Fall Fernandes und Ulmen: Ich will mit Männern leben
Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar. Doch ich will ein Zusammenleben trotzdem nicht aufgeben.
W enn ich meine Instagram-Timeline vom vergangenen Wochenende in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre es: Wut. Es sind vornehmlich Frauen, die posten, sie können, wollen und werden nicht mehr aushalten, wie der Hass der Männer tagtäglich auf uns einschlägt. Es war einer dieser Momente, in dem ein feministisches Wir spürbar war. Ein Wir, das aufschreit. Das sagt: Es kann so nicht weitergehen. Grund für den Aufschrei waren die Vorwürfe, die die Schauspielerin Collien Fernandes gegenüber ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt.
Bei den Vorwürfen geht es um digitale Gewalt, um das Erstellen von Fake-Profilen und pornografischen Deepfakes, aber auch um körperliche Übergriffe. Fernandes hatte sie bei Instagram öffentlich gemacht, der Spiegel berichtete am Donnerstag ausführlich. In Spanien, wo Fernandes Anzeige erstattet hat, laufen derzeit Ermittlungen. Christian Ulmen ließ die Fragen des Spiegels unbeantwortet, auch eine Anfrage der taz blieb ohne Antwort. Sein Anwalt Christian Schertz spricht von einer in großen Teilen „unzulässigen Verdachtsberichterstattung“. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Die kollektive Wut der Feministinnen, die nicht nur in sozialen Medien, sondern auch auf der Straße zu hören ist, richtet sich nicht gegen ein Monster allein. Es ist ein Ausbruch über den Zustand, in dem wir leben und an dem sich trotz allen Recherchen, trotz #MeToo, trotz so vieler Männer, die sich gern als Feministen bezeichnen, nichts ändert. Unter die Wut mischten sich weitere Gefühle. Bewunderung für Collien Fernandes, die entschieden hat, dass die Scham die Seite wechseln muss. Aber auch Trauer und Resignation: Wie soll das weitergehen mit uns und den Männern?
Eine Antwort gefunden
Diese Frage hat sich auch die französische Philosophin Manon Garcia gestellt, nachdem sie Monate lang den Prozess um Gisèle Pelicot verfolgt hat. Dort hat sie Videos gesehen, in denen Männer reihenweise eine bewusstlose Frau vergewaltigen. Sie hat Männer gesehen, die zum Prozess gekommen sind, weil sie diese Videos als pornografisches Material begreifen. Sie hat über Monate grausame Schilderungen gehört, gelesen und gesehen und fragt sich daraufhin: Wie soll ich jetzt in meine heterosexuelle Beziehungen zurückgehen? Wie sollen wir Frauen mit Männern leben? Wie soll das gehen, wenn sie uns hassen?
Der Fall Ulmen/Fernandes hat viele Reaktionen ausgelöst. Eine ist der Aufruf des neu gegründete Bündnisses „Feminist Fight Club“ und die Initiative „Nur Ja heißt Ja“ zu einer Demonstration am Sonntag ab 16 Uhr am Brandenburger Tor in Berlin. Das Bündnis kritisiert strukturelle Missstände und Gesetzeslücken im Kontext von digitaler und analoger sexualisierter Gewalt in Deutschland.
In den letzten Tagen höre ich von immer mehr Frauen, die eine Antwort auf diese Fragen gefunden haben. Sie wollen nicht mehr mit Männern leben. Sie meiden sie, sie wollen sie nicht mehr lieben und daten, sie brechen Kontakte ab. Männer sind nur noch Randnotiz in ihren Leben, sagt eine. Ich bleibe im Zölibat, eine andere.
Ich kann die Entscheidung dieser Frauen nachvollziehen. Schrieb selbst in der taz vor einigen Wochen – nachdem die Epstein-Files weitere grausame Details über ein elitäres Netzwerk aus Vergewaltigern offenlegte –, dass ich langsam nicht mehr weiß, wie ein Zusammenleben der Geschlechter funktionieren solle. Es gibt zu viele Berichte von Männern, die Frauen und Kinder schlagen, unter Drogen versetzen, vergewaltigen. Es gibt zu viele Zahlen, die beweisen, dass die Männer nicht die Minderheit sind, sondern dass Gewalt gegen Frauen, Queers und Kinder Alltag ist.
Meine Welt soll nicht kleiner werden
Doch trotz allem funktioniert für mich die Antwort nicht. Ich möchte mit Männern leben. Möchte Zugang zu allen Räumen haben, will mich nicht einschränken und meine Welt kleiner werden lassen. Aber es geht nicht nur darum, was ich persönlich möchte. Ich fürchte auch die gesellschaftlichen Konsequenzen, wenn die Antwort, auf die Frage, wie wir mir Männern leben können, lautet: Es geht nicht.
Patriarchale Strukturen bekämpfen wir nicht, indem wir uns aus allen Räumen zurückziehen, in denen Männer dominieren. Denn das sind im Patriarchat eine ganze Menge. Auch droht Gefahr, wenn wir die Verantwortung auf die Individuen abschieben. Denn was passiert mit einer Frau, die sich entschließt weiter mit Männern zu leben? Ist sie dann selbst schuld, wenn sie Opfer wird?
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Wenn ein Zusammenleben der Geschlechter funktionieren soll, sind jetzt die anderen gefragt. Es sind Männer, die dafür sorgen müssen, dass wir weiter mit ihnen leben können. Sie müssen unsere kollektive Wut teilen. Sie sollen hart werden im Kampf gegen jede Form von patriarchaler Gewalt und weich werden in ihrer Männlichkeit. Anders wird es nicht gehen. Anders können wir nicht weiter mit ihnen zusammenleben.
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