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150 Jahre Bayreuther FestspieleEine rehabilitierte Monsteroper und ein gefloppter KI-Ring

Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum mit der erstmals dort erklingenden Oper „Rienzi“ und einem grandios gescheiterten Experiment.

Die ersten Tage der Bayreuther Festspiele waren hochpolitisch. Schon mit der ersten Rede des Eröffnungsabends hatte Katharina Wagner eindringlich bekannt, die Aufarbeitung der Verstrickung der Festspiele mit dem NS-Regime sehr ernst zu nehmen. Auch Michel Friedmans fulminante Rede am Folgetag setzte Zeichen der Veränderung, des Aufbruchs bei wachsendem Problembewusstsein.

In dieser gelösten Stimmung ging es dann zur Premiere von „Rienzi“, Wagners dritter Oper, die noch nie zuvor in Bayreuth erklungen ist, denn der Komponist selbst hatte seine „große tragische Oper“ später als „Jugendsünde“ abgetan. Ungekürzt ist „Rienzi“ das längste Werk, das Wagner überhaupt jemals komponiert hat.

Angeblich soll sie Hitlers Lieblingsoper gewesen sein. Das fünfaktige Riesenwerk handelt vom Aufstieg und Fall des italienischen Volkstribunen Cola di Rienzo, als Vorbild diente Wagner damals die französische Grand opéra mit ihren großen Tableaus und Theatereffekten. In Bayreuth wird nun glücklicherweise eine Strichfassung präsentiert.

Einzig die Ouvertüre ist im kollektiven Musikgedächtnis verankert, ein feierlich schreitender Satz, der bereits die besten Melodieeingaben der Oper bietet – aber eben auch regelmäßig zur Eröffnung der Reichsparteitage gespielt wurde. Dieses musikalische Sahnestückchen des Abends nutzt das Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, um eine Vorgeschichte zu erzählen, die zwar so nicht im Buche steht, aber bei Wagner nahe liegt, nämlich die inzestuöse Beziehung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene, als Vorgriff auf das spätere Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde in der „Walküre“. Ein kleiner Junge, vermutlich des Paares, leidet offenbar an einer Lungenerkrankung und stirbt.

Zwischendurch lustig und selbstironisch

Daraus resultiert ein Lebenstrauma der Geschwister, auf das wiederholt angespielt wird. Zwischendurch wird es aber auch richtig lustig und selbstironisch, wenn in der langen Instrumentalstrecke ein kleiner goldener Hörl-Wagner radschlagend die Bühne entert, und auf einer Kopie der Bayreuther Bühne Wagners Opern im Schnelldurchlauf angedeutet werden. Da kommen dann Rauschebärte und Flügelhelme zum Einsatz und eine Senta huscht mit leerem Bilderrahmen umher und sucht vergeblich den passenden „Holländer“-Kopf für den Rahmen.

Überwiegend aber spielt das Geschehen in einer dystopischen, grauen, nur von kalt leuchtenden Bildschirmen und Telefondisplays erhellten Welt, in der das Volk in tristen Betonkuben Fake News verfolgt. Der römische Volkstribun, der gegen den Adel kämpft, Opfer seiner Hybris wird und im brennenden Kapitol stirbt, ist also ein heutiger Politiker, der die Wahl mit 41 Prozent zu gewinnen scheint, davon künden jedenfalls Hochrechnungen und Nachrichtensendungen und das TV-Format „Live from the Capitol“.

Szemerédy/Parditka inszenieren ansonsten am Text entlang, immer unterhaltsam, fantasievoll, mit fulminanten Bildern und aufwändigen Verwandlungen, Nathalie Stutzmann im Graben nimmt die wuchtige Partitur französisch leicht und macht so die Passagen musikalischer Meterware erträglicher, wobei immer wieder auch der reife Wagner bereits aufblitzt. Die mörderisch schweren Solopartien sind festspielwürdig besetzt. Am Ende große, fußtrampelnde Begeisterung für eine beherzte Annäherung an ein problematisches Werk.

Nach diesem spektakulären Auftakt war die Spannung groß auf den neuen „Ring“, Wagners XXL-Kapitalismus- und Machtkritik, sein politischstes Werk. Doch es kam ganz anders, denn es wurde leider völlig unpolitisch, ein intellektuell zahnloser Bilderreigen, der in seinen schlimmsten Momenten an einen wildgewordenen Bildschirmschoner erinnerte. Denn bei diesem „Ring“ führt eine KI Regie, eigentlich eine Sparmaßnahme, weil das Geld für einen richtigen neuen „Ring“ fehlte.

Kitschtriefender Bilder- und Bedeutungssalat

Als zukunftsweisend war das Projekt angekündigt, aber bereits bei „Rheingold“ stellte sich herbste Ernüchterung ein. Zu erleben war ein chaotischer, oft kitschtriefender Bilder- und Bedeutungssalat, der das Auge beleidigte und das Hirn ermüdete. Die Sänger, verbannt in einen schmalen Kanal zwischen Rückprojektionswand und Gazevorhang, standen wie die Ölgötzen bewegungslos herum in steifen Feder- und Folienkostümen und lieferten ab. Das Ergebnis war schon nach „Rheingold“ ein Buh-Gewitter.

Vor der „Walküre“ hörte man aus gut informierten Kreisen, die Bilderauswahl würde nun sinnfälliger, passender, tatsächlich hagelte es weiter beziehungslose Motive und verzerrte Gesichter. Nach einem „Ring“-freien Tag war bei „Siegfried“ dann endlich ein leicht gedrosseltes Tempo spürbar, auch das hinter der Gaze eingesperrten Sängerpersonal fing nun einfach an zu spielen, was wie eine Erlösung wirkte.

Vor der „Götterdämmerung“ soll das Programmierteam bis morgens um vier Uhr umprogrammiert haben, tatsächlich standen Bilder jetzt minutenlang, die Fehlgriffe der KI, die sich im Zeitstrahl nun bis ins letzte halbe Jahrhundert vorgearbeitet hatte, präsentierten aber erneut Albernheiten wie die Sonderbriefmarke zur deutschen Wiedervereinigung, oder Helmut Kohl und Ronald Reagan. Aber auch immer wieder verschwommene Fotos des Schlussgesangs der Brünnhilde aus Patrice Chéreaus legendärem „Jahrhundertring“. Bilder, die noch immer die Kraft dieser Inszenierung und ihrer ästhetischen Reichweite atmen.

Aber dem heutigen „Ring“ konnten sie nicht mehr aufhelfen, er war einfach nicht mehr zu retten. Weil das Konzept die Sänger höhnisch auf die Tonproduktion reduziert, weil die KI mit Blödsinn gefüttert wurde und nicht weiß, wie Theater funktioniert. Aber Schwamm drüber, dieser „Ring“ wird nicht wiederholt und verschwindet vom Spielplan.

Wagner-Fans wollen es analog

Bemerkenswert aber war, wie sich die Musik, die selbst mit Christian Thielemann am Pult zunächst etwas pauschal und statisch klang, mehr und mehr freischwamm, wie Thielemann im „Siegfried“ das Orchester zu impressionistischen Farbspielen ermunterte, wie fein er dosierte und wie die Musik anfing zu sprechen, plastisch zu werden. Parallel dazu befreiten sich auch die Sänger aus dem Stehknast. In der „Götterdämmerung“ gab es dann – erleichtert durch das gedrosselte Bilderprasseln – einige reine Glücksmomente wie Siegfrieds Trauermarsch, bei dem sich der Vorhang schloss. Das hier gehört mir, wollte Thielemann damit wohl sagen. Am Schluss großer Jubel und ein einhelliger, unwidersprochener Buh-Orkan für das KI-Team, das ausgesprochen kleinlaut wirkte.

Dazu passt, dass der „Parsifal“ von 2023, der mit Augmented Reality und Datenbrillen konzipiert war, nun stillschweigend abgerüstet wurde. In diesem Jahr gibt’s keine Datenbrillen mehr, denn die waren erstens zu teuer, zweitens verkauften sie sich schlecht und drittens war das ästhetische Ergebnis mehr als dürftig. Die Wagner-Fans wollen es halt analog. Bitte merken!

Ansonsten gibt es sängerische Marathonleistungen zu vermelden. Klaus Florian Vogt, an dessen hellem Tenor sich die Geister scheiden, bringt in diesem Jahr das Kunststück fertig, im „Ring“ nicht nur den Feuergott Loge im „Rheingold“, sondern auch Siegmund in der „Walküre“ und beide Siegfrieds im Rest der Tetralogie zu verkörpern, und das meist grandios und immer mühelos. Das dürfte ihm derzeit niemand nachmachen. Der zweite Marathon-Mann der Festspiele ist der großartige Michael Volle, der Wotan und Wanderer im „Ring“ ist und nebenher noch im „Parsifal“ den Amfortas gibt, spürbar erleichtert, ohne Gaze und Kostümkorsett spielen zu dürfen.

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