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„Friedensplan“ für GazaDie Waffen schweigen nicht

Aus Florida verkünden Donald Trump und Benjamin Netanjahu, nun die zweite Phase des Gaza-Abkommens umsetzen zu wollen. Wie sieht es vor Ort aus?

Auf dem T-Shirt dieses israelischen Soldaten steht „Hamasjagdklub“ Foto: Ohad Zwigenberg/AP

Es war schon visuell bezeichnend, wie der israelische Premier Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump vergangenen Montag in Florida mit gleichfarbigem blauem Anzug und karminroter Krawatte nebeneinanderstanden. Trump erklärte, dass Israel hundertprozentig seinen sogenannten Friedensplan für Gaza erfüllt habe. Netanjahu lobte Trump als „besten US-Präsidenten in der Geschichte Israels“.

Einig war man sich auch darin, dass die erste Phase des Waffenstillstands in Gaza praktisch erledigt und nun möglichst schnell zur zweiten Phase überzugehen sei. Und wenn es überhaupt einen Stolperstein bei der Umsetzung des Gazaplans gäbe, auch da war man sich einig, dann sei das die Hamas, die in der zweiten Phase so schnell wie möglich entwaffnet werden müsse. Wenn das nicht geschähe, würde sie teuer bezahlen, kündigte Trump an. Worüber die beiden Staatschefs kein Wort verloren: einen Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und eine mögliche palästinensische Selbstverwaltung. Eine solche, die den Weg zu einer palästinensischen Staatlichkeit ebnen würde, sah der ursprüngliche 20-Punkte-Plan für Gaza vor.

Aber ist die erste Phase des Waffenstillstands tatsächlich abgeschlossen? Eigentlich, so der Plan, sollten dann alle israelischen Geiseln lebendig oder tot übergeben worden sein. Das ist bis auf einen Fall geschehen. Eigentlich sollten die Waffen schweigen. Das ist definitiv nicht geschehen. Seit der Waffenstillstand im Oktober in Kraft trat, wurden von der israelischen Armee nach palästinensischen Angaben 440 Menschen, darunter 70 Kinder, getötet.

Die meisten, weil sie sich der sogenannten Gelben Linie näherten, also jener imaginären Markierung, hinter der die israelische Armee noch über die Hälfte des Gazastreifens besetzt. Auch drei israelische Soldaten wurden in dieser Zeit getötet. Laut Angaben des palästinensischen Medienbüros habe es in Gaza durch Israel fast tausend Verletzungen des Waffenstillstands gegeben. Andere Quellen dazu gibt es nicht, da dieser Waffenstillstand nicht unabhängig überwacht wird.

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Angst und Verwirrung

Auch eine zweite Abmachung für die erste Phase ist bisher nicht erfüllt: Der Gazastreifen sollte mit mindestens 500 bis 600 Lkws pro Tag versorgt werden. Davon ist man weit entfernt. Nicht einmal winterfeste Behausungen wurden in annähernd ausreichendem Maß hineingelassen. Zuletzt verkündete die israelische Regierung, 37 Hilfsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen, die Lizenz zur Arbeit im Gazastreifen entziehen zu wollen.

Die Menschen im Gazastreifen fühlen sich in diesem Zustand wie im falschen Film. Auf der politischen Bühne ist die Rede von Frieden und Waffenstillstand, sie aber hören noch immer täglich Explosionen und Schüsse. „Während die Führungen der Welt da draußen über den ‚Tag danach‘ und über ihre Friedenspläne diskutieren und über unser Schicksal entscheiden, verbleiben wir in den Tiefen der Unbekannten und gehen unter in der Angst und der Verwirrung, die dieser Krieg verursacht“, schreibt die palästinensische Autorin Aya al-Hattab für den britischen Guardian aus dem Gazastreifen. „Wir sind gefangen in einem unendlichen Labyrinth des Wartens: darauf, dass unser Leid aufhört, darauf, dass unser Leben wieder beginnt und dass vor allem der Tod endlich endet“, fügt sie hinzu.

Diese Realität ist weit weg von den beiden Herren in ihren blauen Anzügen und roten Krawatten. Sie wollen jetzt zur zweiten Phase des Abkommens übergehen, und das bedeutet für sie eigentlich nur eines: die Entwaffnung der Hamas. Netanjahu verknüpft damit jeden Fortschritt im sogenannten Waffenstillstand, während die Hamas erst einen vollkommenen Rückzug der israelischen Armee fordert, der ebenfalls im Abkommen festgehalten ist. Damit sie sich entwaffnen lässt, müsse es erst echte Fortschritte hin zu einer palästinensischen Staatlichkeit geben. Solange Israel palästinensisches Gebiet besetzt, habe sie das Recht auf bewaffneten Widerstand, argumentiert die Hamas.

Trump und Netanjahu planen trotzdem schon weiter. Mit den anderen regionalen Garantiestaaten und Vermittlern des Abkommens, Ägypten, der Türkei und Katar, spricht der US-Vermittler Steve Witkoff über mögliche Mitglieder einer palästinensischen Technokratenregierung, die unter der Schirmherrschaft von Trumps Friedensrat den Gazastreifen nach der Hamas verwalten soll. Doch von Israel akzeptiert und gleichzeitig unter den Palästinensern in Gaza anerkannt zu werden – das ist kaum möglich.

Die Medienkarawane zieht weiter

Unrealistisch ist auch die Idee von Trump und Netanjahu, Truppen in den Gazastreifen zu schicken, die die Hamas entwaffnen. Diese Aufgabe sollen ausgerechnet Soldaten arabischer und islamischer Länder erledigen. Zu einem robusten Mandat, mit dem diese Truppen die Hamas notfalls mit Gewalt entwaffnen, ist jedenfalls keines der Länder bereit. Ohne echte Maßnahmen hin zu einer palästinensischen Staatlichkeit, die Netanjahu strikt ablehnt, würden diese Truppen sofort als ein Teil der fortgesetzten israelischen Besatzung des Gazastreifens begriffen. Hinzu kommt, dass sich über die Truppenzusammenstellung nicht einmal Trump und Netanjahu einig sind. Der US-Präsident möchte türkische Truppen involvieren, der israelische Premier hat dagegen bisher sein Veto eingelegt.

Für viele Menschen im Gazastreifen stellt sich die derzeitige Lage fast wie eine weitere Form des Kriegs dar. Manche sprechen von der „Libanisierung“ des Gazastreifens. Auch im Libanon wurde vor über einem Jahr ein Waffenstillstand vereinbart. Die israelische Armee sollte sich vollständig zurückziehen, der libanesische Staat die Hisbollah entwaffnen. Die schießt seitdem nicht mehr nach Israel, behält aber ihre Waffen.

Und die israelische Armee hält bis heute Positionen im Südlibanon, beschießt regelmäßig Ziele im ganzen Land und fordert die Entwaffnung der Hisbollah. Netanjahu hofft, dass andere fortführen, was seine eigene Armee nicht erledigen konnte. Vielleicht ist das die Blaupause für die Zukunft des Gazastreifens? Man spricht international vom Waffenstillstand, während tatsächlich ein Zermürbungskrieg im Gange ist. Zumindest eines scheint dabei schon zu funktionieren: Der Fokus hat sich von Gaza abgewendet. Die Medienkarawane zieht weiter.

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18 Kommentare

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  • "Die Medienkarawane zieht weiter." Stimmt leider genau, bitter für Gaza. Die Medien kommen bei den täglichen Katastrophen und Eilmeldungen kaum hinterher, der Leser/Zuschauer auch.



    Trump regiert die (westliche) Welt, wie es ihm gefällt und er wird Netanjahu vollkommen freie Hand lassen.



    Die Hamas, Hisbollah & Co. haben mit Terror und Weigerung, die Waffen niederzulegen, dazu beigetragen, dass die Sympathien für einen Palästinenserstaat schwinden.



    Wenn die Hamas klug wäre, würde sie zugunsten der Gazaner auf Waffen verzichten. US Army und IDF stehen schon in den Startlöchern für die nächste Intervention, und die Hamas kann nur verlieren.

    • @chat cat:

      Die Hamas müsste nicht nur klug sein, sie müsste sich auch noch für die Belange der Palästinenser interessieren. Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass der Hamas die Menschen in Gaza irgendetwas bedeuten, außer dass die Menschen als menschliche Schutzschilde und Propagandainstrumente nützlich sind.

    • @chat cat:

      Zunächst hieß es ununterbrochen: „Die Hamas muss nur die Geisel freilassen, um das Sterben zu beenden".

      Jetzt sind die Geiseln befreit und das Sterben geht weiter. Nicht im selben Ausmaß, aber eben auch keine Waffenruhe.



      Israel verhindert weiterhin ausreichend Hilfslieferungen und hindert Hilfsorganisationen an der Arbeit.



      .



      Jetzt soll es also heißen: "Die Hamas muss nur die Waffen abgeben und es wird alles gut."



      .



      Ich bin nicht einmal sicher, ob die Führung der Hamas die eigenen Mitglieder dazu bringen könnte, die Waffen abzugeben, unter den gegenwärtigen Umständen.



      .



      Ohne jegliche Zugeständnisse von Israel würde sich die Organisation eher spalten. Wenn dann neue, noch radikalere Terrorzellen entstehen, nutzt Israel diese direkt wieder zur Legitimation für das eigene Vorgehen.

  • Alles nachdenkenswert. Aber vergessen sollte man auch nicht, dass die Hamas den von ihr angezettelten aktuellen Krieg verloren hat und eigentlich nur eine bedingungslose Kapitulation dieser Organisation der richtige Schritt zum Frieden wäre. Doch aus irgendwelchen nicht nachvollziehbaren Gründen, verweigern viele Medienmenschen sich dieser einfachen Logik kn diesem Fall.

    • @vieldenker:

      Vielen Dank für diesen deutlichen Hinweis.



      Ich stimme Ihnen vollumfänglich zu.



      Spätestens mit dem barbarischen Überfall der Hamas wurde deutlich, dass sie keinen Frieden will. Das gepaart mit einer deutlichen militärischen Unterlegenheit lässt eigentlich nichts anderes als eine Kapitulation der Hamas zu.

    • @vieldenker:

      Nicht zum Frieden, nur zur geräuschloseren Besatzung, Entrechtung und Vertreibung. Bis zum nächsten großen Knall, vielleicht unter anderem Namen. Oder bis die ethnische Säuberung Israel-Palästinas abgeschlossen ist. Auch alles nicht viel erstrebenswerter. Der richtige Schritt zum Frieden wäre wenn Israel und seine Komplizen endlich den 70 Jahre alten Teilungsplan akzeptieren und Palästina anerkennen.

      • @Residente:

        Die Behauptung verdreht die Geschichte. Der UN-Teilungsplan von 1947 wurde von der jüdischen Führung akzeptiert, von den arabischen Staaten und der palästinensischen Führung jedoch geschlossen abgelehnt – gefolgt von einem Angriffskrieg gegen den neu gegründeten Staat Israel. Wer heute so tut, als müsse Israel „endlich“ einen Plan akzeptieren, den die Gegenseite damals verweigerte und militärisch bekämpfte, betreibt Geschichtsklitterung.

        Zudem ist der 1947er-Plan kein realistischer Friedensfahrplan mehr, sondern ein historisches Dokument aus einer völlig anderen demografischen und politischen Realität. Frieden scheiterte nicht an mangelnder israelischer Bereitschaft allein, sondern an wiederholten Zurückweisungen von Kompromissen, innerpalästinensischen Machtkämpfen und der Weigerung, Israels Existenz dauerhaft anzuerkennen. Moralische Empörung ersetzt keine tragfähige Lösung.

      • @Residente:

        Wer hat noch mal wen unmittelbar nach der Staatsgründung Israels überfallen?

    • @vieldenker:

      Die "Medienmenschen" verweigern sich dieser "Logik" vermutlich, weil Sie wissen a, dass der NO-Konkflikt nicht am 7.10.23 begonnen hat, b, die rechtsradikale israelische Regierung kein Geheimnis daraus gemacht hat, dass sie die Palästinenser loswerden möchte, egal ob Hamas kapituliert oder nicht und c, offenkundige Kriegsverbrechen wie die Blockade von Hilfslieferungen auch nicht mit dem ewigen "aber Hamas..." gerechtfertigt werden können.

  • "Die israelische Armee sollte sich vollständig zurückziehen, der libanesische Staat die Hisbollah entwaffnen. Die schießt seitdem nicht mehr nach Israel, behält aber ihre Waffen."

    Was will der Autor uns damit sagen? Dass zwar Israel penibel alle Vereinbarungen einhalten muss, aber die Terrororganisation Hisbollah nicht? Oder stört sich der Autor etwa daran, dass Israel nicht einfach Ruhe gibt, solange die Hisbollah ihr Waffenarsenal für ihren eigenen 7. Oktober langsam wieder aufstocken kann?

    • @Fisherman:

      Israel könnte die Besatzung und Zerstörung von Zivilgebäuden beenden und beim Wiederaufbau helfen oder zumindest die einseitigen Angriffe beenden, solange die Gegenseite keine unternimmt.

      Ein solches Verhalten wäre die Grundlage, um den ideologischen Nährboden für den Hass zu nehmen.

      "Verhandlungen" bestehen aus Geben und Nehmen.

    • @Fisherman:

      "Was will der Autor uns damit sagen? Dass zwar Israel penibel alle Vereinbarungen einhalten muss, aber die Terrororganisation Hisbollah nicht?"

      Ich würde sagen, Sie haben es ziemlich treffend zusammengefaßt.

      Ansonsten ist schwer zu erraten, was den Autor zufriedenstellen würde. Als Israel die Hamas zu vernichten versuchte, war es nicht recht. Dass nun die "Soldaten arabischer und islamischer Länder erledigen" das besorgen sollen auch nicht genehm. Was dann? Soll die Hamas weiter ihr Unwesen treiben? Oder wer soll denn für das Ende dieser Terrororganisation sorgen? Warten wir darauf, dass die Hamasniks zur Einsicht gelangen? Oder bis Gott interveniert? Man sollte bei der Rundum-Ablehunng von allem, entwede dazu stehen, dass die Hamas unangetastet bleiben soll oder einen Vorschlag machen, wie die Gazaner aus den Fängen der Hamas befreit weren sollen.

      • @DemianBronsky:

        Was genau bezweckt Israel denn bitte mit der Weigerung, ausreichend Hilfslieferungen in den Gazastreifen zu lassen?



        .



        Welchen Sinn ergibt es nun, auch noch Hilfsorganisationen verbieten zu wollen?

        Hier meine Vorschläge:

        Ohne weitere Bedingungen:



        1: Hilfslieferungen und Hilfe beim Wiederaufbau.



        2: Journalisten wieder in das Gebiet lassen.

        Im Gegenzug für die schrittweise Entwaffnung muss ein Rückzug aus dem besetzten Gebiet angeboten werden, und über anschließende Souveränität und die Möglichkeit zu freien Wahlen sollte es ebenso Verhandlungen geben.

        Im Anschluss kann dann noch über Gebietsansprüche bzw. Staatsgrenzen und die damit verbundene notwendige Zurückdrängung von radikalen Siedlern gesprochen werden.

        Idealerweise zahlt Israel dann noch für x Jahre annektiertes/besetztes Gebiet, zerstörtes privates Eigentum und bis dahin gerichtlich festgestellte Kriegsverbrechen Reparationen/Entschädigung.

        Für einen Frieden wäre eine echte Perspektive notwendig. Ohne diese ist es völlig sinnlos, zu diskutieren, wer das umsetzen soll.

    • @Fisherman:

      Lesen Sie doch einfach den nächsten Satz auch noch.



      "Und die israelische Armee hält bis heute Positionen im Südlibanon, beschießt regelmäßig Ziele im ganzen Land und fordert die Entwaffnung der Hisbollah."



      Also in etwa das, was den Israelis auch für Gaza vorschwebt: man hält sich selbst an nichts, weder Vereinbarungen noch Menschen/ oder Völkerrecht, ermordet Zivilisten wo man nur kann und macht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg Deals mit Faschisten wie Trump. Das ist die Terrororganisation Likud in a nutshell.

      • @Residente:

        "Der nächste Satz" konkretisiert den davor. Inhaltlich fügt er nichts hinzu. Und wenn die libanesische Armee es nicht schafft, Stellungen der Hisbollah aufzulösen, übernimmt das selbstverständlich Israel. Soll Israel etwa zusehen, wie sich die Hisbollah wieder zum nächsten Schlag aufrüstet?

      • @Residente:

        Israel beschießt im Libanon nicht „Zivilisten, wo man nur kann“, sondern richtet sich primär gegen Hisbollah-Mitglieder und deren militärische Infrastruktur. Hisbollah ist eine bewaffnete Miliz, die wiederholt Raketen auf israelisches Gebiet abfeuert und selbst aus Wohngebieten operiert, was das Völkerrecht verletzt. Zivile Opfer sind tragisch und müssen kritisch aufgearbeitet werden, sind aber nicht automatisch Beweis für eine gezielte Tötung von Zivilisten. Zudem handelt Israel hier im Rahmen eines bewaffneten Konflikts und beruft sich auf Selbstverteidigung gegen einen nichtstaatlichen Akteur. Pauschale Gleichsetzungen mit Terrororganisationen oder der Gaza-Situation ignorieren diese Unterschiede und erschweren eine sachliche Auseinandersetzung.

  • Netanjahu will keinen Frieden mit den Palästinensern, abgesehen von Friedhofsruhe....

  • "Zumindest eines scheint dabei schon zu funktionieren: Der Fokus hat sich von Gaza abgewendet. Die Medienkarawane zieht weiter."

    Genau so ist es. Leidtragende sind die Menschen in Gaza. Im Schatten des allgemeinen Desinteresses und unter dem Schutz von Trump betreibt Netanjahu weiterhin seine zynische Politik der Zerstörung aller Lebensgrundlagen in Gaza. Zeugen dieses Unrechts wurden zuerst diskreditiert und nun einfach ausgesperrt. Zuerst waren es die Journalisten, nun sind es die unabhängigen Hilfsorganisationen.