Eine Begegnung in Ramallah: Wären wir nicht die, die wir sind

Ein Ausflug zu einem palästinensischen Freund in Ramallah. Heißt: Essen, Trinken – und ein verstörendes Gespräch über den Holocaust.

Straßenszene in Ramallah

Der Holocaust wird in palästinensischen Schulen kaum erwähnt: Straßenszene in Ramallah Foto: Gianluca Cecere/laif

JERUSALEM/RAMALLAH taz | Auf dem Weg zum Busbahnhof in Ostjerusalem, dem palästinensischen Teil der Stadt, verändern sich die Gerüche. Zur altbekannten Mischung von eingestandenem Urin, Schweiß und Müll gesellen sich frisch gemahlener Kaffee und Grillfleisch. Wenige Minuten nachdem wir die Stadt verlassen haben, sehen wir durch die Fensterscheiben im Bus ein rotes Schild. „Diese Straße führt in die Zone A der Palästinensischen Autonomiebehörde. Das Betreten ist israelischen Staatsbürgern untersagt, gefährlich und gegen das Gesetz“, warnt es uns auf Hebräisch, Arabisch und Englisch.

Seit den Gewaltausbrüchen und Anschlägen der zweiten Intifada, dem Volksaufstand der Palästinenser:innen, der im Jahr 2000 begann und fünf Jahre lang andauerte, dürfen Israelis palästinensische Städte aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten. Mein ebenfalls israelischer Begleiter und ich wollen trotzdem nach Ramallah und nehmen die Gefahr in Kauf, dafür von der israelischen Armee einen Strafzettel über mehrere hundert Euro zu kassieren – kontrolliert wird schließlich am Checkpoint auf dem Rückweg, wir schaffen es aber, uns herauszureden. Für die kurze Strecke von 20 Kilometern nach Ramallah brauchen wir beinahe zwei Stunden. Enge Straßen, die Sperranlage aus Beton, Checkpoints und kilometerlange Staus machen den Verkehr in Palästina zur Strapaze.

Bei Sonnenuntergang sitzen wir auf Khaleds (alle Namen geändert) Dachterrasse im Zentrum von Ramallah. Die Sommerluft ist hier angenehmer als zu Hause in Tel Aviv, gelegentlich spüre ich sogar einen Anflug von Wind auf meinem Gesicht. Khaled serviert Pitabrot, Hummus, Tahini und Salate. Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Laut und herzlich, hat er sich kaum verändert, reißt genauso wie früher ununterbrochen Witze. Wären wir nicht die Menschen, die wir sind, könnten wir so abhängen. Beide wollen wir einfach nur sein, haben genug von der Politik, von der Besatzung, die uns beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, belastet. Beide wissen wir, eigentlich ist alles schon längst und viel zu oft gesagt worden. Deshalb trinken wir Bier und scherzen. Dann kommen wir trotzdem irgendwie auf den Holocaust.

Khaled: „Darf ich einen Witz darüber machen?“

„Nein, die finde ich meistens nicht lustig.“

Khaled: „Was ist der Unterschied zwischen einem Juden …?“

„Der eigentliche Witz ist doch, dass man in Palästina nicht so richtig an den Holocaust glaubt.“

Khaled: „Das stimmt, wir haben nicht viel für den Holocaust übrig. Er wurde nicht nur an Juden, sondern an Behinderten, an Sinti und Roma, an Homosexuellen, an vielen anderen begangen. Die Juden beanspruchen ihn nur gerne für sich, und Israel missbraucht ihn, um für Unterstützung zu werben und diese als Waffe auf uns Palästinenser zu richten. Wir zahlen seit 70 Jahren den Preis für den Holocaust.“

Khaleds Freund Rami: „Im Zweiten Weltkrieg starben 50 Millionen Menschen. Warum kriegen Juden die Ex­trawurst?

Khaled: „Weil das eine systematische Vernichtung war, das macht schon einen Unterschied. Das kann man nicht mit allen Kriegsopfern vergleichen.“

Ich muss mich beherrschen

Immerhin. Geht doch, denke ich mir. Doch ich muss mich beherrschen. Dass jemand in meinen Kreisen in Deutschland so über den Genozid an sechs Millionen jüdischen Menschen spricht, wäre undenkbar. In Deutschland sagt man Sachen wie: Verantwortung für Geschichte übernehmen, Erinnerungskultur, Antisemitismus bekämpfen, Staatsräson, „Nie wieder!“. Mit diesem Wortschatz bin ich als Enkelin von Holocaust-Überlebenden aufgewachsen, zum Glück. Hier in Ramallah ist alles anders. Es verweben sich Familiengeschichte, Identität, Konflikt und Schmerz. Khaled Holocaust-Verharmlosung vorzuwerfen und damit unsere Freundschaft zu beenden, ist mir zu simpel. Was in Deutschland ein inakzeptabler Tabubruch ist, hat hier noch eine andere Dimension.

Khaled wuchs in Tulkarem auf, einer Stadt im nördlichen Teil des Westjordanlandes, in einer streng religiösen arabischen Familie. Zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das Gefühl der Angst, als israelische Soldaten seine Mutter bei einer Dokumentenkontrolle auf Hebräisch anschreien. Israelis, das sind für ihn Menschen in grünen Armeeuniformen, die ihn erniedrigen, schlagen, einsperren, ihn zum Informanten machen wollen. Dass ich überhaupt auf seiner Dachterrasse sitzen darf, ist nicht selbstverständlich.

Aus palästinensischer Sicht vernichteten die Deutschen Millionen von Jüdinnen und Juden; die Nationen der Welt – insbesondere die europäischen Nationen – fühlen sich deswegen bis heute schuldig und gewährten dem jüdischen Volk einen Teil eines Landes, das ihnen nicht gehörte.

Der Holocaust wird in palästinensischen Schulen kaum erwähnt. Fehlinformationen und Verleumdung sind weit verbreitet. Das gängige Narrativ erklärt den Völkermord an den Juden zur eigentlichen Ursache der eigenen Katastrophe, der Nakba, von 1948. Während der Nakba verloren über 700.000 palästinensische Menschen ihr Zuhause.

Sicherheit für jüdische Menschen

Sowohl in der israelischen als auch in der palästinensischen Gesellschaft herrscht häufig die Auffassung, dass Israel als Antwort auf den Holocaust entstanden ist. Historische Forschungen haben gezeigt, dass dem nicht so ist. Der israelische Holocaust-Historiker Yehuda Bauer spricht von einem indirekten Zusammenhang: Die Bestrebung des Zionismus war es schon Ende des 19. Jahrhunderts, einen jüdischen Staat in Palästina zu errichten. Die Überlebenden bildeten zwar ein zentrales Element bei der Erlangung der Unabhängigkeit, doch der Holocaust gefährdete den Kampf um den eigenen Staat auch, da er das Hauptreservoir einer jüdischen Massenemigration aus Osteuropa nach Palästina vernichtete. Der Staat Israel wurde also nicht wegen, sondern trotz des Holocaust gegründet.

Ein Drittel der Kämp­fe­r:in­nen im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 hatten die Gräuel in Europa überlebt und waren erst vor Kurzem in das Mandatsgebiet Palästina eingewandert – oft illegal und unter Lebensgefahr. Viele von ihnen kämpften um eine nationale Heimstätte, in der sich jüdische Menschen sicher fühlen können. Aber meine Diskussion mit Khaled ist kein Gespräch zwischen Historiker:innen. Viel gewichtiger als Tatsachen sind die Emotionen, die mit historischen Ereignissen in Verbindung gebracht werden.

„Die Nakba geht immer weiter“, sagen meine palästinensischen Freun­d:in­nen oft und meinen damit nicht nur den historischen Schmerz der Vertreibung und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, sondern die anhaltende Unterdrückung ihres Volkes durch Israel. Die Machtasymmetrie zwischen den zwei Seiten, jüdischen Israelis und Palästinenser:innen, ist aus meinem Gespräch mit Khaled nicht wegzudenken.

Das israelische und das palästinensische Narrativ sind unvereinbar. Gemeinsam ist ihnen die Leugnung des Schmerzes auf der jeweils anderen Seite.

Warum Empathie?

Aus palästinensischer Sicht ist es schwierig, Empathie für das Leiden der Gegenseite zu empfinden, das Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt, während sie selbst in der Gegenwart tägliches Leid erfahren. Khaled hält Holocaust-Pädagogik in palästinensischen Schulen für überflüssig, solange jüdische Israelis nicht das Leid seines Volkes anerkennen wollen. „Warum sollte ich Empathie für die Besatzer empfinden, die mich seit Jahrzehnten unterdrücken, für die wir gar keine Menschen sind?“, fragt er mich auf der Dachterrasse.

Weil auch Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen über den Holocaust Bescheid wissen müssen, um mit Jüdinnen und Juden zu kommunizieren, schreie ich ihn an. Weil niemand das Monopol über menschliches Leiden hat, weder Israelis noch Palästinenser:innen. Weil wir Menschlichkeit brauchen, um die Geschichte des jeweils anderen zu verstehen. Geradezu so, als habe das Opfer immer recht, hält man stattdessen den anderen automatisch für den Täter. Die Gräuel des Holocaust dabei nicht zu verharmlosen, bedeutet nicht, das eigene Leiden oder die Forderung nach Gerechtigkeit zu verraten. Habe ich diese Perspektive nur, weil ich privilegiert bin? Vielleicht, aber das ist mir in diesem Moment egal.

Trotz fundamentaler Unterschiede zwischen der Ermordung der europäischen Juden und der palästinensischen Nakba sind beide Tragödien und das dadurch ausgelöste Trauma eng miteinander verflochten. Sie prägten den weiteren Geschichtsverlauf, das nationale Bewusstsein und die Identität von Israelis und Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen auf jeweils unterschiedliche Weise.

Beide Narrative in sich zu halten, ohne die andere Seite zu delegitimieren, ist emotional schwierig. Aber ich weiß auch, Empathie zu empfinden ist einfacher, wenn man sich auf der bequemen Seite der Landkarte in Sicherheit wähnt.

„Kannst du ihm seine Gefühle tatsächlich verübeln, nach allem, was ihm angetan wurde?“, fragt mein israelischer Begleiter mich in der Früh nachdenklich, als wir durch den farbenprächtigen Markt von Ramallah schlendern und Kaffee trinken. „Ich kann es nämlich nicht.“

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geboren 1989, ist freie Journalistin. Sie wanderte als Kind jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland ein und zog zum MA-Studium nach Israel. Mittlerweile ist sie israelische Staatsbürgerin. Bis zur Coronapandemie leitete sie politische Studienreisen in Israel und Palästina und führte Gruppen durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

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