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Franziska Gänslers Roman „Orca“Direct Action

Franziska Gänsler erzählt in ihrem desillusionierten Roman „Orca“ von Klimaprotesten und Rich Kids und bringt eine zeitgemäße Hauptfigur hervor.

Alles entwickelt sich langsam in diesem Roman und mit erstaunlich unerbittlicher Konsequenz. Zwei Häuser fungieren dabei als zentrale Schauplätze. Das eine ist ein altes Anwesen. Großer Garten mit Teich, Hühnern, unübersichtlicher Anordnung der Zimmer. Es gehört einem älteren Mann, „der Elson“ genannt, der es von seinem Ehemann geerbt hat. Zu Beginn des Romans steht es leer. Im Verlauf der Handlung werden hier junge Leute einziehen und eine linke Klimaprotest-WG à la Letzte Generation aufmachen, sich radikalisieren und von „Direct Action“ träumen.

Literataz zur Frankfurter Buchmesse 2026

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Das zweite Haus befindet sich in der Nachbarschaft, aber durch einen hohen blickdichten Zaun abgetrennt. Es ist eine moderne, kühl eingerichtete Villa, auch mit großem Garten, Schwimmbad. Sie wird von Putzteams und Gärtnern im halben Dutzend klinisch sauber gehalten und von zwei Personen, einer Managerin und ihrer Tochter, bewohnt.

Die beiden Häuser sind also Gegensätze, zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten, doch es existieren auch Gemeinsamkeiten: In beiden Kellern gibt es große Vorräte und für einen Ernstfall vorbereitete Räume. Wenn es hart auf hart kommt, kann man in der Villa das Wasser aus dem Schwimmbad trinken. Ein gedoppeltes Prepper-Szenario. Das apokalyptische Bewusstsein, dass ein Ernstfall eintreten könnte, womöglich unvermeidlich ist, eine Klimakatastrophe etwa, vielleicht damit verbundene Unruhen, bildet den Hintergrund des Romans.

Die andere Zeitebene

Und es gibt noch einen dritten Schauplatz, der zunächst gar nicht zu den beiden Anwesen passen mag: eine Fleischtheke in einem Supermarkt. Er liegt auf einer anderen Zeitebene. Von hier aus wird die Vorgeschichte in Rückblenden erzählt. Dabei wird von Anfang an klar, dass es zu einem Verhängnis gekommen ist.

Das Buch

Franziska Gänsler: „Orca“. Kein und Aber, Zürich 2026. 368 Seiten, 25 Euro

Eine junge Frau, Olympia, ist unter Terroranklagen verhaftet worden. Cora, ihre Freundin, hat ihren Lebenstraum, an einer ausländischen Elite-Universität zu studieren, nicht verwirklichen können. Sie ist Verkäuferin an der Fleischtheke geworden. Beides hängt zusammen. Was genau geschehen ist, wird dann, Schritt für Schritt, offengelegt.

Es kann einem seltsam gehen mit diesem dritten Roman „Orca“ der 1987 geborenen Schriftstellerin Franziska Gänsler. Auf der Plotebene erscheint er überorchestriert, als hätte sich die Autorin nicht für ein Thema entscheiden können.

Überzeugend zeitgemäße Hauptfigur

Der Roman zeichnet auch ein Porträt der mit den sozialen Medien Aufgewachsenen

Die Dynamiken des aktivistischen Klimaprotestes, das Leben unter Rich Kids, auch die Arbeitswelt im Mindestlohnsektor – jedes einzelne dieser Themen hätte einen eigenen Roman verdient, und keins dieser Themen ist sonderlich originell. Doch das Bemerkenswerte ist, indem dieser Roman diese Themen miteinander vermengt, bringt er eine überzeugende und zeitgemäße Hauptfigur hervor.

Das ist Cora, die Ich-Erzählerin. Sie ist bei allen Themensträngen dabei, gehört aber bei keinem selbstverständlich dazu. Da sie ihre Schule abschließen will, zieht sie in letzter Konsequenz nicht in das sich zum Protestcamp wandelnde Anwesen ein. In der Schule wiederum, einem Gymnasium für reiche Leute, in das sie nur durch ein Stipendium hineingekommen ist, bleibt sie eine Außenseiterin. In den Supermarkt passt sie auch nicht richtig; sie arbeitet dort wie in einem Exil.

Immer dabei, doch nie selbstverständlich Teil der Gruppe, das ist für die Figur anstrengend, aber zugleich auch eine ideale Position als Erzählerin. Sie muss ständig genau hinsehen, ihr Verhalten kontrollieren, Codes dechiffrieren, aus Mimiken und Tonfällen herauslesen, was gerade von ihr erwartet wird. Franziska Gänsler nutzt das für genaue Beschreibungen. „Der Geruch der Fleischtheke ist etwas, das mir für immer bleiben wird …“

Mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte

Dabei lässt Franziska Gänsler einen in Bezug auf diese Ich-Erzählerin eine Entwicklung durchlaufen. Zunächst meint man noch, dass man sich im Sinne einer Coming-of-Age-Geschichte mit ihr identifizieren soll. Einschlägige Marker werden dazu abgerufen: Cora hört Billie Eilish, liest Sylvia Plaths „Glasglocke“, betreibt Fitness, hat schwierige Eltern, die die Corona-Epidemie ungut verarbeiten (einer von vielen interessanten Seitensträngen: Die Eltern können es sich als prekär arbeitende Über­set­ze­r*in­nen auch nicht leisten, krank zu werden).

Doch bald baut Franziska Gänsler Distanzierungen in die Figurenzeichnung ein. Nicht nur, dass der Roman von erst leisen, dann deutlicher werdenden Gewaltszenen durchzogen ist. Diese Cora hat auch zu sehr ein Anpassungsthema. Ständig ist sie damit beschäftigt, Erwartungen erfüllen zu wollen, und sei es mit Tricks, oft sieht sie sich selbst mit den Augen der anderen. Eine kleine Bemerkung, sogar nur eine Modulation in der Stimme, ein kurzes Zögern kann bei ihr ein Drama hervorrufen.

Franziska Gänsler zeichnet hier auch ein Porträt der mit den sozialen Medien Aufgewachsenen, die permanent ihren selbst produzierten Bildern von sich hinterherlaufen, zwischen Ich-Wahrnehmung und internalisierter Außen-Wahrnehmung gibt es oft keine Schranke mehr.

Jeder manipuliert jeden

Auf die eine oder andere Weise sind die Figuren außerdem ständig dabei, sich gegenseitig subtil zu manipulieren. Irgendwann glaubt diese Cora, sie könne beides haben, die Nähe zum Rich Kid Lilian und die Anerkennung ihrer in der Protest-WG wohnenden Freundinnen Ariel und Olympia, doch es ist die ganze Zeit über klar: Das kann nicht gutgehen. Und es geht auch nicht gut.

Insgesamt ist „Orca“ ein zutiefst desillusionierter Roman mit einem differenzierten Figurentableau. Dass die Managerin Elionore Brecht mit ihrem Einsatz für Flüssiggasterminals die Welt nicht besser macht, wird in dem Buch vorausgesetzt. Doch auch sie ist keine rundum negative Figur. Ihrem sicheren Auftreten nach außen hin stehen Ängste und nervöse Anfälle, die sie mit Tabletten bekämpft, gegenüber.

Im Umgang mit Cora, die mit ihrer Tochter Lilian eine Beziehung eingeht, in der Nähe und Ausnutzung nicht voneinander zu trennen sind, wirkt Elionore Brecht auch sympathisch. Überhaupt, emotional komplexe Gesprächssituationen kann Franziska Gänsler sehr gut schildern.

Aber auch die Gemeinschaft der Protestierenden wird keineswegs als heile Gegenwelt gezeichnet. Es gibt Sprücheklopferei: „Wir checken, glaub’ einfach nicht mehr, wo du ideologisch stehst.“ (Zugleich ein gutes Beispiel dafür, dass Franziska Gänsler den aktuellen Politjargon gut drauf hat.) Und in der Nebenfigur des Chefprotestlers Ben gibt es in der Gruppe auch Mackertum (wobei zu sagen ist, dass Männer in diesem Buch sowieso eigentlich durch die Bank schlecht wegkommen; mit Ausnahme des idealistischen Hausbesitzers Elson vielleicht).

Was bleibt? Am Schluss drückt Franziska Gänsler etwas zu sehr auf die Tube. Egal. Der allerletzte Satz ist dann wieder großartig. „Ohne mich wäre nichts von alledem passiert.“ Ist das wieder eine ihrer Selbstinszenierungen? Oder gibt es für Cora im Erzählen die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis?

Man wünscht ihr Letzteres. Man weiß es aber nicht.

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