Französischer Literaturpreis: Ein Haus voller Gewalt
Für einen dunklen Familienroman, der die Gewalterfahrungen der Weltkriege widerspiegelt, hat Laurent Mauvignier den renommierten Prix Goncourt gewonnen.
Dieses Haus hat es wirklich gegeben. Zwar nicht so groß wie im Roman „La maison vide“ (Das leere Haus), für den der 58-jährige Autor Laurent Mauvignier jetzt den renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt bekam. „Aber es war immer da, in Erzählungen meiner Kindheit. Da haben sich Phantasien dran geknüpft, und es ist immer größer geworden“, hat er einmal gesagt.
Groß ist auch der Erzählungs- und Erinnerungsraum des geerbten Landhauses, das der Vater des Protagonisten – und der Autor spricht sehr offen von Autofiktion – nach 20 Jahren öffnet und materielle Zeugen dreier Generationen der Familie findet. Ein Klavier ist darunter, eine versehrte Marmorkommode – und Familienfotos, aus denen das Gesicht seiner Großmutter herausgeschnitten ist.
Wer das tat, kann er auch im Roman, einer groß angelegten Familienrecherche, nur vermuten. Den Grund kennt er aber inzwischen: Die Großmutter hatte im Zweiten Weltkrieg eine Beziehung zu einem deutschen Besatzungssoldaten. Wie viele dieser Frauen in den einst besetzten Ländern war sie nach dem Krieg als „Deutschenflittchen“ geächtet und mit geschorenen Haaren durch die Straßen gejagt worden. „Als Kind fühlte ich mich schon schuldig, wenn ich nach ihr fragte“, sagt der in einer Arbeiterfamilie aufgewachsene Autor.
Umso dringlicher wollte er wissen, wer diese Großmutter war. Recherchiert hat er, der erst Kunst studierte und 1999 seinen ersten Roman herausbrachte, es dann literarisch und ist so Europas Geschichte des 20. Jahrhundert auf die Spur gekommen.
„Aber sind Männer selbstbestimmter?“
Schon in früheren Büchern hat Mauvignier die Körper und Psyche zerstörende Wucht des Kriegs benannt, etwa in „Wunde“ über einen traumatisierten Veteranen des Algerienkriegs. Auch in „Geschichten der Nacht“ geht es um aufbrechende Gewaltexzesse; erratische Biografien, die Auswirkungen von Gewalt.
In „La Maison vide“ ist das einerseits die autoritäre Gewalt gegen Frauen wie seine Urgroßmutter, deren Pianistinnentraum der Vater zerstörte. „Aber sind Männer selbstbestimmter?“, fragt Mauvignier. Sein Großvater starb als Soldat des Ersten Weltkriegs; man nannte es „Heldentod“. „Wie viel Spielraum hatten die – freiwilligen und unfreiwilligen – Soldaten, gefangen in tradierter und von Herrschenden befeuerter toxischer Männlichkeit?“
Mauvigniers Vater hat diese Brüche nicht mehr ausgehalten. Er nahm sich das Leben, als der Junge 16 war. Der Sohn umkreist seither schreibend den Tod.
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