E-Scooter in Hamburg: Kampf um die Gehwege
Die elektrischen Roller gehören in Hamburg auf Fußwegen geparkt. Dabei ist für die erforderlichen 1,60 Meter Abstand oftmals kein Platz.
Hm. Das Ding steht mitten auf dem Gehweg der Timmendorfer Straße in Hamburg-Rahlstedt. Rechts parkt ein Lieferwagen, links pieksen die Zweige einer Hecke und in der Mitte steht ein E-Roller mitten auf dem Gehweg. Als Fußgänger kommt dort nur vorbei, wer sich seitlich vorbeischlängelt. Am Lenker leuchtet ein grünes Licht keck in die Dunkelheit. Hier hat jemand sei Leihgefährt direkt vor seiner Haustür geparkt. Free Floating heißt das Prinzip.
Etwa 30.000 Leihroller gibt es inzwischen in der Stadt. Dass sie im Weg stehen, ist seit ihrer Einführung 2019 immer mal Thema. Zunächst galt dies als „Gemeingebrauch“ der Straße, also so erlaubt wie Spazierengehen.
Im Februar 2025 schloss Hamburg dann mit fünf Anbietern einen „Sondernutzungsvertrag“. Der regelt einiges, zum Beispiel, dass für jedes Gefährt 2 Euro im Monat erhoben werden und dass es 30 Euro kostet, wenn ein Roller von der Stadt aus dem Weg geschafft werden muss.
Von den rund 800.000 Euro, die Hamburg damit einnimmt, sollen unter anderem feste Abstellflächen bezahlt werden. „Wer kennt das nicht? E-Scooter mitten auf dem Gehweg, direkt vor der Haltestelle“, fragte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf jüngst in einem Video, das ihn mit Roller zeigt, und versprach: „Das ändern wir jetzt.“ Denn Hamburg richtet an hundert Haltestellen für U-Bahn, S-Bahn und Bus digitale Abstellzonen ein.
Zubringer zu Bus und Bahn
Für diese Orte wird eine Lösung geboten. Eine günstige, die die Kosten für Farbstreifen spart. Es gibt dort über sogenanntes Geofencing virtuell festgelegte Plätze. „Wer versucht, seinen Scooter außerhalb dieser Zonen abzustellen, kann die Miete in der App nicht beenden“, schreibt die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM).
Die Flächen würden dort errichtet, wo genug Platz ist, um Konflikte mit Fußgängern zu vermeiden. Insgesamt 370 Flächen gibt es an diesen Haltestellen. Zusammen mit 54 bestehenden Parkzonen für E-Scooter biete Hamburg damit 424 definierte Abstellflächen.
Das klingt nach viel. „So machen wir Hamburg wieder ein Stück attraktiver und sicherer“, erklärt der grüne Verkehrssenator Anjes Tjarks. Mit E-Scootern würden heute kurze Distanzen zu Bus oder Bahn zurückgelegt. Sie hätten sich „besonders bei jüngeren Menschen als Verkehrsmittel etabliert“.
Heike Sudmann, Bürgerschaftsabgeordnete, Die Linke
E-Scooter benötigten weniger Platz als Autos und könnten dazu beitragen, „kurze Wege im Alltag flexibel und emissionsarm zurückzulegen“, schreibt auch eine Sprecherin der Verleihfirma Lime. „Unser Anspruch ist, dass E-Scooter ihren Beitrag zur Mobilität leisten, ohne Gehwege, Zuwege oder Blindenleitsysteme zu blockieren.“
Dabei setze man auf eine Kombination aus edukativen Maßnahmen wie Push-Nachrichten an Nutzer, technischen Maßnahmen und operativer Kontrolle. In Hamburg läuft sogar täglich eine „Fußpatrouille“ der Verleihfirmen acht Hot-Spot-Routen ab, wie der Senat berichtet.
Und doch scheint das Problem auf den Fußwegen nicht gelöst. So beklagte Hamburgs Sozialverband SovD kürzlich, dass sich nichts verbessert hat. „Nach wie vor werden die Roller nach der Nutzung auf den Bürgersteigen abgestellt, immer noch behindern sie vor allem Menschen, die sinneseingeschränkt oder nicht besonders mobil sind“, kritisiert der Vorsitzende Klaus Wicher.
Der SoVD hatte bereits 2024 gemeinsam mit Verbänden der Menschen mit Behinderung feste Abstellzonen gefordert. Doch zu wenig sei passiert.
Linksfraktion mit Fotobeweis
Hamburgs Linksfraktion machte nun eine Probe aufs Exempel und dokumentierte fotografisch, dass an einem U-Bahnhof auch nach Aktivierung des „Geofencing“ noch Roller in der Abstell-Verbotszone standen. Dazu erklärt die Verkehrsbehörde, dies könne passieren, wenn die Miete des Geräts weiterläuft. Eine Strafgebühr können trotzdem erhoben werden.
Doch auch das Umstellen falsch abgestellter Roller passiert eher selten, das legt die Antwort des Senats auf eine Große Anfrage der Linksfraktion nahe. So stellte die Stadt im Jahr 2025 den Verleihfirmen dafür 30.930 Euro in Rechnung. Umgerechnet auf jene Gebühr von 30 Euro bedeutet dies, dass pro Tag nicht mal drei Fahrzeuge umplatziert wurden.
„E-Roller nerven und gefährden unverändert“, folgert die Linke Verkehrspolitikerin Heike Sudmann. „Die Versprechen des Senats, Stolperfallen zu beseitigen, bleiben uneingelöst.“
Die Gehwege sind vielerorts zu schmal
Immerhin kann jeder, der sich gestört fühlt, an ein Beschwerde-Postfach der Stadt oder an die Hotlines der Verleiher schreiben. Wann ein Gerät falsch abgestellt sei, das richte sich nach den auch für Fahrrädern geltenden Vorschriften, erklärt Hamburgs Verkehrsbehörde der taz.
Nämlich dann, wenn „eine freibleibende Restgehwegbreite von 1,60 Metern oder weniger vorhanden ist und/oder Zuwegungen, Rettungswege oder Eingänge zugeparkt wurden“. Doch da in Hamburg etliche Gehwege nur aus drei Platten à 50 Zentimetern bestehen, dürfe das Abstellen vielerorts schwierig sein.
Auf den Parkplätzen für Autos dürfen Roller leider nicht stehen. Das sei „grundsätzlich nicht zulässig, es sei denn, das Parken für E-Scooter ist durch Beschilderung freigegeben“, schreibt die Behörde. Die simple Lösung, einfach den Autos den Raum zu nehmen, gibt es also nicht.
Berlin besser als Hamburg
Die Großstadt Berlin geht jetzt einen anderen Weg. So wurde dort jüngst zwischen dem Senat und dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) vereinbart, das Freefloating, also das ungeordnete Abstellen der E-Scooter auf Gehwegen, zu beenden.
Dort sollen Gebiete clusterweise mit festen Abstellflächen versehen werden. Die Rede ist von etwa 3.000 Stationen. Streitpunkt ist noch die Zeit. Berlins Senat plant dies bis 2035. Das dauert dem ABSV viel zu lange.
Auch Hamburgs Linke hatte in ihrem letzten Wahlprogramm solche festen Abstellstationen gefordert. Inzwischen fragt sich Sudmann, wozu Hamburg E-Scooter noch braucht. „Die anhaltende Gefährdung der Fußgänger*innen und der praktisch bei null liegende Beitrag zur Verkehrswende sprechen jedenfalls nicht für sie“, findet die Abgeordnete. Wohl aber die Beliebtheit bei jungen Leuten: Laut den Anbietern steigt die Zahl der Fahrten an.
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