. „Ich hoffe, dass wir uns in England mit Hilfe von Freunden ein neues Leben aufbauen können.“ Schließlich gibt es in Großbritannien traditionell weder Meldepflicht noch Personalausweise. Angewiesen auf Schwarzarbeit und ohne soziale Absicherung können deshalb auch nicht registrierte Geflüchtete hoffen, unter dem Radar der Behörden zu bleiben.

Unter eine Brücke im Zentrum von Calais kampieren viele Geflüchtete in Zelten

Fast unter dem Rathausturm, mitten in Calais, kampieren Dutzende von Geflüchteten Foto: Andreas Wyputta

Resigniert und verzweifelt wirkt dagegen Hassan, der sein winziges, nicht einmal einen Meter hohes Zelt ein paar hundert Meter weiter aufgeschlagen hat. Der 22-Jährige spricht nahezu perfekt Deutsch. Geboren in der pakistanischen Grenzregion, habe er die Taliban gefürchtet – und sei deshalb schon mit 16 über den Iran, die Türkei und den Balkan nach Deutschland geflohen, erzählt der junge Mann, der versucht, sich mit einer gespendeten Daunenjacke vor der Kälte zu schützen. „Fast sieben Jahre habe ich in Deutschland gelebt.“

Zerstörte Hoffnungen auf ein Leben in Deutschland

Seinen Hauptschulabschluss habe er im bayerischen Abensberg bei Regensburg gemacht, erzählt Hassan – und schreibt den Ortsnamen auf ein Blatt Papier. Nach der Schule hat der schmächtige Mann, der trotz seines Barts eher wie ein Junge wirkt, im Gärtnerei- und Landschaftsbau und auf Baustellen gearbeitet. Sein Asylantrag aber wurde abgelehnt. „Zwei Mal habe ich die Aufforderung bekommen, Deutschland innerhalb von zwei Wochen zu verlassen.“ Nach Pakistan zurück habe er nicht gekonnt – sein Vater sei 2015, seine Mutter vor elf Monaten gestorben, zum Rest seiner Familie gebe es keinen Kontakt.

In einer Panikreaktion ist er deshalb vor drei Monaten in Richtung Großbritannien aufgebrochen. Jetzt hängt der 22-Jährige, dessen Ausbildung die Bundesrepublik finanziert hat, in Calais fest – und wünscht sich nichts mehr als eine Rückkehr nach Bayern. Fast flehentlich bittet er um Hilfe: „Ich habe keinen Anwalt in Deutschland – und meine Freunde in Abensberg haben auch kein Geld, um mir zu helfen. Ich habe nichts und niemanden“, sagt Hassan. „Und hier kommt alle zwei Tage die Polizei und nimmt mir das Zelt, den Schlafsack, einfach alles weg.“

Hinter der Härte der französischen CRS-Bereitschaftspolizei stehe die konservative britische Regierung, sagt Imogen Hardman – die 30-Jährige aus Manchester arbeitet für Care4Calais und koordiniert die Hilfe vor Ort. Schon vor sechs Jahren, als fast 10.000 Geflüchtete im „Dschungel“ in der Nähe auf einer ehemaligen Müllkippe unweit vom Hafen auf eine Chance warteten, nach Großbritannien zu gelangen, machte London Druck.

London zahlt über 100 Millionen Pfund

Und London zahlte: Für die Sicherung der Grenzanlagen in Frankreich flossen seit 2015 mindestens 114 Millionen Pfund, hieß es im Juni 2020 auf eine Parlamentsanfrage, mehr als 131 Millionen Euro. Der „Dschungel“ wurde daraufhin im Oktober 2016 geräumt, und die Einfahrt zum Eurotunnel im Vorort Coquelles erinnert mit meterhohen doppelten Zäunen und Stacheldraht an die frühere innerdeutsche Grenze.

Die Geflüchteten aber blieben. Rund 1.000 leben allein in Calais, schätzt Imogen Hardman. Allerdings ist deren geballtes Elend jetzt über die knapp 73.000 Ein­woh­ne­r:in­nen zählende Stadt verteilt und damit weniger deutlich sichtbar als im „Dschungel“. Aber selbst in Sichtweite des beeindruckenden Rathauses mit seinem 78 Meter hohen Glockenturm leben Dutzende Geflüchtete am Quai de la Tamise – in Zelten dicht an dicht unter einer Brücke.

Andere schlafen hinter einem ehemaligen Supermarkt. Hunderte weitere leben in einer Zeltstadt in Grande-Synthe, einem Vorort von Dünkirchen, das rund 40 Kilometer entfernt liegt. Auf einer für Stromleitungen geschlagenen Lichtung im Wald sind auch Frauen und Kinder zu sehen, die sonst oft von Hilfsorganisationen wie dem Refugee Women’s Centre aufgefangen werden. Dabei fehlt es auch in Grande-Synthe an allem. Toiletten gibt es nicht, Wasser erst in einem Kilometer Entfernung – ein Polizeiposten wacht darüber, dass Hilfsorganisationen die Geflüchteten nicht direkt erreichen können.

Auf Booten, Kajaks, Surfbrettern

Was selbst Familien hier hält, ist die Hoffnung auf eine Überfahrt per Boot. Schlepper würden die ab 3.000 Euro pro Person anbieten, erzählen Geflüchtete. Verzweifelte versuchen, das gerade einmal 32 Kilometer entfernte Dover in Kajaks, auf Surfbrettern oder gar nur mit einer Schwimmweste zu erreichen – dabei gilt die von 400 Schiffen täglich genutzte Meerenge als meistbefahrene Hochsee-Wasserstraße Europas.

Hilfsorganisationen wissen von mindestens fünf Menschen, die allein 2020 bei der Überfahrt ertrunken sind – und zynisch benutzt Großbritanniens Innenministerin Priti Patel die Toten als Begründung für eine Verschärfung des Asylrechts. „Während Menschen sterben, haben wir eine Verantwortung zu handeln“, erklärte die Hardlinerin, deren indischstämmige Eltern in den Sechzigern selbst aus der einstigen britischen Kolonie Uganda eingewandert sind, erst im März.

Wer „illegal“ einreist, wird künftig selbst bei anerkanntem Asylrecht keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung mehr bekommen. Und schon im Sommer 2020 dachte Patel darüber nach, im Ärmelkanal Aufgegriffene direkt nach Frankreich zurückbringen zu lassen. Im Gegenzug verlange Paris dafür weitere 33 Millionen Euro, berichtete der Sunday Telegraph.

Der Brexit macht das Helfen schwer

Die Zahl der Geflüchteten, die an der nordfranzösischen Küste einen Weg nach Großbritannien suchen, dürfte also nicht sinken. Organisationen wie Care4Calais versuchen, die Menschen weiter mit dem Notwendigsten zu versorgen – und brauchen selbst Hilfe. „Wegen Corona kommen weniger freiwillige Helfer aus Großbritannien“, berichten Imogen Hardman, „und durch die Brexit-Bürokratie viel weniger Hilfsgüter.“ Ihr Kollege Matt Cowling nickt.

Eingesprungen ist deshalb die deutsche Initiative Flüchtlinge Willkommen in Düsseldorf. Schon zum zweiten Mal hat das Netzwerk, das in seinem Düsseldorfer Welcome Center Rechtsberatung bietet und bei der Arbeits- und Wohnungssuche hilft, zu Spenden aufgerufen. Innerhalb weniger Wochen kamen vier Tonnen Hilfsgüter zusammen, darunter hunderte Pakete mit lang haltbaren Lebensmitteln wie Reis, Nudeln, Öl und Tee, aber auch Zelte, Schlafsäcke und Isomatten.

Nach Calais gefahren hat die Spenden Organisator Benedikt Schmitz. Natürlich müssten auch Fluchtursachen wie Waffenexporte oder Ausbeutung bekämpft werden, sagt er am vergangenen Samstag auf der Autobahn am Steuer eines Transporters. „Eine Frage der Menschlichkeit“ sei aber auch die unmittelbare Hilfe, findet der 54-Jährige. „Vor unserer Haustür, mitten in Europa in Calais, wird Menschen ein sicherer Schlafplatz verweigert und das Essen weggenommen“, sagt Schmitz. „Wenn ich dann das Gerede von ‚europäischen Werten‘ höre, wird mir schlecht.“

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