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Gedenkveranstaltung in BayreuthHeute habe ich das letzte Wort

Die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele gipfeln in der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ mit einer Rede Michel Friedmans.

Mit schöner Regelmäßigkeit liefern die Bayreuther Festspiele in den Wochen vor ihrer Eröffnung einen Skandal. In diesem Jahr ist den Festspielen ohnehin höchste Aufmerksamkeit sicher, denn sie feiern das 150. Jahr der Eröffnung des Festspielhauses 1876. Das Programm wurde erweitert, auch wenn erste kühne Pläne aus finanziellen Gründen verworfen wurden. Es wird einen KI-„Ring“ geben und erstmals kommt „Rienzi“ auf die Bayreuther Bühne, Wagners dritte Oper, die bislang nicht zum Kanon der dort gespielten Werke gehörte.

Der diesjährige Skandal war eine Verkettung von schlechter Kommunikation und jenen erstaunlich weltfremden Ungeschicklichkeiten, die in Bayreuth immer wieder frappieren. Um zu unterstreichen, in der Rückschau insbesondere auch über das düsterste Kapitel der Festspiele, nämlich ihre Rolle in der Nazizeit nachzudenken, hatte Festspielintendantin Katharina Wagner bereits vor einem Jahr Michel Friedman eingeladen, gemeinsam mit Christian Thielemann eine Gedenkveranstaltung zu gestalten.

Thielemann sagte sofort ab, weil er sich mit dem Auftaktkonzert und dem neuen „Ring“ ausgelastet fühlte. Dann passierte erst mal nichts mehr, bis Friedman vor fünf Wochen erfuhr, dass die Veranstaltung angeblich aus Sicherheitsgründen abgesagt sei. Friedman beschwerte sich öffentlich und es rauschte mächtig im Blätterwald.

Doch dann entschuldigte sich Katharina Wagner in aller Form bei Friedman, der nahm an und wurde erneut eingeladen. Und das heiße Thema der öffentlichen Debatte war gesetzt. Womöglich konnte den Festspielen auch gar nichts Besseres passieren, weil sich mit dieser Aufregung das Thema „Wagner und der Antisemitismus“ ganz selbstverständlich ins Zentrum stellte. Das gesamte Eröffnungswochenende war – mal mehr, mal weniger feierlich – geprägt von davon.

Wimmelbild mit Adolf Hitler

Es beginnt am Eröffnungsabend mit dem üblichen roten Teppich, aber kaum jemals war die Polit-Prominenz derart vollzählig versammelt. Musikalisch geht es konzertant zu: unter einem betont ungelenk gemalten Bild des ungarischen Street-Art-Künstlers Fat Heat, das ein Wimmelbild mit Persönlichkeiten aus 150 Jahren Festspielgeschichte zeigt – inklusive Adolf Hitler – musizierten Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele unter der Leitung von Christian Thielemann Beethovens Neunte, die auch zur Grundsteinlegung erklungen war.

Mit der ersten Rede des Abends setzt Katharina Wagner den Ton: „Im Anbetracht der engen, teils sehr persönlichen Verknüpfung meiner Familie mit dem NS-Regime und den Festspielen als kulturelles Aushängeschild des Dritten Reichs, aber auch eingedenk der Tatsache, dass unsere deutsche Demokratie heute erneut von Kräften bedroht wird, welche versuchen, Antisemitismus, Rassismus, Chauvinismus und Nationalismus erneut staatstragend zu machen, sind wir im Festspielhaus genau am richtigen Ort, um hier Nein zu sagen.“

Als Redner folgen Friedrich Merz, der sich eine klug pointierte Rede hat schreiben lassen, sowie der wie üblich jovial improvisierende Markus Söder und Wagner-Urenkelin Nike Wagner mit einem sehr persönlichen Abriss der Festspielgeschichte, danach eine sehr staatstragende, erst allmählich Fahrt aufnehmende Beethoven-Interpretation. Aber die Zeichen stehen bereits auf Versöhnung, denn Friedmann ist auch beim Festakt schon zugegen.

Mehr als eine Stunde weitgehend freie Rede

Am Sonntagmorgen dann die Gedenkveranstaltung, die mit „Verstumme Stimmen“ den Titel der Ausstellung aufnimmt, die im Festspielpark bereits seit 2012 zu sehen ist. Mit weißen Lettern prangt das Wort „Antisemitismus“ auf der schwarzen Rückwand der Bühne, davor gestaltet Semyon Bychkov am Pult einer Kammerformation des Festspielorchesters wunderbar differenziert Wagners „Siegfried-Idyll“, danach erklingt ein Bläserquintett des in Auschwitz ermordeten Komponisten Pavel Haas.

Dann betritt Katharina Wagner zusammen mit Michel Friedman die Bühne, man ist inzwischen einander spürbar zugetan. Sie begrüßt ihn so herzlich, dass Friedman – der mehr als eine Stunde weitgehend frei reden wird – spontan sagt: „Ich möchte ausdrücklich sagen, dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert.“

In der Folge lässt Friedman kein Thema aus, beschäftigt sich mit der braunen Vergangenheit nicht nur der Festspiele, springt aber immer wieder zurück in die unmittelbare Gegenwart bis hin zu den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt. Rhetorisch brillant und treffsicher, provozierende Fragen ans Publikum stellend, erntet er immer wieder donnernden Zwischenapplaus, auch wenn er gleich zu Anfang sagt: „Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass ich heute Nacht sehr schlecht geschlafen habe.“ Gleich darauf bringt er sich selbstbewusst in Position: „Heute habe ich das Wort, und der Antisemit Richard Wagner muss mir zuhören.“

Nicht müde wird Friedman, immer wieder die Kraft der Demokratie zu beschwören und dafür zu werben, die Freiheit wertzuschätzen und zu verteidigen, er habe die Sorge, es gebe hierzulande immer mehr „gelangweilte Demokraten“. Und dann hat er einen Rat an alle Nörgler: „Sie müssen demokratisch wählen, damit Sie morgen noch entspannt nörgeln können.“ Am Schluss erhebt sich das Festspielhaus geschlossen, auch Friedman wirkt sehr bewegt. Bayreuth ist halt immer noch ein Ort, an dem sich Geschichte und Kultur der Nation wie in einem Brennglas verdichten.

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