Gedenkkonzert in Rendsburg: „Wir wollten auf die Überlebenden, die Hoffnung schauen“
Mit Gesängen verfolgter jüdischer Komponist:innen erinnert ein Konzert in der ehemaligen Synagoge Rendsburg an die Reichspogromnacht.
Foto: Georg Wendt / dpa
taz: Frau Buchert, was besingen die jiddischen Lieder, die Viktor Ullmann im KZ Theresienstadt neu vertonte?
Pia Buchert: Eins dieser alten jiddischen Volkslieder handelt zum Beispiel von Berjoskele, einer kleinen Birke als Ort, an den man seine Trauer bringen kann. Ein anderes, eher schelmisches, von einer sitzen gelassenen Frau, die munter bleibt: „Wenn du glaubst, ich stehe hier und weine um dich, hast du dich zu früh gefreut!“
1990 geboren, Mezzosoproan, ist freiberufliche Sängerin und hat das Liedpgoramm „Eisnacht“ gemeinsam mit Tatjana Dravenau auch auf einer gleichnamigen CD eingespielt.
taz: Welche Rolle spielte Ullmann, der später in Auschwitz ermordet wurde, im KZ Theresienstadt?
Buchert: Da die Nazis Theresienstadt als „Vorzeige-KZ“ sahen, gab es dort Raum für ein reiches Kulturleben. Daher konnte Ullmann gemeinsam mit weiteren Komponisten wie Pavel Haas und Hans Krása Konzerte veranstalten und komponieren. Er hat einmal gesagt, „dass ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin, dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und dass unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war“.
taz: Die übrigen Komponist:innen Ihres Programms haben die Shoah überlebt. Warum diese Auswahl?
Buchert: Weil wir – die Pianistin Tatjana Dravenau und ich – auch auf die Überlebenden, auf die Hoffnung schauen wollten, um herauszufinden: Was ist trotz Entrechtung und Exil an Kreativem entstanden?
taz: Wie haben Sie recherchiert?
Buchert: Angefangen hat es mit Felix Wolfes. Ich habe sein Werk während des Projekts „Echospore“ der Musikhochschule Köln kennengelernt, das zu verfemten und vergessenen Komponist:innen forschte. Tatjana Dravenau hat außerdem mit der Essener Folkwang Universität der Künste ein Projekt zu Felix Wolfes organisiert. Daraufhin hat uns das Wiener „Exilarte – Zentrum für verfolgte Musik“ gefragt, ob wir Komponist:innen auch aus ihrem Archiv aufführen könnten. So haben wir Walter Arlen und Hans Gál kennengelernt. Um auch Komponistinnen vorzustellen, habe ich dann Ruth Schonthal und Ursula Mamlok ausfindig gemacht.
Das Konzert
Liederabend „Eisnacht“ mit Pia Viola Buchert (Mezzosopran) und Tanja Dravenau (Klavier): 9.11., 18 Uhr, Jüdisches Museum Rendsburg
taz: Welche Stilrichtungen bildet Ihr Konzert ab?
Buchert: Wir bewegen uns über zwei Generationen. Während Hans Gál noch spätromantisch komponierte, studierte Ruth Schonthal bei Paul Hindemith und Ursula Mamlok bei John Cage. Beide experimentierten mit Minimal Music und weiteren modernen Kompositionstechniken.
taz: Wovon handeln die Lieder der Überlebenden?
Buchert: Es geht um den Verlust der Heimat und um Flucht. Aber es finden sich auch artifizielle Bilder wie das der Rose, die für Vergänglichkeit, aber auch für Schönheit und Hoffnung steht. Sehr eindringlich benennen auch Hans Gál und Ruth Schonthal die Bedingung von Freiheit: Wir können nicht warten, dass sie auf einem Schiff zu uns kommt, sondern wir müssen losgehen, um unser Leben voll zu entfalten und zu vollenden, sagen sie.
taz: Was bedeutet es Ihnen, die Lieder am 88. Jahrestag der Reichspogromnacht in einer Synagoge aufzuführen?
Buchert: Wie haben unser Programm zwar schon in vielen Synagogen, in Kirchen und Konzertsälen aufgeführt. Aber es etwas ganz Besonderes, es an diesem Tag zu spielen. Zugleich ist schade, dass diese Musik meist an Gedenktagen gespielt wird und selten im regulären Konzertprogramm. Ich wünsche mir, dass es selbstverständlicher wird, diese Musik zu spielen, zu hören und so zu integrieren, wie es ihre Schöpfer:innen vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus waren.
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