Eine Ode an die Linden: Unbeirrt lässig
Linden sind toll, findet unser Kolumnist. Sie trotzen jedem rauen Wind und dürfen als androgyn-fluide Baumart der Hauptstadt den Stempel aufdrücken.
Foto: Chromorange/imago
E s ist an der Zeit, dass ich diesen Platz den Bäumen vor meiner Tür widme. Aus meinem Kreuzberger Fenster blicke ich drei hochgewachsenen Linden in die Krone. Jedes Jahr im Frühjahr, wenn der Lauf der Jahreszeiten wieder ins Gütliche kippt, ziehen sie mich aufs Neue in ihren Bann.
Sie sind wirklich sagenhaft prächtig und mit ihrer stattlichen Größe ziemlich stolze Wesen. Vor ein paar Wochen erst warfen sie sich ihre grünen Kleider über und posen nun wieder imposant dem Sommer entgegen. Ihr Geäst mal in die Hüften gestemmt, mal nach oben gestreckt, trotzen sie jedem rauen Windstoß und dem wilden Treiben des in Berlin meist krähenden Gefieders. Leute, Linde müsste man sein!
Was auch immer auf der Welt geschieht, sie bleibt unbeirrt lässig. Trump bläst zum nächsten Krieg? Die Linde grünt! Der Kanzler lässt verbal einen fahren? Die Linde strahlt! Meine seelischen Schatten stehen wieder Schlange? Die Linde hat keinen Schatten, sie wirft ihn. Die Linde ist der Chuck Norris unter den Berliner Bäumen. Gott habe ihn selig!
Der strammkonservativen und hypermaskulinen Kultfigur hätte der Vergleich nicht gefallen. Linden sind nämlich nicht geschlechtlich trennbar. Sie haben „zwittrige Blüten“, so nennt man das. Sie sind also zugleich männlich und weiblich, tragen Staub- und Fruchtblätter am selben Baum. Linden sind Rainbow! Sie sind die Queeren unter den Berliner Bäumen. Andere Arten können das auch, aber die Linde stellt mit Abstand die größte Gruppe unter den hölzernen Fraktionen der Berliner Stadtbäume – und des Abgeordnetenhauses.
Süßer Duft und gereifte Blüten
Mit der Blüte steht ihre eigentliche Hochzeit aber erst noch bevor: Nur noch wenige Tage bis Wochen und sie verströmt, einer übertrieben parfümierten Drag Queen gleich, ihren süßen Duft in den Straßen und Parkanlagen einer Stadt, in der sonst der Gestank von Ammoniak dominiert. Dann herrscht wieder großes Gedränge vor ihren gereiften Blüten. Wenn sich rund um die Uhr Bienen, Hummeln und Nachtfalter vor ihnen tummeln, um ihren Rüssel mit Blütenstaub zu pudern. Berghain Vibes direkt vor meinem Fenster.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Aber – um im Bild zu bleiben – erst mal wird es ziemlich klebrig. Denn der Honigtau macht sich breit. Das mag nach süßem Gaumenschmaus klingen, ist jedoch Autobesitzenden ein natürlicher Graus. Daran ist nicht das linksgrün versiffte Gehölz schuld, sondern die gemeine Lindenblattlaus. Zu Millionen fällt sie über die saftigen Blätter her, um sich in einem schier endlosen Gelage ihren Nektar einzuverleiben.
Wenn Unter den Linden mal keine Nobeladresse ist
Die heißhungrigen Läuse brauchen vor allem das Protein der Linde und scheiden die vielen Kohlenhydrate aus dem gefragten Baumelixier als Zucker aus. Es sind also Exkremente, die als subversiv klebriger Schleier das Fahrzeug bedecken und im blödesten Fall den Lack angreifen. Sagen wir es mal so: Unter den Linden ist in dieser Phase keine so noble Adresse.
Das Original kann eh längst nicht mehr mithalten. Jede noch so kleine lindenbebäumte Berliner Seitenstraße bietet größere Exemplare als der diesbezüglich pseudohafte Prachtboulevard im Regierungsviertel. Wer heute zwischen Brandenburger Tor und Humboldt Forum flaniert, sieht im Vergleich zu den Berliner Kiezen schmächtige Bäumchen. Das liegt nicht nur am Inferno der letzten Kriegsjahre vor über achtzig Jahren und am U-Bahnausbau in jüngster Zeit. In ihrem faschistischen Größenwahn ließen die Nationalsozialisten für ihre Paraden anlässlich der Olympischen Spiele 1936 auf der Mittelpromenade alle Linden fällen.
Umso besser, dass die androgyn-fluide Baumart weiterhin der Hauptstadt ihren Stempel aufdrückt. Jeder autoritär erträumten Binarität zum Trotz.
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