Karneval der Kulturen in Berlin: Viel mehr als Folklore und exotische Trachten
Zu Pfingsten schaut sich unsere Kolumnistin immer beim Karneval der Kulturen um. Aber auch eine erfahrene Karnevalsgängerin kann da noch was lernen.
S oweit ich mich erinnern kann, war ich seit Ende des vergangenen Jahrtausends eigentlich auf jedem Karneval der Kulturen – meist dienstlich, erst ein paar Jahre lang als Reporterin für Radio Multikulti, dann fast zwei Jahrzehnte für die taz. Ich habe viele kluge und weniger kluge Texte über den KdK geschrieben, oft seinen Kritiker*innen widersprochen, die das Fest als Multikultispektakel abtaten, das Zuwander*innen auf Folklore und exotische Trachten reduzierte – und habe mir Jahr für Jahr wieder Gedanken darüber gemacht, welchen Aspekt dieses wichtigsten Berliner Volksfestes ich diesmal hervorheben kann.
Und als ich es dann nicht mehr musste, bin ich weiterhin ganz privat zum Karneval gegangen – nicht hinzugehen, schien mir ebenso unmöglich, wie etwa Weihnachten ganz und gar zu ignorieren: Beides gehört zu meiner Lebensart, ist Teil meiner Kultur.
Am diesjährigen Pfingstwochenende gab mir mein jetziger Job die Gelegenheit, den Karneval von einer ganz neuen Seite zu erleben: Ich konnte mit helfen, einen Stand der Berliner Arbeitsgemeinschaft für offene Kinder- und Jugendarbeit auf dem Kinderfest des KdK im Görlitzer Park zu betreuen. Und es ist mir zwar peinlich, das zuzugeben, aber ich glaube, ich habe die Bedeutung des Karnevals der Kulturen erst jetzt richtig verstanden.
Dabei war ich anfangs durchaus skeptisch gegenüber den Plänen, mit denen der (viel erfahrenere) Kollege, der den Stand organisiert hatte, dort die Kinder bespaßen wollte: Postkarten bemalen und an einen lieben Menschen schicken? Schöne Idee, aber malen tun die Kleinen in Kitas und Grundschulen doch eh jeden Tag, oder nicht? Und dann hatte er tatsächlich noch 12 kleine Fähnchen mitgebracht, auf denen die Wappen der Berliner Bezirke abgebildet waren: „Flaggenquiz!“, sagte er strahlend. Ich – bar jeglicher pädagogischen Qualifikation – dachte: Na ja. Mal sehen. Und ich sah.
Die Kinder und Eltern, die unseren Stand besuchten, kamen aus Korea, Ghana und Steglitz-Zehlendorf, aus Bulgarien, Sri Lanka und Friedrichshain-Kreuzberg, aus Italien, Brasilien und Charlottenburg-Wilmersdorf, aus Bayern, Nordirland und Neukölln, aus der Ukraine, der Türkei und Marzahn-Hellersdorf, aus Kolumbien, Palästina und Reinickendorf, aus Iran, der Schweiz und Lichtenberg – unter anderem. Kein Kind, dem nicht gleich ein lieber Mensch einfiel, an den von unserem „Postamt der Liebe“ aus eine Karte zu schicken wäre, kaum eines, das nicht zwei oder auch drei Sprachen sprach.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Und kaum jemand, der sich nicht bald auch für die kleinen Fähnchen auf unserem Tisch interessierte: Welches Wappen ist denn von unserem Bezirk? Warum ist hier eine Ritterburg, dort ein Fuchs, da ein Kreuz, warum sind auf diesem Fische drauf?
Und während ich zwei Mädchen dabei zusehe, wie sie Postkarten an Omas bemalen, die beide nicht verschickt werden können – denn die eine Oma ist kürzlich verstorben, die andere lebt in Iran und kann dort gerade weder Post empfangen noch angerufen werden –, begreife ich: Der Kollege hat eine praktische Lehrstunde dessen geschaffen, was ich in meinen vielen Texten über den Karneval der Kulturen schon so oft theoretisch aufgeschrieben hatte: Nein, man muss, um hier anzukommen, nicht aufgeben, was man selbst, die Eltern, die Großeltern als Einwander*innen mitgebracht haben. Man kann das alles sehr gut und unproblematisch in einem Menschen, in einem Kind unterbringen, es „integrieren“: wenn man es einfach als Lebensrealität akzeptiert und behandelt und vielleicht etwas kluge pädagogische Unterstützung bekommt, wenn man sie braucht.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert