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Eisschnelllaufchef versus PressefreiheitDer unwählbare Präsident

Eisschnelllaufchef Matthias Große zeigt, wie autonom und schwach der deutsche Sport ist. Einer Fehde mit Journalisten ordnet er alles unter.

Mit Furor und einer Power-Point-Präsentation hat sich Matthias Große gegen die Berichterstattung der ARD gewehrt Foto: Britta Pedersen/dpa

N ehmen wir einmal an, die Recherche der ARD über die miserablen Zustände im deutschen Eisschnelllauf und Shorttrack wäre frei erfunden, ebenso wie das beschriebene Klima der Angst. All das würde jeglicher Grundlage entbehren und wäre Ergebnis dilettantischer journalistischer Arbeit, die sich nur aus Böswilligkeit nährte.

Müsste es für den Präsidenten dieses Sportverbandes nicht ein Leichtes und ein Genuss sein, die dafür Verantwortlichen in vorderster Reihe zu platzieren, um ihr miserables Werk vor den Augen der Kolleginnen und Kollegen mit Präzision und Besonnenheit zu zerpflücken?

Getragen am besten von unbefangen auftretenden Sportlerinnen und Sportlern aus den unterschiedlichen Bundesstützpunkten, die glaubhaft bezeugen könnten, seit Amtsantritt von Matthias Große im Jahr 2020 nie finanziell geschröpft und stets wie mündige Menschen behandelt worden zu sein.

Nun, Kufensportler waren am Donnerstag nicht anwesend. Und Große, der einst eine Militärlaufbahn in der DDR anstrebte, wollte lieber laut werden, um zu zeigen, dass er recht hat. So laut, dass sein inhaltlicher Vortrag bei den Medienvertretern vor Ort kaum haften blieb. Sie schrieben und redeten beeindruckt darüber, mit welchem Furor er über die ARD-Journalisten Hajo Seppelt und Jörg Mebus herzog, wegen deren Bericht alle zusammengekommen waren. Nur Seppelt und Mebus nicht, denen hatte Große ein Hausverbot erteilt.

Wie ein Mini-Trump

Eine Schimpfkanonade ließ er über die Ausgeschlossenen los. Ohrenzeugen berichten von Wörtern wie Lügner, Hassspiele, Schmutzkampagne und Denunziation. Und der wohlhabende Immobilienmann kündigte an, sein Vermögen und alles, was er habe, dafür einzusetzen, um nicht mehr so in Verruf gebracht zu werden. Dass der Verbandspräsident, der sein Sportreich mit Steuergeldern des Bundes regiert, sich bei seinem Feldzug notfalls selbst über das Grundgesetz stellt, das freie Berichterstattung garantiert, machte er bereits am Donnerstag deutlich. Er gebärdete sich wie ein Mini-Trump. Sollte das auf die eine oder den anderen einschüchternd wirken, ist das vermutlich nicht unerwünscht.

Der Demokratie-Nachhilfeunterricht und die Rügen, die er von Journalistenverbänden und dem Deutschen Olympischen Sportbund erhielt, werden ihn kaum zähmen. Im Kampf gegen die Dopinganschuldigungen, der sich seine Lebensgefährtin Claudia Pechstein ausgesetzt sah, hat sich Große selbst in Bundestagsbüros einen Namen als entfesselter Einschüchterer gemacht.

Nach seiner Wahl zum Sportsverbandschef erklärte er 2020: „Jetzt bin ich vom Unwählbaren zum klaren Präsidenten geworden.“ Mit seinem beispiellosen Auftritt von Donnerstag hat sich Matthias Große wieder zum „Unwählbaren“ gemacht. Verloren hat an diesem Tag, an dem Große alles seiner Fehde mit zwei Journalisten unterordnete, der deutsche Sport. Viel zu leicht kann er in Hände von Despoten geraten.

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taz-Sportredakteur
Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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