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Freiberufliches SchreibenKlingeln, Auftrag, Honorar, Happi

Als Freischreiber bin ich voll konditioniert, wie ein Rabe, der mit seinem Schnabel Türen öffnen kann. Manche finden das nerdig – etwa meine Frau.

Eigentlich wäre es mir lieber, die Zeitungsleute würden sich morgens früher melden, wenn sie was von mir wollen. Also bis zehn, und nicht erst nach elf, manchmal sogar halb zwölf. Da sitze ich nämlich schon seit acht an anderem Zeug, und mehr als drei Stunden konzentrierter Arbeit kann ich knicken.

Im Bergwerk wäre ich daher eher nicht so gut aufgehoben. Spätestens um elf würde ich den Förderkorb zutage besteigen: „Nee, sorry, Leute, das reicht jetzt echt, und ich bin auch schon voll dreckig …“

Erschwerend kommt hinzu, dass ich mir für jeden gelungenen Satz – und das sind, bei aller Bescheidenheit, nicht wenige – traditionell ein Sektchen genehmige. Als Freiberufler brauchst du einfach bestimmte Tricks und Routinen, um die eigene Arbeitsmoral hochzuhalten. Das begreifen die Bergwerksmenschen oft nicht; das ist ja eine komplett andere Berufsmentalität.

Doch ich versteh’ natürlich, dass die Redaktion es erst bei allen anderen versucht, bevor sie bei mir anrufen. Weil letztlich ist das immer noch eine Tageszeitung und kein Clownspamphlet. Das sehe ich absolut ein. Als Redakteurin würde ich auch zuerst die richtigen Journalisten fragen, und bis klar ist, dass an dem Tag keiner kann, wird es schon mal später.

Mein Gewehr ist die Tastatur

Solange sitze ich am Schreibtisch wie ein Soldat im Schützengraben, der auf einen Einsatz wartet, der dann vielleicht einmal im Monat überhaupt kommt. Mein Gewehr ist die Tastatur, mein Magazin hat 26 Schuss plus Umlaute und Satzzeichen. Ratatatat. Ladehemmung kenne ich nicht.

Ich bin, wie das die Verhaltensbiologie nennt, konditioniert: Mein Körper reagiert automatisch auf bestimmte Schlüsselreize. Sobald am Donnerstag um elf das Telefon klingelt, zeige ich schon so eine Art pawlowschen Reflex. Klingeln, Auftrag, Honorar, Happi. Ich beginne schon, zu recherchieren, ehe ich überhaupt weiß, worüber ich schreiben soll. Gleichzeitig läuft der Speichel.

In der Beziehung bin ich wie so ein Rabe, der gelernt hat, auf ein Klingelzeichen hin mit seinem Schnabel ein Türchen zu öffnen, hinter dem sich Futter befindet.

Ich beginne schon zu recherchieren, ehe ich überhaupt weiß, worüber ich schreiben soll. Gleichzeitig läuft der Speichel

Raben finde ich ja toll. Also keine Krähen, sondern echte Kolkraben. „Der Rabe ist der klügste und schönste Vogel der Welt“, verkünde ich nonstop in so einem Mix aus Wikipedia und „BBC Earth“: „Er kann lesen, schreiben und singen. Und er wird hundertfünfzig Jahre alt.“ Ich wäre supergern ein Rabe. Dann wäre ich auch total klug.

Meine Frau findet das unangenehm nerdig – ebenso wie, dass ich ihr verboten habe, die Hirschkühe immer Rehe zu nennen, wie so’n beklopptes Kind. Wauwau, Muhkuh, Reh. Jetzt ärgert sie mich die ganze Zeit, indem sie zu Raben extra Krähen sagt, und zu Krähen Raben.

„Ach, wieder so 'ne Scheißkrähe“, sagt sie verschlagen, wenn ich im Wald fasziniert nach den majestätischen Vögeln Ausschau halte, die übrigens im Schnitt drei bis sechs gefleckte Eier legen. Ihre spöttische Ignoranz bringt mich zuverlässig zur Weißglut – das ist im Grunde auch wieder so eine Klingel, die man bei mir bloß zu drücken braucht.

Besonders originell finde ich das nicht. Es ist einfach nur niederträchtig, und allenfalls ein gradueller Unterschied zu Fieslingen, die herausgefunden haben, dass man andere Leute mobben kann, indem man ihnen ein Messer in den Rücken rammt. Toll, ganz toll. Glückwunsch für diese Sternstunde der Psychologie.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bitte keine Anfragen nach elf Uhr. Ich könnte ihnen das natürlich auch sagen, aber warum nicht stattdessen in diese Zeitung hereinschreiben? Vielleicht lesen sie die ja sogar, und das wäre dann viel eleganter. Dann haben sie es auch gleich schriftlich.

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