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Feministin über das Gesellschaftssystem„Wir sollten das Patriarchat auf die Couch schicken“

Das straff organisierte Patriachat ist für feministische Kräfte gefährlich. Dagegen hilft die Suche nach Gemeinsamkeiten, glaubt Katharina Linnepe.

taz: Frau Linnepe, wir erleben derzeit, durch rechtskonservative und populistische Beharrungskräfte wie die AfD, ein Wiedererstarken patriarchaler Strukturen, einen frauen- und queerfeindlichen Backlash. Wie fundamental ist der?

Katharina Linnepe: Der ist schon merklich. Das Patriarchat ist gut und straff organisiert. Viele Kräfte spielen sich gut in die Karten und sind dabei auch noch gut finanziert. Das macht es gefährlich, erdrückend, für feministische Kräfte sehr ermüdend. Und dass das Patriarchale nie weg war, spüren wir an seinen Drohgebärden.

taz: Welche Drohgebärden nehmen Sie wahr?

Linnepe: Das reicht von der großen politischen Geste bis zum Alltäglichen. Wer sich, wie ich, dem Internet aussetzt, erlebt Hasskommentare. Da wird es mitunter sehr hässlich.

Im Interview: Katharina Linnepe

42, Moderatorin, Autorin, Comedienne und feministische Stimme im Netz. Sie hat Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie studiert und eine Ausbildung zur feministischen Coachin absolviert. Ihre Instagram-Serie „Wenn das Patriarchat in Therapie geht“ bespielt zugleich Humor und Aktivismus. Ihr gleichnamiges Sachbuch ist 2025 bei Beltz erschienen.

taz: Hoffnungsvolle Stimmen sagen: Das ist keine neue Stärke des Patriarchats, sondern ein Widerhall auf den Niedergang männlicher Machtpositionen, also eigentlich ein Ausdruck von Schwäche.

Linnepe: Da würde ich mitgehen. Vor allem ist es Ausdruck einer großen Dysfunktionalität. Um Jahrtausende zu überleben, musste sich das Patriarchat Mal um Mal neu inszenieren, über immer neue Erzählungen. Derzeit tut es das über das Narrativ neuer Stärke.

Die Empathie hört da auf, wo ich Feminismus schönrede, um Gefühle von Männern nicht zu verletzen

taz: Dysfunktionalität ist ein gutes Stichwort: Sie verschreiben dem Patienten Patriarchat in Ihrer Instagram-Serie eine Therapie. Was meinen Sie damit?

Linnepe: Es ist ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn nicht wir in Therapie gingen und uns ständig an uns selbst abarbeiten, sondern unser Gesellschaftssystem auf die Couch schickten? Für einen Therapieerfolg sieht es zwar schlecht aus, aber es ist einen Versuch wert.

taz: Sich selbst attestieren sie ein „anarchistisches Oberstübchen“. Wie hilft Ihnen das, wenn es um Geschlechterrollen geht?

Linnepe: Viele haben Angst vor der Anarchie, weil sie denken, sie bedeutet die Abwesenheit von Regeln. Aber sie bedeutet die Abwesenheit von Herrschaft. Das Patriarchat hat Herrschaft in unsere Welt getragen. Wer sich herrschaftsfreie Räume denken will, eine feministische Utopie, braucht ein durch und durch anarchistisches Fundament.

taz: Können Sie nachvollziehen, dass das bei manchen Menschen Ängste auslöst?

Linnepe: Natürlich. Darum brauchen wir Empathie, um Diskursräume zu öffnen, in denen diese Ängste zurückgelassen werden können. Aber diese Empathie hört da auf, wo ich Feminismus schönrede, um Gefühle von Männern nicht zu verletzen. Wir müssen an die Schmerzgrenze gehen, sonst erreichen wir keine Heilung, keine kritische Männlichkeit.

Lesung und Gespräch

„Wie fühlst du dich, Patriarchat und wie fühlen sich brutal fragile Typen mit dir?“ Katharina Linnepe und Ole Liebl befassen sich in der Reihe „We against silencing“ mit Geschlechterrollenschemata, emotionaler Verantwortung, Selbstwirksamkeit und Identitätsgewinn. 7. Juli, 18.30 Uhr, Museumsquartier Osnabrück, Eintritt:€5-, ermäßigt €3,-, U18 frei

taz: Ist eine geschlechtsneutrale Gesellschaft denkbar?

Linnepe: Geschlechtsneutralität klingt mir etwas verkopft. Mir würde es reichen, wenn wir Menschlichkeit anstreben, uns als Seelen anerkennen. Wir brauchen Zugehörigkeit.

taz: Wie erreichen wir die?

Linnepe: Der bequemste Weg führt über Gruppenbildung, über die Ausgrenzung des vermeintlich Fremden. Der anstrengendere, aber auch nachhaltigere Weg ist die Suche nach Gemeinsamkeiten.

taz: Wer gegen etwas so Wirkmächtiges wie das Patriarchat antritt, braucht Verbündete. Wo gibt es die?

Linnepe: Überall, auch an unverhofften Orten. Man braucht aber das richtige Mittel, um Menschen anzusprechen. Mit Humor funktioniert das ganz gut. Man kommt mit einem Trojanischen Pferd rein und vermittelt: Ihr könnt mit uns Spaß haben, eine richtig gute Zeit. Aber es gibt eine Bedingung: Lasst euch kurz auf unsere Lebensrealität ein. Das öffnet Bubbles. Auf beiden Seiten.

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