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Liebling der MassenLernkasse

Uli Hannemann
Kolumne
von Uli Hannemann

Schon irre, was die Menschheit für Prioritäten setzt oder eben nicht: Eine hygienisch-einfache Art, Brötchen abzukassieren, fehlt unserem Autor noch.

Brötchen mit Aussicht Foto: Martin Wagner/imago

W eil ich zwei Tüten mit verschiedenen Brötchen im Einkaufskorb habe, gehe ich heute ausnahmsweise nicht zur SB-Kasse. Mit den Backwaren ist das immer so mühsam dort, weil man nie weiß, wie die überhaupt heißen. An der Normalkasse sitzt dann allerdings ein junger Lehrling. Und hinter ihm steht eine Kollegin als Einweisungshilfe.

Der alte Einkaufshase in mir sieht sofort: Lernkasse. Das dauert wieder ewig. Erst recht mit Brötchen.

Kurz denke ich, dass sie das ja vielleicht sportlich sehen. Und sich über diese Brötchen-Challenge freuen. Da lernt der Lehrbursche mal so richtig was: Das Öffnen der Tüte, das Abzählen, die korrekte Bestimmung der einzelnen Sorten, die händische Eingabe – wo das Ziehen der Waren über den Scanner nur die langweilige Pflicht ist, wird jede Brötchentüte zur aufregenden Kür, ein Abenteuer für den werdenden Kassierer.

Mit roten Wangen wird er am Abend der Mutter davon berichten. Ein lustiger Milchrand umsäumt seinen plappernden Mund. Milde streicht ihm die Mama über den Schopf. Was der Bub dort alles lernt! Und die junge Kollegin, die ihm dort hilft, scheint er ja zu mögen. Wie er von ihr spricht. Bei dem einen Brötchen hat sie ihm total geholfen – da hatte er keine Ahnung, wie das hieß. Zwar fühlt sie sich noch zu jung, um Großmutter zu werden. Aber man kann nie wissen. Die jungen Leute gehen ja oft ihre eigenen Wege.

Doch in Wahrheit finden die das Ganze bloß superätzend. Die Kollegin würde lieber Dienst nach Vorschrift machen und der Lernende hat sowieso Angst vor Fehlern und außerplanmäßigen Komplikationen jeder Art. Er ist eben doch kein Abenteurer.

Bestimmt denkt er, ich wäre gar kein echter Kunde, sondern so ein von der Filialleitung gedungener Komparse, um hier die Lehrlinge zu stressen, indem ich mit einer tückisch gescripteten Schikane an seine Kasse komme.

Die Lernpatin des Kassenknaben weiß hingegen, dass es solche Dummys gar nicht gibt, sondern dass sie mit mir einfach bloß Riesenpech haben. Sie hadert nun natürlich, oh nein, oh verdammt, oh Hilfe, was für ein dämlicher Zufall, ausgerechnet jetzt, und dann auch noch mit zwei verfickten Brötchentüten voll verschissener Brötchen mit hundert verschiedenen, komplett idiotischen Fantasienamen.

Wie ich den Typen hasse, mit seiner blöden Fresse. Und wie unschuldig er tut. Der weiß doch ganz genau, was er uns hier zumutet. Warum nimmt er seinen Dreck nicht, und tippt ihn selber an der SB-Kasse ein? Womit habe ich das verdient? Der kleine Knalli hier gibt garantiert jedes falsch ein, das seh ich ja schon an der Angst in seinen ohnmächtigen Nagetieraugen, wie von so 'ner Wühlmaus, die im Rücken die Krallen der Eule spürt, und ich muss jedes einzeln kontrollieren, korrigieren und neu eingeben. Und am Ende darf ich diesen Brötchenarsch auch noch um Entschuldigung bitten, weil alles so lang gedauert hat (verstellt doof ihre Stimme: „Tut mir leid, danke für Ihre Geduld, tschüssi.“). Dabei kann ich doch gar nichts dafür. Hoffentlich ist bald Feierabend, ich kündige, ich bring mich um.

Das eigentlich Bemerkenswerte daran finde ich ja, dass man einerseits milliardenteure, hochkomplexe Tötungssysteme erfindet, und auf der anderen Seite die Brötchen wie im Pleistozän immer noch in stundenlanger Handarbeit abkassiert werden. Aus einer Tüte mit viel zu kleinem Sichtfenster, müssen die Teile halb ausgeleert, halb erraten und halb ertastet werden, alles in etwa so hygienisch wie wenn man den Schweinen das Futter in den Trog schüttet.

Und das alles zur gleichen Zeit auf ein und derselben Welt. Das ist schon irre, was die Menschheit für Prioritäten setzt.

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Uli Hannemann
Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.
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