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Fo­to­gra­f*in­nen über Rechtsruck„Es gibt immer wieder dieselben visuellen Fallen“

Wie kann man sich vom Rechtsruck ein Bild machen? Diese Frage treibt Rosa Burczyk, Thomas Victor und Stella Weiß vom Fo­to­gra­f*in­nen-Netzwerk Shift um.

Lilly Schröder

Interview von

Lilly Schröder

Stella Weiß (30), Rosa Burczyk (27) und Thomas Victor (43) sind Teil von Shift. Das Netzwerk aus neun Fo­to­jour­na­lis­t*in­nen und Do­ku­men­tar­fo­to­gra­f*in­nen hat sich im Frühjahr 2025 gegründet und setzt sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck in Deutschland auseinander. Rosa Burczyk und Stella Weiß porträtieren in ihrer Bildserie „Und morgen nichts wie gestern“ Menschen, die im sächsischen Riesa geblieben sind, um vor Ort eine Alternative zu schaffen, während Thomas Victor in seiner Serie „Blauer Schatten“ die Propaganda der AfD untersucht und ihre Wirkung in die Gesellschaft hinein.

taz: Frau Burczyk, Herr Victor und Frau Weiß, Sie sind Teil von Shift, einem Netzwerk von Fo­to­gra­f*in­nen, die in ihren Arbeiten rechte Gewalt, AfD-Propaganda, Neonazi-Aufmärsche sowie solidarische Gegenentwürfe untersuchen. Was muss man bei der Darstellung des Rechtsrucks vermeiden, um nicht unbeabsichtigt Narrative rechter Akteure zu reproduzieren?

Thomas Victor: Das ist die schwierigste Frage, die wir uns immer wieder stellen und viel diskutieren. Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es gibt unterschiedliche Wege, dieses Thema zu fotografieren. Wichtig ist, darauf zu achten, welche visuellen Narrative einem von rechten Playern vorgegeben werden, die man im Zweifel unbewusst übernimmt. Es geht also darum, wachsam und selbstkritisch zu bleiben.

Rosa Burczyk: Wir versuchen das über die Varianz der Arbeiten zu lösen. Ein einzelnes Bild lässt viel Interpretationsspielraum. Wenn es neben anderen Arbeiten steht, die das Thema aus weiteren Perspektiven beleuchten, fällt die Einordnung deutlich leichter. Das muss man auch bei der Kuration bedenken. In unserer Gruppenausstellung bei der Triennale Expanded 2026 Anfang Juni in Hamburg hätten deshalb manche Motive nicht nebeneinander funktioniert.

taz: Das Netzwerk hat sich im Frühjahr 2025 gegründet. Was war die Motivation?

Burczyk: Wir haben uns gegründet als Reaktion auf den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland und weltweit. Aktuell sind wir neun Dokumentarfotograf*innen, die sich in ihrer Arbeit kritisch und auf unterschiedliche Weise mit dem Erstarken der Rechten auseinandersetzen. Mit dem Zusammenschluss möchten wir Räume für eine konstruktive und lösungsorientierte Auseinandersetzung schaffen und Kräfte bündeln. Wenn viele Perspektiven zusammenkommen, entsteht eine andere Wucht.

Victor: Einige von uns kannten sich schon von AfD-Veranstaltungen. Wir haben festgestellt, dass es immer dieselben visuellen Fallen gibt. Je­de*r entwickelt für sich eine Bildsprache, um mit der extremen Rechten umzugehen, aber das ist allein viel schwerer als in der Gruppe.

taz: Stella Weiß, Rosa Burczyk, Ihre Arbeit porträtiert Menschen, die trotz des Rechtsrucks im sächsischen Riesa bleiben und sich engagieren. Warum haben Sie diesen Fokus gewählt?

Weiß: Wir wollten der einseitigen Berichterstattung über den Osten etwas entgegensetzen. Sie ist oft sehr negativ und suggeriert, dass er rechts und abgehängt sei, es vor allem Nazi-Aufmärsche und AfD-Wähler gebe. Bei den Landtagswahlen 2024 wählten in Riesa circa 40 Prozent rechte Parteien. Aber das ist nicht alles. Wenn man immer nur diese Bilder zeigt, verfestigen sie sich auch in den Köpfen. Wir wollten bewusst Gegenperspektiven schaffen, indem wir Menschen in den Vordergrund rücken, die vor Ort eine Alternative schaffen. Die muss nicht immer explizit politisch sein. Es kann auch ein Café sein oder jemand, der Ziegenwanderungen anbietet und damit Begegnungsräume schafft.

taz: 2024 haben Sie die Serie „Und morgen nichts wie gestern“ über Leben in Riesa auch in Riesa ausgestellt. Wie wurde das angenommen?

Weiß: Für die Menschen vor Ort war es sehr empowernd zu erleben, dass sie gehört und ihre Geschichten erzählt werden.

Victor: Bei unserer Gruppenausstellung erleben wir, dass die Leute dankbar sind, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Aber wir waren auch immer in Großstädten, ein Mal in Berlin und zwei Mal in Hamburg. Wenn wir es finanziert bekommen, wollen wir mit der Ausstellung stärker in den ländlichen Raum gehen. Dort ist der Bedarf an solchen Plattformen deutlich größer.

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