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Ebola-Patient in BerlinSo läuft die Behandlung in der Charité an

Auf der Sonderisolierstation haben medizinische Fachkräfte einen US-amerikanischen Arzt aufgenommen. Er hatte sich in der DR Kongo mit dem Ebolavirus infiziert.

Im Bild eine Übung. Für den US-amerikanischen Arzt wurde es in der Nacht zu Mittwoch ernst: Aufnahme auf der Sonderisolierstation Foto: Thomas Banneyer/dpa

dpa afp | In der Berliner Charité läuft die Betreuung des in der Nacht aufgenommenen US-Amerikaners mit einer Ebola-Infektion an. Die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte kümmerten sich jetzt um die medizinische Diagnostik und Versorgung, hieß es vom Unternehmenssprecher der Universitätsklinik Markus Heggen auf Anfrage der taz. „Zum jetzigen Zeitpunkt äußern wir uns nicht zum Gesundheitszustand des Patienten.“

Bei dem US-Patienten handelt es sich nach Angaben der christlichen US-Hilfsorganisation Serge um ihren Arzt, der mit seiner Ehefrau – ebenfalls eine Ärztin – und vier Kindern in der Demokratischen Republik Kongo lebte und arbeitete. Nach Informationen des Bundesgesundheitsministeriums werden derzeit auch seine Frau und seine vier Kinder auf die besonders geschützte Sonderisolierstation des Universitätsklinikums gebracht. Sonst befinden sich keine weiteren Patienen dort, die Station werde „anlassbezogen geöffnet“.

Die Sonderisolierstation der Charité hat eine hochspezialisierte Infrastruktur für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hochansteckenden lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten.

Ein wesentlicher Vorteil dieser Struktur liege in ihrer operativen Unabhängigkeit und Flexibilität. Die Station verfüge über eigene Zugangswege, Schleusensysteme, Lüftungs- und Filteranlagen mit Unterdrucktechnik sowie eine geschlossene Abwasseraufbereitung, heißt es. Dadurch könne auch bei hochgefährlichen Erregern oder bei den genannten Kontaminationslagen eine sichere Versorgung gewährleistet werden. Laut Markus Heggen ist der Betrieb flexibel in unterschiedlichen Schutzstufen möglich: von Vorsichtsmaßnahmen bei unklaren Kontaktverläufen bis hin zur maximalen Isolation unter Verwendung von Gebläseschutzanzügen und erweiterten Dekontaminationsverfahren.

Bei Bedarf sei auch eine intensivmedizinische Behandlung möglich, einschließlich künstlicher Beatmung, Organersatzverfahren oder Dialyse sowie chirurgischer Eingriff, so der Sprecher der Charité.

Das medizinische Personal betrete die Isolationsbereiche ausschließlich in spezieller Schutzkleidung mit integriertem Luftfiltersystem. Das Anlegen dieser Schutzkleidung sei aufwändig und dauere etwa 20 Minuten, das Ablegen und anschließende Entsorgen nehme ebenfalls rund 20 Minuten in Anspruch, so Heggen. Das Arbeiten sei eine extreme Belastung und zeitlich streng begrenzt. Weitere Mitarbeitende würden außerhalb der Isolationsbereiche kontinuierlich über Monitore den Zustand des Patienten überwachen, heißt es.

Wie gefährlich ist es für die Bevölkerung, wenn ein Ebolainfizierter nach Deutschland kommt?

Weder für die Bevölkerung noch für Patientinnen und Patienten der Charité, wo der Mann behandelt werden soll, besteht Gefahr, wie das Bundesgesundheitsministerium betont.

Auch im Umgang mit möglicherweise kontaminierten Materialien gelten höchste Sicherheitsstandards. Das Abwasser werde in speziellen Tanks gesammelt, aufbereitet und neutralisiert. Die gebrauchten Schutzanzüge und anderer Müll werden durch ein spezialisiertes Unternehmen entsorgt. Darüber hinaus werde die Abluft des Gebäudes durch zwei Filtersysteme gereinigt, bevor sie nach außen geleitet wird.

Warum kommt der Patient auf die Sonderisolierstation der Charité?

Die Sonderisolierstation der Charité ist laut Ministerium die größte Einrichtung dieser Art in Deutschland – und zudem die Einzige, die Infektiologie und Intensivmedizin miteinander verbindet. Das Personal trainiere zweimal im Monat Abläufe und Notfallszenarien. Die Station sei eine in sich geschlossene Einheit und ermögliche die Isolation von bis zu 20 Personen gleichzeitig, ohne die Abläufe des restlichen Krankenhauses zu beeinträchtigen.

Wie verläuft die Krankheit?

Die Übertragung von Ebolaviren von Mensch zu Mensch erfolgt in aller Regel durch direkten Kontakt mit bereits erkrankten Personen oder deren Körperflüssigkeiten. Die Krankheit beginne dann oft ähnlich wie eine Grippe oder auch eine Durchfallerkrankung, sagt Fabian Leendertz vom Helmholtz Institut. Dann werde der Verlauf allerdings schwerwiegender. Letztlich sei die Todesursache in den meisten Fällen Multiorganversagen.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schätzt den Ebolaausbruch in der Demokratischen Republik Kongo als dramatisch ein – hält eine kontrollierte Versorgung aber für möglich. „Ebolabehandlung ist kompliziert und auch nicht ungefährlich, aber es ist auch kein Grund, in Panik zu verfallen.

Man kann in einem kontrollierten Setting gut damit umgehen“, sagte der Epidemiologe Maximilian Gertler von der Charité in Berlin dem RBB-Inforadio. Dieses kontrollierte Setting wolle man in der Region etablieren für die Patientenversorgung. „Das ist unser Fokus, da kennen wir uns aus, da kann man dann auch viel erreichen.“

„Das sind wirklich dramatische Zahlen, gerade dafür, dass die Epidemie erst seit drei Tagen bekannt ist“, sagte der Epidemiologe. „Da muss man annehmen, dass es schon eine ganze Zeit schon sehr fortgeschritten ist, ohne dass das diagnostiziert werden konnte und die Epidemiebekämpfung starten konnte.“ Es handle sich im Allgemeinen um lokale Geschehen, „bei denen die Infektion gar nicht so ansteckend ist wie zum Beispiel ein atemwegsübertragenes Virus“. In einer Region mit schwacher Infrastruktur und politischer Instabilität gebe es aber keine vernünftige Versorgung.

„Im Moment sind wir damit beschäftigt, Teams und Experten auf der ganzen Welt zusammenzutelefonieren, die wir in unseren Einsätzen bereits hatten oder die sich mit diesen Erkrankungen auskennen“, sagte der Facharzt. „Wir ziehen Personal aus Projekten in Afrika zusammen in die Region. Wir mobilisieren tonnenweise Material mit Schutzausrüstung und Gerät, um Isolierstationen zu improvisieren, zu bauen.“

Im Kongo wurden nach Angaben der WHO bisher 51 Infektionsfälle bestätigt. Wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Mittwoch in Genf sagte, gibt es zudem fast 600 Verdachtsfälle, darunter auch 139 Todesfälle. „Wir erwarten, dass die Zahlen weiter steigen werden“, sagte Tedros, der sich bereits am Dienstag „zutiefst besorgt“ über das „Ausmaß und die Geschwindigkeit“ der Ebola-Ausbreitung gezeigt hatte. (mit dpa/afp)

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