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Fall Fernandes und UlmenIch will mit Männern leben

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar. Doch ich will ein Zusammenleben trotzdem nicht aufgeben.

Oft sind die Täter Männer, mit denen Frauen ihre Betten teilen Foto: Yuri Arcurs/peopleimages/imago

W enn ich meine Instagram-Timeline vom vergangenen Wochenende in einem Wort zusammenfassen sollte, wäre es: Wut. Es sind vornehmlich Frauen, die posten, sie können, wollen und werden nicht mehr aushalten, wie der Hass der Männer tagtäglich auf uns einschlägt. Es war einer dieser Momente, in dem ein feministisches Wir spürbar war. Ein Wir, das aufschreit. Das sagt: Es kann so nicht weitergehen. Grund für den Aufschrei waren die Vorwürfe, die die Schauspielerin Collien Fernandes gegenüber ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt.

Bei den Vorwürfen geht es um digitale Gewalt, um das Erstellen von Fake-Profilen und pornografischen Deepfakes, aber auch um körperliche Übergriffe. Fernandes hatte sie bei Instagram öffentlich gemacht, der Spiegel berichtete am Donnerstag ausführlich. In Spanien, wo Fernandes Anzeige erstattet hat, laufen derzeit Ermittlungen. Christian Ulmen ließ die Fragen des Spiegels unbeantwortet, auch eine Anfrage der taz blieb ohne Antwort. Sein Anwalt Christian Schertz spricht von einer in großen Teilen „unzulässigen Verdachtsberichterstattung“. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Die kollektive Wut der Feministinnen, die nicht nur in sozialen Medien, sondern auch auf der Straße zu hören ist, richtet sich nicht gegen ein Monster allein. Es ist ein Ausbruch über den Zustand, in dem wir leben und an dem sich trotz allen Recherchen, trotz #MeToo, trotz so vieler Männer, die sich gern als Feministen bezeichnen, nichts ändert. Unter die Wut mischten sich weitere Gefühle. Bewunderung für Collien Fernandes, die entschieden hat, dass die Scham die Seite wechseln muss. Aber auch Trauer und Resignation: Wie soll das weitergehen mit uns und den Männern?

Eine Antwort gefunden

Diese Frage hat sich auch die französische Philosophin Manon Garcia gestellt, nachdem sie Monate lang den Prozess um Gisèle Pelicot verfolgt hat. Dort hat sie Videos gesehen, in denen Männer reihenweise eine bewusstlose Frau vergewaltigen. Sie hat Männer gesehen, die zum Prozess gekommen sind, weil sie diese Videos als pornografisches Material begreifen. Sie hat über Monate grausame Schilderungen gehört, gelesen und gesehen und fragt sich daraufhin: Wie soll ich jetzt in meine heterosexuelle Beziehungen zurückgehen? Wie sollen wir Frauen mit Männern leben? Wie soll das gehen, wenn sie uns hassen?

Feministinnen rufen zum Protest am Sonntag

Der Fall Ulmen/Fernandes hat viele Reaktionen ausgelöst. Eine ist der Aufruf des neu gegründete Bündnisses „Feminist Fight Club“ und die Initiative „Nur Ja heißt Ja“ zu einer Demonstration am Sonntag ab 16 Uhr am Brandenburger Tor in Berlin. Das Bündnis kritisiert strukturelle Missstände und Gesetzeslücken im Kontext von digitaler und analoger sexualisierter Gewalt in Deutschland.

In den letzten Tagen höre ich von immer mehr Frauen, die eine Antwort auf diese Fragen gefunden haben. Sie wollen nicht mehr mit Männern leben. Sie meiden sie, sie wollen sie nicht mehr lieben und daten, sie brechen Kontakte ab. Männer sind nur noch Randnotiz in ihren Leben, sagt eine. Ich bleibe im Zölibat, eine andere.

Ich kann die Entscheidung dieser Frauen nachvollziehen. Schrieb selbst in der taz vor einigen Wochen – nachdem die Epstein-Files weitere grausame Details über ein elitäres Netzwerk aus Vergewaltigern offenlegte –, dass ich langsam nicht mehr weiß, wie ein Zusammenleben der Geschlechter funktionieren solle. Es gibt zu viele Berichte von Männern, die Frauen und Kinder schlagen, unter Drogen versetzen, vergewaltigen. Es gibt zu viele Zahlen, die beweisen, dass die Männer nicht die Minderheit sind, sondern dass Gewalt gegen Frauen, Queers und Kinder Alltag ist.

Meine Welt soll nicht kleiner werden

Doch trotz allem funktioniert für mich die Antwort nicht. Ich möchte mit Männern leben. Möchte Zugang zu allen Räumen haben, will mich nicht einschränken und meine Welt kleiner werden lassen. Aber es geht nicht nur darum, was ich persönlich möchte. Ich fürchte auch die gesellschaftlichen Konsequenzen, wenn die Antwort, auf die Frage, wie wir mir Männern leben können, lautet: Es geht nicht.

Patriarchale Strukturen bekämpfen wir nicht, indem wir uns aus allen Räumen zurückziehen, in denen Männer dominieren. Denn das sind im Patriarchat eine ganze Menge. Auch droht Gefahr, wenn wir die Verantwortung auf die Individuen abschieben. Denn was passiert mit einer Frau, die sich entschließt weiter mit Männern zu leben? Ist sie dann selbst schuld, wenn sie Opfer wird?

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Wenn ein Zusammenleben der Geschlechter funktionieren soll, sind jetzt die anderen gefragt. Es sind Männer, die dafür sorgen müssen, dass wir weiter mit ihnen leben können. Sie müssen unsere kollektive Wut teilen. Sie sollen hart werden im Kampf gegen jede Form von patriarchaler Gewalt und weich werden in ihrer Männlichkeit. Anders wird es nicht gehen. Anders können wir nicht weiter mit ihnen zusammenleben.

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Carolina Schwarz
Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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15 Kommentare

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  • > Wie soll das gehen, wenn sie uns hassen?

    Als ob alle Männer misogyn sind.

    > Anders wird es nicht gehen. Anders können wir nicht weiter mit ihnen zusammenleben.

    Was man dieser Debatte wieder anmerkt: Sie spielt den Rechten zu, indem es wieder einmal darum geht Menschen zu entzweien und gegeneinander aufzubringen.

    Man wird Misogynie nicht dadurch los, dass man den Teufel mit dem Belsebub austreibt. Man wird die Welt nicht mit unrealistischen Ultimativforderungen verbessern, sondern allenfalls neues Unheil schaffen.

    Angst und Wut und Hass sind das Gift, das unsere Demokratie zerstört.

    Damit spreche ich natürlich nicht die Männer von ihrer Verantwortung frei sich hier für die Frauen zu engagieren. Zugleich halte ich aber genau diese spalterische Ausdrucksweise der Autorin für extrem gefährlich, weil sie eine realistische Solidarität zwischen Frauen und Männern fast zur Unmöglichkeit erklärt.

  • Die Einzelfälle summieren sich. Aber summiert es sich auf 50% der Bevölkerung? Im persönlichen Umfeld kennt man doch irgendwie kaum jeMANNden dem man das zutraut. Daher hilft auch nicht die weiche gesamtgesellschaftliche Forderung, dass die anderen Männer sich ändern müssen. Wenn es wirklich systemisch ist, woher kommt es dann? Was sind die Ursachen? Eine Absprache oder Initiation unter Männern ist es wohl nicht.

    Es muss rechtlich gegen jede Gewaltform vorgegangen werden.

  • Der Text hat beim Problem recht, biegt dann aber falsch ab. Aus realer Gewalt und echtem Vertrauensverlust wird hier fast automatisch ein generelles Misstrauen gegen Männer gemacht. Das ist mir zu einfach.

    Zwischen blindem Vertrauen und komplettem Rückzug gibt es ja noch ein ganzes Leben dazwischen. Menschen achten auf Verhalten, Situationen und Warnzeichen, nicht nur auf Geschlecht. Genau deshalb wirkt der Text am Ende so grob.

    Verständlich ist diese Wut total. Aber verständlich heißt eben noch nicht automatisch klug oder alternativlos. Da wirds mir zu pauschal.

  • Es gibt durchaus Studien, die nachweisen, dass es eine Art fossile Männlichkeit gibt, eine männliche Fleischlust und ein männliches Gewaltgen. Dennoch wäre es sehr verkürzt, sich vorzustellen, eine Welt ohne Männer wäre automatisch gesünder, fairer und nachhaltiger. Denn auch wenn Männer in patriarchal organisierten Gesellschaften die Gewalt ausüben, bleibt sie doch in der Masse auch durch Frauen legitimiert. Das ist in Russland so, in China, in den USA und in Europa. Ich frage mich schon lange, woher die weibliche Ohnmacht eigentlich stammt, obwohl Frauen doch das Monopol auf Fortpflanzung haben. Vielleicht sollten Frauen die Welt gesund schrumpfen, vielleicht sollten sie massenhaft männliche Föten abtreiben – wäre das der Weg?

    • @Eichhörnchen99:

      "Massenhaft männliche Föten abtreiben" als Lösung, really? Wie wäre es damit, Jungs zu erziehen und zu freundlichen Mitmenschen zu sozialisieren? Und ja, da sind v.a. auch sozialkompetente Männer als Rolex Models gefragt, von den Vätern über Lehrer zum Fußballtrainer gefragt. Die soll es ja auch geben.

      • @DC Fix:

        Huch, da ist die Ironie wohl nicht gut rübergekommen. Aber in der Tat müsste eventuell mal ein Profil erarbeitet werden: Was ist in der Erziehung von Lindemann, Ulmen, Trump, Epstein, Pelicot, OJ Simpson, Prince Andrew, Johnny Depp use falsch gelaufen? Waren es immer die falschen Vorbilder? Fehlende weibliche Persönlichkeiten in der Erziehung? Patriarchale Schulbildung und Erziehung, Popkultur etc.? Was ist es, das nun wirklich global, durch jede Kultur und Religion hindurch, schon seit der Steinzeit auf die Menschheit einwirkt, sodass sie sich patriarchal organisiert und Männer flächendeckend korrumpiert? Ich denke an Schimpansen und Bonobos, die in der Evolution durch einen Fluss voneinander getrennt wurden: Die einen sind patriarchal, brutal und aggressiv, die anderen matriarchal und von Natur aus wesentlich friedlicher. Ist es am Ende einfach Biologie?

    • @Eichhörnchen99:

      Es ist gar nicht nötig massenhaft männliche Föten abzutreiben, es reicht sich bei der Partnerwahl bewusst für Männer zu entscheiden, die eben nicht die Macker sind. Warum haben denn viele der Axxxxlöcher noch Frauen, die sie anhimmeln und bewundern?

  • Ungleichheit auf die andere Seite zu verschieben ist keine Lösung.



    Auch Menschen strikt in weiblich und männlich zu teilen, führt nicht zu Gerechtigkeit.



    Gerechtigkeit bedeutet Regeln, die für alle gelten – unabhängig von Geschlecht.

    Wir sind historisch erst am Anfang der Sichtbarmachung.



    Menschenrechte brauchten Jahrhunderte, bis sie ernst genommen wurden.



    Und selbst Themen wie die sexuelle Zufriedenheit von Frauen werden erst seit wenigen Jahrzehnten offen diskutiert.

    Das zeigt nicht, dass die Debatte zu weit geht.



    Es zeigt, dass wir noch lernen, Gleichheit wirklich zu verstehen.



    Keiner ist besser – aber alle sind gleich viel wert.

    Sorry, Ki musste helfen meinen Gedanken eine Form zu geben.

  • Es gibt glücklicherweise noch genug anständige Männer, die in der Mehrheit sind. Wie man als Frau solch ein Exemplar identifizieren kann, ist eine sehr interessante Frage.

  • ich glaube dass die grenze nicht zwischen männern und frauen, rechts und links, usw. verläuft sondern eine unsichtbare ist: zwischen menschen mit empathie und menschen ohne empathie.

  • Ich selbst bin über 70 und Witwe, mich interessiert Zusammenleben nicht mehr. Aber ich habe in den letzten Monaten sehr ernsthaft über diese Fragen nachgedacht. Es ist ja nicht nur der immer weniger verheimlichte Frauenhass, das Problem ist ja noch viel größer. Solche Typen wie Putin, Trump, Natanjahu und all die anderen, die würde es unter Frauen nur in Ausnahmefällen geben. Man sieht es an der Arbeitsweise von Frauen, dass sie viel eher im Team arbeiten, dass sie kommunizieren statt sich zu bekämpfen. Dieser ewige Wettkampf, dieses Mackertum, das macht unsere ganze Welt kaputt. Ich bin der Meinung, wir brauchen die Männer nicht. Wir könnten in einer friedlichen Welt mit gesunder Umwelt sehr gut ohne sie leben. Kriege, Umweltzerstörung, Frauenhass - das alles ist männlich. Lasst uns ein weltweites Matriarchat einführen!

    • @Stinepizza :

      > Solche Typen wie Putin, Trump, Natanjahu und all die anderen, die würde es unter Frauen nur in Ausnahmefällen geben

      Die sind auch unter Männern nur Ausnahmefälle. Und der Track Record der mächtigen Frauen im 20. und 21. Jahrhundert sieht auch nicht überragend aus. Vielleicht ist ja das Problem eher die Hierarche und nicht das Patriachat.

    • @Stinepizza :

      Trump wurde von x Frauen gewählt, alle wussten wahrscheinlich von seinen frauenverachtenden Aussagen. Die Auswertung der Epstein Files unterliegt aktuell Pam Bondi, einer Frau. Die kürzlich geschasste ICE Führerin - eine Frau. Wer erinnert sich nicht noch an Margaret Thatcher? Ich fürchte, so einfach ist die Lösung leider nicht. Btw, haben nicht alle diese fiesen Typen Mütter?

    • @Stinepizza :

      "Ich bin der Meinung, wir brauchen die Männer nicht. Wir könnten in einer friedlichen Welt mit gesunder Umwelt sehr gut ohne sie leben."



      Was ich, glaube ich, niemals verstehen werde: Wenn ich den gleichen Kommentar über ein anderes essenzielles Merkmal geschrieben hätte (z.B. Hautfarbe, "Ich bin der Meinung, wir brauchen Menschen mit Hautfarbe XYZ nicht. Wir könnten in einer friedlichen Welt mit gesunder Umwelt sehr gut ohne sie leben."), würde dies sofort als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erkannt werden (hier: ziemlich plumper Rassismus). In welchem Universum ist eine solche Aussage über "Männer" nicht einfach nur zutiefst sexistisch? Wieso ist es in Ordnung, Menschen aufgrund essenzieller Eigenschaften pauschal abzuwerten, nur, weil diese Eigenschaften als gesellschaftlich hegemonial betrachtet werden?

    • @Stinepizza :

      Ich verfüge zwar selbst über das Chromosomenpaar XY und gehöre keiner Minderheit an, aber ich kann das Ansinnen gut verstehen. Ich fände ja ein ironisches Frauenbegehren "Berlin männerfrei" analog zu "Berlin autofrei" ganz erfrischend. Davon abgesehen kann man vermutlich nicht viel machen außer die Hersteller von KI Software mächtig an die Kandarre zu nehmen. So einfach wie es aktuell ist, Deep Fakes zu produzieren, kann es nicht bleiben. Die "Männer" als Ganzes umzuerziehen wird noch ein paar Jahrhunderte dauern fürchte ich.