Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege: „Seit 30 Jahren bestimmen Menschen mit Waffen mein Leben“
Denis Mukwege aus der DR Kongo ist weltweit berühmt für seine Arbeit mit Vergewaltigungsopfern. Ein Interview über Auswege aus dem aktuellen Krieg.
taz: Dr. Mukwege, Sie waren auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Die war vom Streit zwischen Amerika und Europa dominiert, anscheinend hat man sehr wenig über den Rest der Welt gesprochen. Wie haben Sie das erlebt?
Denis Mukwege: Es ist eine Enttäuschung. Wenn man zu so einer Konferenz kommt aus einem Land, das seit drei Jahrzehnten an einem Krieg leidet, der mehr Opfer gefordert hat als alle anderen Kriege zusammen – dann hat man ein Gefühl von Doppelstandard, in dem manche Krisen und manche Gebiete wichtiger sind als andere. Aber es gibt keine Hierarchie des Leids.
taz: US-Präsident Donald Trump brüstet sich, den Krieg bei Ihnen beendet zu haben, also den Krieg zwischen Kongo und Ruanda, und er findet, dass er den Friedensnobelpreis verdient. Was sagen Sie dazu?
wurde 1955 in Bukavu in der Demokratischen Republik Kongo geboren und gründete dort 1999 zum Höhepunkt der Kongokriege das Panzi-Krankenhaus, wo er als leitender Chirurg weltweit anerkannte Maßstäbe in der Behandlung und Betreuung überlebender Opfer sexualisierter Kriegsverbrechen setzte. Dafür erhielt er 2018 den Friedensnobelpreis. Er lebt heute im Ausland. Die taz sprach mit ihm am 16. Februar in Berlin.
Mukwege: Es beunruhigt, solche Aussagen hochrangiger Politiker zu hören. Es ist, als ob Worte ihren Sinn verlieren; man kann sagen, was man will, und es für wahr halten. Am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens zwischen Kongo und Ruanda am 4. Dezember wurde die Stadt Uvira angegriffen, Drohnen flogen auf fliehende Zivilisten, es gab Hunderte Tote. Das Töten geht weiter, der Konflikt geht weiter.
Die DR Kongo ist ein von Kolonialverbrechen und Gewaltherrschaft gebeuteltes Land. Seit den 1990er Jahren ist es in einer Spirale bewaffneter Konflikte gefangen, die das gesamte zentrale Afrika beeinflussen.
taz: Jetzt soll wieder ein Waffenstillstand in Kraft treten …
Mukwege: Wir wissen leider nicht, ob das ein richtiger Waffenstillstand wird oder bloß eine weitere Feuerpause. Wir wollen, dass diese Krise endet. 30 Jahre Leid, 30 Jahre Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sexualisierte Verbrechen, das ist zu viel. Wir brauchen keine Reden mehr, wir brauchen konkretes Handeln, um den Krieg zu beenden.
taz: Was heißt „konkretes Handeln“?
Mukwege: Am 21. Februar 2025 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 2773. Die verlangt einen Waffenstillstand, einen bedingungslosen Abzug Ruandas und der M23 und eine Auflösung der M23-Parallelverwaltung. Konkret handeln heißt, das internationale Recht geltend zu machen, und zwar für alle gleichermaßen. Aber diejenigen, die für das Töten verantwortlich sind, werden in Europa als Entwicklungsmodell gefeiert. Es ist traurig, Leuten den roten Teppich auszurollen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Deutschland und die EU geben Geld in den Haushalt eines Landes, das als Verantwortlicher für Kriegsverbrechen gilt, für Aggression. Dieses Land zu finanzieren, heißt, Aggression zu finanzieren.
taz: Sie meinen damit Ruanda – Deutschland hat Neuzusagen für Ruanda ausgesetzt und mit Kongos Regierung höhere Entwicklungszusammenarbeit vereinbart.
Mukwege: Egal ob Kigali oder Kinshasa: Wenn man Geld gibt, das in privaten Taschen landet oder das Milizen fördert, die vergewaltigen und zerstören, trägt man Verantwortung. Man hat die Verantwortung, zu verifizieren, was das Geld anrichtet.
taz: Seit der UN-Resolution sind Verhandlungsprozesse in Gang gekommen – zwischen Kongo und Ruanda in den USA, zwischen Kongos Regierung und den M23-Rebellen in Katars Hauptstadt Doha. Bringt das was?
Mukwege: Wir sehen lauter Prozesse, die aufeinanderfolgen und sich ähneln, weil keiner das bringt, worauf die Bevölkerung hofft. Die Bevölkerung wünscht sich Frieden, keine Unterschriften auf Papieren, nach denen es weitergeht wie vorher. Wir hatten Luanda, Nairobi, Washington, Doha, jetzt Rufe nach einem kongolesischen Dialog. Es reicht! Wir schlagen eine internationale Friedenskonferenz für die Region vor, im Kontext des Rahmenabkommens von Addis Abeba von 2013 über Frieden und Sicherheit in der DR Kongo und in der Region der afrikanischen Großen Seen. Dieses Abkommen wurde nie umgesetzt. Wir schlagen vor, es zu neuem Leben zu erwecken und zu erweitern: alle Unterzeichnerstaaten und dazu die Zivilgesellschaft, die großen Bergbaufirmen mit Interessen im Kongo, die kongolesischen Unternehmen. Sie alle müssen sich an einen Tisch setzen und miteinander reden, denn dies ist ein Wirtschaftskrieg. Es geht um die Kontrolle strategischer Mineralien. Bilaterale Abkommen mit Ruanda und der M23 berücksichtigen nicht die Lage in Ituri, wo Ugandas Armee steht, oder in Süd-Kivu, wo Burundis Armee steht. Wir haben Hunderte bewaffnete Gruppen in der Region. Also löst man das Problem nicht bilateral.
taz: Trauen Sie der Regierung von Kongos Präsident Tshisekedi in Kinshasa das zu?
Mukwege: Das ist das größte Problem. Die Regierung kann das nicht. Wir müssen die Zivilgesellschaft fördern, die das Elend der Bevölkerung sieht. Im Kongo leben 27 Millionen Menschen in Ernährungsunsicherheit, es gibt sechs bis sieben Millionen Binnenflüchtlinge. Alle 4 Minuten wird eine Frau vergewaltigt, alle 30 Minuten ein Kind. Es ist ein Drama, wie wir es nie gesehen haben! Wie kann die Welt da gleichgültig bleiben? Wenn Kinshasa das nicht kann – der Konflikt in der DR Kongo ist ein globales Thema. Es werden internationale Verbrechen begangen, also muss die Antwort international sein, die internationale Gemeinschaft muss die Akteure an einen Tisch bringen. Die Krise geht uns alle an. Kongo ist der weltgrößte Kobaltproduzent, in jeder Autobatterie steckt ein Stück Kongo. Kongo ist ein Land mit viel Tantal, das findet sich in unseren Elektrogeräten. Wir alle sind betroffen.
taz: Ihre Kritik an der Regierung in Kinshasa ähnelt teilweise dem, was die M23-Rebellen sagen. Kann man sagen, dass es in Ostkongos Kivu-Provinzen gemeinsame Interessen gegenüber schlechter Regierungsführung in Kinshasa gibt, über die Kriegsfronten hinweg?
Mukwege: Also ich habe kein gemeinsames Interesse mit Leuten, die Waffen auf das eigene Volk richten. Sie agieren auf Ruandas Befehl, sie kämpfen nicht für meine Interessen oder die Interessen der Bevölkerung von Kivu. Wer seine Waffen gegen das Volk richtet, kämpft nicht für das Volk. Man kann gute Regierungsführung auf andere Weise einfordern. Wenn Kongo eine gute Regierungsführung hätte, hätten wir eine gute Armee, die unsere Grenzen und unsere Bürger schützt. Das haben wir nicht. Alle Welt kann nach Kongo kommen. Kongo ist wie ein Schmuckgeschäft mit weit geöffneten Türen und Fenstern – die ganze Welt kommt zum Töten, Vergewaltigen, Plündern. Das muss sich ändern. Aber es ist nicht Aufgabe Ruandas oder der M23 oder irgendeiner anderen bewaffneten Gruppe, das zu ändern! Es ist die Aufgabe des kongolesischen Volkes, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und das zu tun. Wenn jeder denkt, er kann mit Gewalt an die Macht kommen, werden wir nie Frieden aufbauen. Seit 1996 kommen immer Leute mit Waffen, um uns zu „befreien“, sie nennen das immer „Befreiung“, aber sie machen dasselbe wie ihre Vorgänger.
taz: 2023 sind Sie zu Kongos Präsidentschaftswahlen angetreten und sind gescheitert, mit 0,2 Prozent der Stimmen. Sind die Institutionen immer gleich schlecht, egal wer regiert?
Mukwege: Das Rahmenabkommen von Addis Abeba, das ich vorhin erwähnte, verpflichtet Kongos Regierung, die Armee und die Institutionen zu reformieren. Das heißt für mich eine funktionierende Justiz, um die ewige Wiederholung der Konflikte in der DR Kongo zu beenden. Ich bin zur Präsidentschaftswahl angetreten, weil derjenige, der früher das Amt bekleidet hatte (Joseph Kabila, Präsident 2001-19; Anm. d. Red.), nie versucht hat, die Armee oder die Institutionen zu reformieren oder das Justizproblem anzugehen. Als der jetzige Präsident (Félix Tshisekedi, Präsident seit 2019; Anm. d. Red.) an die Macht kam, hatten wir Hoffnung, dass er sich darum kümmert. Er hat es nicht getan. Wir brauchen Strafverfolgung, Wahrheitsfindung, Reparationen und Versöhnung. Es ist schade, dass es weitergeht mit undemokratischen Institutionen.
taz: Ist es da nicht logisch, dass Leute zu den Waffen greifen?
Mukwege: Wenn Sie zur Waffe greifen und Ihre Mitbürger töten, sind Sie kein guter Staatsbürger mehr. Gewalt bringt nur neue Gewalt. Seit 30 Jahren bestimmen Menschen mit Waffen mein Leben. Das ist keine Lösung. Man muss die Dinge anders verändern.
taz: Nach 30 Jahren Krieg gibt es im Osten der DR Kongo auch viele lokale Konflikte: um Land, um das Recht, wer wo leben darf; es gibt ethnische Stigmatisierung und Verteufelung. Wie löst man das? Das ist keine Frage der internationalen Diplomatie.
Mukwege: Diese Fragen werden von Politikern ausgenutzt, die das menschliche Zusammenleben nicht begreifen. Sie denken, sie können die Bevölkerung manipulieren, um sich eine Basis zu schaffen. Aber wenn man die Menschen gegeneinander aufbringt, um beliebt zu werden, ist das Populismus. Ich freue mich, dass die Bevölkerung der Kivu-Provinzen beginnt, das zu durchschauen. Lange Zeit wurden Ethnien manipuliert. Ruanda hat bestimmte Ethnien benutzt, um zu sagen, es muss sie schützen, aber jetzt sagen diese Ethnien: Wir haben euch nicht darum gebeten. So sollten alle denken.
taz: Ist wirklich nur Manipulation das Problem? Ihre Stadt Bukavu ist in den Kriegsjahrzehnten explodiert, sie hat jetzt weit über eine Million Einwohner, Menschen im Elend drängeln sich an den Berghängen ohne Perspektiven. Um Goma ist es dasselbe. Es ist leicht, solche Leute zu manipulieren – aber wie macht man das Gegenteil?
Mukwege: Es ist sehr einfach für Populisten, eine Bevölkerung im Elend zu manipulieren, indem sie sagen: Ich bin einer von euch, ich werde etwas für euch tun. Aber inzwischen fragen sich in Süd-Kivu die Menschen: Wo sind denn die Abgeordneten, die wir gewählt haben? Die haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht, sie sind gut versorgt und sie haben die Bevölkerung in der Armut zurückgelassen. Das extreme Elend macht die Menschen anfällig für Manipulation. Nennen wir die Dinge beim Namen. Gold im Wert von Milliarden wird außer Landes gebracht – aus den Kivu-Provinzen exportieren Chinesen enorme Mengen an Gold, und die Kongolesen bleiben arm zurück. Firmen bekommen Abbaurechte und investieren nichts, sie waschen einfach das Gold aus den Flussbetten heraus, was auch Kongolesen selber tun könnten. Wer heute in Kongos Bergbaugebieten bleibt, muss eine Waffe tragen. Deswegen sind Städte wie Bukavu und Goma überfüllt. Die Leute suchen Sicherheit, sie verlassen die Bergbaugebiete, wo sie eigentlich ein Auskommen hätten, wo aber Bewaffnete herrschen. Wenn Kongos Regierende an die Bevölkerung denken würden und nicht nur an sich selbst, wären Kongos Reichtümer ausreichend, um die Bevölkerung zu ernähren und ihr ein stabiles Leben zu garantieren und damit die Manipulationen zu vermeiden, die auf Armut blühen.
taz: Wie geht es Ihrem Panzi-Krankenhaus unter diesen Umständen?
Mukwege: Wir arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen. Die Bevölkerung kommt nicht an ihr Geld, die Banken sind geschlossen, viele Staatsangestellte haben Schwierigkeiten, ihre Gehälter zu erhalten. Viele Menschen können sich nicht einmal die Grundversorgung leisten. Auch die internationale humanitäre Hilfe fehlt, weil die allgemeine Aufrüstung dazu führt, dass Hilfsbudgets gekürzt werden. Das erzeugt Probleme in der Versorgung mit Medikamenten und Gesundheitsmaterial. Die Bevölkerung im Elend auf den Hügeln zahlt dafür den Preis, auch wenn das Krankenhaus offen ist.
taz: Wurde das Krankenhaus direkt angegriffen?
Mukwege: Ich glaube nicht. Wir erkennen an, dass das humanitäre Völkerrecht geachtet wird, was das Panzi-Krankenhaus angeht. Die Arbeit geht weiter. Die Teams sind dort und ich gratuliere ihnen für ihre tolle Arbeit unter schweren Umständen. Ich hoffe, bald wieder zurück zu ihnen zu kommen.
taz: Wann haben Sie Bukavu verlassen?
Mukwege: Als Goma und dann Bukavu fielen, im Januar und Februar 2025, war ich auf Konferenzreise in Skandinavien. Seitdem konnte ich nicht mehr zurück. Die beiden Flughäfen sind bis heute geschlossen, einen anderen Einreiseweg habe ich nicht.
taz: Wie hat der aktuelle Krieg die Arbeit mit Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt verändert? Gibt es mehr Opfer als vorher?
Mukwege: In diesem Teil Kongos gibt es geteilte Gebiete: die Regierung hier, die Rebellen dort. Es ist also sehr schwer für die Bevölkerung, sich zu bewegen. Aber die mir vorliegenden Berichte sind sehr alarmierend. Alle Organisationen vermelden einen exponentiellen Anstieg der Zahl der Opfer sexualisierter Gewalt. Kinder werden gezielt vergewaltigt, das zeigt sich an einem Anstieg von Schwangerschaften bei Minderjährigen.
taz: Wer sind die Täter?
Mukwege: Alle bewaffneten Gruppen begehen Vergewaltigungen. Wir halten in unseren Berichten fest, was die Opfer uns über ihre Peiniger erzählen. Nach unseren Informationen gibt es Opfer auf allen Seiten des Konflikts.
taz: Als Sie 2018 für Ihre Arbeit mit Überlebenden sexueller Kriegsgewalt den Friedensnobelpreis erhielten, konnte man hoffen, dass dies das globale Bewusstsein für das Thema schärft. Aber danach sind diese Massenverbrechen regelrecht explodiert – in Tigray in Äthiopien, in Darfur in Sudan. Ist die Bewusstseinswerdung gescheitert?
Mukwege: Nein, überhaupt nicht. Die Bühne, die ich bekam, hat zum Verständnis des Problems beigetragen. Aber wir müssen viel weiter gehen. Und es stimmt, es wird nicht weniger, es wird mehr. Es wird mehr, parallel zu Rückschritten bei Frauenrechten allgemein. Es gibt Bewegungen, die gegen Frauenrechte kämpfen, und der Kampf gegen sexualisierte Gewalt stellt sich gegen deren Ideologie. Aber: Nein, er ist nicht gescheitert. Niemand kann jetzt mehr sagen, er habe es nicht gewusst.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert